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Rezensionen

Andreas Mader setzt die Zeit in Bewegung

W
· 5 Min. Lesezeit
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Andreas Mader setzt die Zeit in Bewegung

Bewegung als Leitmotiv: Das ist der Ausgangspunkt von In Motion, dem neuen Album des österreichischen Saxophonisten Andreas Mader, aufgenommen mit einem ausgewählten Ensemble von elf Musikern unter der Leitung von Dirigent Pit Brosius. Das Programm ist geschickt um das Thema Zeit und Bewegung zusammengestellt und bietet eine überraschend zusammenhängende Reise durch fast ein Jahrhundert Kammermusik, vom Neoklassizismus bis zur zeitgenössischen amerikanischen Musik.

Die Platte eröffnet mit dem Concertino da camera von Jacques Ibert (1890-1962), einem Klassiker des Saxophonrepertoires. Mader nähert sich dem Stück mit Präzision und Geist; besonders der zweite Teil – von Ibert selbst zu seinen besten Werken gezählt – erhält hier eine schöne, verhalten vorgetragene Lesung von ergreifender Melancholie. Die äußeren Teile dagegen sprudeln vor rhythmischer Verspieltheit: Das Ensemble reagiert wach auf jede Wendung, zeichnet mühelos jeden Klangfarbenwechsel auf und folgt Mader in jeder emotionalen Nuance. Es ist Musik, die einfach glücklich macht, besonders wenn sie mit so viel Lebensfreude und gegenseitiger Verständigung gespielt wird.

Es folgt die Sonatine-Tango von Pierre-Max Dubois (1930-1995), ursprünglich für Fagott und Klavier geschrieben, hier von Brosius selbst bearbeitet. Es ist ein exzentrisches, kurzes vierteiliges Werk voller Charakter, in dem die Tanzrhythmen, die sich durch das ganze Album ziehen, schön in den Vordergrund treten. Die Bearbeitung für Saxophon ist geschickt ausgearbeitet und schließt nahtlos an den Geist des Originals an; auch hier unterstützt das Ensemble das Saxophon vorbildlich, mit einem feinen Gespür für Timing und Klangfarbe. Verschiedene Facetten des Tango – bald heftig und getrieben, bald verhalten und gesanglich – kommen so schön zu ihrem Recht.

Mit Its Motion Keeps von Caroline Shaw (°1982) betreten wir eine andere Welt. Das Stück war ursprünglich für Chor mit Viola oder Cello geschrieben und basiert auf einer amerikanischen Shape-Note-Hymne – eine einfache, im neunzehnten Jahrhundert beliebte Form des Gemeinschaftsgesangs, bei der die Noten nicht mit gewöhnlichen Notenlinien, sondern mit erkennbaren Formen notiert wurden, so dass auch ungeschulte Sänger leicht daraus lesen konnten. Hier wurde es von Hy-Khang Dang für Violist Nikita Gerkusov und Ensemble bearbeitet. Ein sich wiederholendes Violamotiv läuft hindurch wie das Ticken einer Uhr, während Streicher und Bläser sich ständig abwechseln, wie zwei Chöre, die aufmerksam aufeinander reagieren, so dass es fast wie Renaissancemusik klingt. Mit über acht Minuten ist es gleich das längste Stück des Albums: eine Atempause zwischen den virtuoseren Teilen, die zum Nachdenken anregt.

Die Fantasia para Saxophone ist das einzige Werk von Heitor Villa-Lobos (1887-1959) mit Saxophon als Soloinstrument. Hier erklingt es in einer überarbeiteten Fassung, in der Brosius das ursprüngliche Streicherensemble mit zusätzlichen Holzbläsern bereicherte und die Anzahl der Hörner von drei auf eins reduzierte. Das Ergebnis ist eine überraschend transparente, farbenfrohe Lesung, die die brasilianischen Volkseinflüsse und die fast impressionistische Schreibweise des Komponisten gut zur Geltung bringt. Verschiedene Stimmungen wechseln sich ab, und Mader weiß sie einzeln mit feinem Gespür für Rhythmus, den richtigen Ton und Atempausen zu gestalten. Auch diesmal unterstützt das Ensemble ihn treffend, besonders wenn die Spannung im letzten Teil Très animé angespannt wird.

Aus der Zweiten Violinsonate von Maurice Ravel (1875-1937) wird nur der Mittelteil präsentiert, Blues – hier von Hy-Khang Dang zu einem Gespräch zwischen Violine und Saxophon mit Ensemble umgearbeitet. Es ist sofort einer der außergewöhnlichsten Momente der Platte: Es klingt, als würde man kurz in ein verrauchtes Café geraten, in dem eine kleine Jazzband aus Ravels eigener Zeit spielt. Violine und Saxophon ergänzen sich herrlich, und das Ensemble gibt dem Ganzen den letzten Schliff. Eine gewagter Arrangement, das vollkommen überzeugt.

Die CD endet mit einer Suite aus El amor brujo von Manuel de Falla (1876-1946), in einer Bearbeitung für das vollständige Ensemble von Hy-Khang Dang. Wer die reichhaltige Orchesterfassung im Ohr hat, muss sich erst daran gewöhnen, aber die ausgezeichneten Musiker lassen diesen Vergleich schnell vergessen. Der berühmte Ritual Fire Dance erhält die erwartete Heftigkeit und den erwarteten Schwung, aber was mir am meisten in Erinnerung bleibt, ist, wie diese rohe, erdige Energie in jedem Teil der Suite durchsickert – eine bessere Abrundung hätte man sich bei dieser farbenreich strukturierten und abwechslungsreichen Platte nicht wünschen können.

Während der gesamten Stunde fällt die Qualität des elfköpfigen Ensembles auf. Es spielt mit viel Hörerbereitschaft und Gespür für Atmosphäre, genau das, was dieses abwechslungsreiche Programm erfordert. Mader selbst wechselt mühelos zwischen Alt-, Tenor- und Sopransaxophon und zeigt in jedem Register technische Gewandtheit und große Ausdruckskraft. Die Aufnahme, gemacht im Trifolion in Echternach von Bert van der Wolf (Northstar Recording), ist von hoher Qualität: räumlich, natürlich und reich an Details. Besonders in Surround versetzt das Klangbild den Hörer mitten ins Ensemble mit einem greifbaren Gefühl der Tiefe zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen.

In Motion ist ein durchdachtes und frisch programmiertes Album, das über das übliche Saxophonrepertoire hinausblickt. Durch Kompositionen aus verschiedenen Zeiten und Traditionen, die miteinander über das Thema Zeit und Bewegung sprechen, entsteht ein Hörerlebnis, das sowohl intellektuell reizvoll als auch rein musikalisch genießbar ist. Für Liebhaber von Kammermusik mit Saxophon – und für diejenigen, die neugierig sind, wie unterschiedliche Komponisten wie Ibert, Shaw und De Falla das gleiche Thema angehen können – ist dies eine Empfehlung.

Details

Pit Brosius
Website

Besprochene CD

In Motion

Andreas Mader & Friends / Pit Brosius

Label
Challenge Classics · CC 720066
Erscheinungsdatum
1 September 2026
Anhören Spotify Apple Music
Vollständige Angaben →

Titelliste

  1. 1 Too young to be strong
  2. 2 Hear me Rise
  3. 3 Let go in love
  4. 4 When I stop running
  5. 5 Before I Could Hold You
  6. 6 My kind of day
  7. 7 Before it all
  8. 8 You are everywhere but here
  9. 9 When two souls meet
  10. 10 I am
  11. 11 Only time could teach
  12. 12 She Carries the world
  13. 13 I am the destination
  14. 14 Dancing with.myself
  15. 15 One real friend
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