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Côrte-Real schlägt hart zu, aber zu oft denselben Nagel

W
· 6 Min. Lesezeit
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Côrte-Real schlägt hart zu, aber zu oft denselben Nagel

Als diese cd in die Redaktion kam, war ich sofort gereizt. Krieg und Finanzen, das schien mir ein interessanter Ansatz. Nuno Côrte-Real (°1971) bringt sie auf einer cd zusammen und erkennt darin dieselbe Logik von Macht, Gier und Zerstörung: die sichtbare Katastrophe des Krieges in der Sinfonia 2022, die weniger sichtbaren, aber gleich zerstörerischen Kräfte der finanziellen Macht und Korruption in der Banksters Suite – zwei Werke, die zeitlich über ein Jahrzehnt auseinander liegen, aber hier überraschend stark als zwei Ausdrücke derselben gegenwärtigen Problematik wirken. Das Ergebnis ist Musik, die nachdrücklich kommunizieren will, ohne sich auf ein einfaches Programm reduzieren zu lassen – nur funktioniert das nicht immer gleich gut.

Eine Welt aus den Fugen

Die Sinfonia 2022, op. 70, wurde im Auftrag des Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon geschrieben und hatte dort am 13. Januar 2023 Uraufführung, mit dem Orquestra Sinfónica Portuguesa unter Leitung des Komponisten. Nach einer Überarbeitung erklang die aktuelle Version am 13. April 2025 in der Berliner Philharmonie, mit den Berliner Symphonikern unter Leitung von Côrte-Real, und wurde gleich danach für diese cd aufgenommen. Programmatische Illustrationsmusik sollte man darin nicht suchen: Côrte-Real schreibt keine Bilder vor, sondern baut Spannungsfelder, in denen der Hörer selbst Bedeutung entstehen lassen kann. Dennoch klingt das Ganze alles andere als abstrakt.

In Search of Darkness saugt den Hörer sofort in einen fieberhaften, aufpeitschenden Klangwirbel, voll drohender Bläserausbrüche. Die bisweilen bewusst eintönige Schlagzeugpartie verleiht ein bitteres Gefühl: von Anfang an hängt eine Beklemmung, genährt durch ein angsteinflößend obsessives Thema. Dann folgt ein überraschender Moment der Stille – ein sakral getöntes Orgelintermezzo mit einem schönen Solo von Holzbläsern und Xylophon, während das unheilvolle Blech manchmal unterschwellig hindurchschlüpft – bevor das eindringliche Anfangsmaterial zurückkehrt, angekündigt durch Trommellwirbel. Ein besonderes Erlebnis, dieser erste Teil: auch wenn man weit vom Kriegsgewalt entfernt ist, bringt diese zugängliche Musik es doch unheimlich nahe.

Song of Death ist anfangs subtiler: aus einem Altsaxophonsolo baut Côrte-Real ein verfeinertes Kammermusikgewebe auf, das allmählich in einen Walzer mit etwas Schleichendem und Gespenstischem mündet – einen Totentanz, dem niemand zu entgehen scheint. Die Mahlerianschen Resonanzen sind deutlich zu hören, ohne dass Côrte-Real zum Epigonen verfällt, und gerade hier zeigt sich sein Gefühl für Orchesterfarbe am stärksten. Dennoch mangelt dem Teil Mahlers rastlose Variationsdrang: Côrte-Real verbleibt lange in derselben Spannungszone, wodurch die Musik mit der Zeit ihre Griffkraft verliert. Dennoch überzeugt der Aufbau zur Klimax immerhin noch, auch wenn mir das Ende unnötig gedehnt wird.

Dem gegenüber steht Nuclear Marching Band, ein grotesker Marsch voller entgleister Rhythmen, schriller Kupferfanfaren und Orgel, der den Wahnsinn der Machtdemonstration und Zerstörung versinnbildlicht. Der Vergleich mit Schostakowitsch liegt nahe, auch wenn Côrte-Real direkter und weniger subtil ist: wo Schostakowitsch mit einem Wink schon eine Welt der Ironie hervorrufen konnte, wählt Côrte-Real zu oft die große Geste. Das macht seine Musik zwar sofort zugänglich, lässt aber die Aufmerksamkeit mit der Zeit nachlassen.

Und dann kommt der Schluss – keine pathetische Siegesrausch, sondern eine allmählich aufgebaute, einfache Melodie, die zur Kontemplation auffordert. I know not what tomorrow will bring entlehnt seinen Titel den letzten Worten, die Fernando Pessoa am 29. November 1935, dem Tag vor seinem Tod, aufschrieb. Côrte-Real zieht sich hier aus der Gewalt der vorherigen Teile zurück: die Musik wird hell, aber nie beruhigend – eher eine metaphysische Aussetzung als eine Lösung. Die Orchestrierung ist wunderbar, die wiederkehrende Melodie und der schleichende Unterton passen perfekt zusammen, manchmal an der Grenze des Expliziten, aber es funktioniert. In dem Moment, in dem ich dachte, dass mir diese Symphonie entglittert, ergriff mich dieser Finale doch noch.

Die unmittelbare kommunikative Kraft dieser Symphonie ist zugleich ihre stärkste und ihre anfälligste Eigenschaft. Côrte-Real verfügt über ein außergewöhnliches Gefühl für Orchesterfarbe und weiß Spannung sofort spürbar zu machen, aber in den Mittelsätzen verbleibt er zu lange in derselben Spannungszone. Mit weniger davon hätte es mehr in sich. Die Berliner Symphoniker geben sich inzwischen völlig: das Orchester spielt aus vollem Herzen und gibt diesem Werk alles. Dass der Finale den Zweifel doch noch wegnimmt, unterstreicht die Kraft dieses Schlussteils – er könnte für sich selbst schon ein eindringliches, eigenständiges Werk bilden, das treffend das Gefühl ausdrückt, das viele bei jedem sinnlosen Krieg überkommt.

Gewalt ohne Schuss

Die sechsteilige Banksters Suite, op. 75, führt zu einer anderen Form der Entgleisung. Sie ist destilliert aus der gleichnamigen Oper aus 2011 über den Niedergang des Finanziers Santiago Malpago – der Titel verrät sofort das Programm: Banker und Gangster werden zu einem Wort verschmolzen. Es geht Côrte-Real nicht um ein realistisches Porträt der Finanzwelt, sondern um eine Allegorie einer Gesellschaft, in der Materialismus, Macht und Schein miteinander verwoben sind.

Diabolic Vision and Fight eröffnet aggressiv und instabil, erregt sofort Aufmerksamkeit und hält dich in Spannung. Musikalisch geschickt ausgearbeitet, aber auch hier dreht sich das Material manchmal zu lange in derselben Bahn. Mimi Kitsch bietet ein transparenteres, lyrischeres Klangbild, während sich in Angelino Rigoletto ein düsterer Unterton einschleicht. Santiago Malpago klingt fragmentarisch und bedrohlich. Das ultrakürzeste The Murder wirkt dagegen wie eine plötzliche Gewaltexplosion.

Neben der Ouvertüre ist Redemption der stärkste Teil: Cello, Fagott und Englischhorn erhalten eine elegische Melodie, während Kontrabass, Bassklarinette und Horn der Musik einen dunklen, zurückgezogenen Glanz verleihen. Malpagos letzte Worte – “take my soul to safe harbour” – bekommen hier eine mehrdeutige Bedeutung: Erlösung als Einsicht, nicht als Freispruch. Gerade in diesem Teil zeigt sich, wozu Côrte-Real fähig ist, wenn er seine vertrauten Effekte weniger nachdrücklich einsetzt: Rockhintergrund, Filmmusik-Erfahrung und romantisches Orchesteridiom schmelzen zusammen zu einer eigenen, ausgeprägten Sprache.

Die scharfen orchestralen Ausbrüche und die E-Gitarre wirken gut als Kontrast, aber der Überraschungseffekt ist schnell verbraucht. Côrte-Real sagt selbst, frei von ästhetischen Strömungen und Kreisen sein zu wollen; in Diabolic Vision and Fight und besonders in Redemption hörst du diese Unabhängigkeit wirklich. Schade, dass der Rest der Suite dieses Niveau nicht immer erreicht.

Viel verlangt, nicht immer gegeben

Die Berliner Symphoniker zeigen sich dieser stilistischen Mischform besonders gewachsen. Côrte-Real dirigiert mit einem klaren Gespür dafür, wo die Spannungspunkte liegen, und sucht nicht ständig nach maximaler Wirkung – auch die Momente der Zurückhaltung bekommen Raum. So kommen der Kontrast zwischen lyrischen Streichern, dunklen Holzbläsern, scharfem Blechbläsern und dem manchmal fast rockartigen Schlagwerk überzeugend zur Geltung. Die Aufnahme, gemacht vom 15. bis 17. April 2025 in den Teldex Studios in Berlin, klingt klar und räumlich, mit ausreichender Tiefe und ohne die scharfen Kanten von Blechbläsern und Schlagwerk wegzupolieren – genau das, was dieses Repertoire braucht.

BLOOD ist kein einfacher Trost, aber auch kein Anklageverfahren, das seine Bedeutung dem Hörer aufzwingt. Côrte-Real verfügt über eine ausgesprochene eigene musikalische Sprache, in der Mahler und Schostakowitsch, Filmmusik und Rock sich begegnen. Wenn er seine Mittel dosiert, ergibt das starke und manchmal eindrucksvolle Musik. Besonders I know not what tomorrow will bring und Redemption zeigen, wie viel Potenzial in seiner kompositorischen Vorstellungskraft steckt. Die Aufführung durch die Berliner Symphoniker hebt auch die weniger überzeugenden Passagen über sich hinaus.

Besprochene CD

Sinfonia 2022 – Blood

Nuno Côrte-Real & Berliner Symphoniker

Label
Solo Musica · SM566
Erscheinungsdatum
24 Juli 2026
Vollständige Angaben →

Titelliste

  1. 1 Sinfonia 2022, Op. 70: I. In Search of Darkness
  2. 2 Sinfonia 2022, Op. 70: II. Song of Death
  3. 3 Sinfonia 2022, Op. 70: III. Nuclear Marching Band
  4. 4 Sinfonia 2022, Op. 70: IV. I Know Not What Tomorrow Will Bring
  5. 5 Symphonic Suite from "Banksters": I. Diabolic Vision and Fight
  6. 6 Symphonic Suite from "Banksters": II. Mimi Kitch
  7. 7 Symphonic Suite from "Banksters": III. Angelino Rigoletto
  8. 8 Symphonic Suite from "Banksters": IV. Santiago Malpago
  9. 9 Symphonic Suite from "Banksters": V. The Murder
  10. 10 Symphonic Suite from "Banksters": VI. Redemption
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