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Rezensionen

Zwischen Kampf und Erlösung: Mozart und Beethoven in einem ergreifenden Dialog in Flagey

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· 6 Min. Lesezeit
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Zwischen Kampf und Erlösung: Mozart und Beethoven in einem ergreifenden Dialog in Flagey
© Janko Duinker

Es gibt Konzertabende, die bereits vor der ersten Note eine fast unvermeidliche Aufgeladenheit besitzen. Die Aufführung der Grosse Messe KV 427 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) durch den Vlaams Radiokoor in Flagey war am Samstag, den 30. Mai, ein solcher Abend. Nicht nur wegen der intrinsischen Monumentalität des Werkes, sondern vor allem wegen der intelligenten Gegenüberstellung mit Beethovens Fünfter Symphonie (1770-1827): zwei Kompositionen in c-Moll, in denen menschliche Unruhe zu Musik umgeschmiedet wird, die die Grenzen des rein Ästhetischen überschreitet.

Beethoven als existenzielles Vorspiel

Dass Beethovens Fünfte der Messe vorausging, erwies sich als dramaturgisch besonders starke Wahl. Bart Van Reyn näherte sich der Symphonie nicht als kanonisiertes Monument an, sondern als ein Werk, das seine revolutionäre Kraft noch immer besitzt. Bereits ab den ersten Takten lenkte er die Interpretation bewusst in Richtung Spannung und inneren Druck statt zu ausgesprochener Größe. Mit sichtbarem Spielvergnügen gaben Dirigent und Musiker der Symphonie eine frische, spontane Ausstrahlung, ohne ihre dramatische Schärfe zu beeinträchtigen. Dank des transparenten Klangs der historischen Instrumente entstand keine romantisch sich ausbreitende Monumentalität, sondern eine ständig geladene Bewegung, charakterisiert durch rhythmische Nervosität und eine Spannung, die kaum nachlässt.

Das Orkest van de Achttiende Eeuw bestätigte diese Interpretation im Klang selbst: weniger gesättigte Streicher und scharf artikulierende Bläser lieferten ein transparentes, aber angespanntes Klangbild, in dem die motorische Energie der Partitur unverändert präsent blieb. Die historischen Instrumente verliehen dem nicht nur Farbe, sondern auch eine rohe Unmittelbarkeit, die die dramatische Ladung weiter verschärfte.

Genau in dieser Kombination von Kontrolle und Unruhe funktionierte die Symphonie als ideale Ouvertüre zu Mozarts Grosse Messe. Während Beethoven die Spannung gezielt zum Siegesgestus aufbaut, eröffnet er zugleich einen Raum existenziellen Drucks, der bei Mozart nicht in eine lineare Spannung mündet, sondern in ein ständig wechselndes Spannungsfeld zwischen Bedrohung, Stille, Versöhnung und Kontemplation.

Mozarts unvollendetes Meisterwerk

Im Januar 1783 schrieb Mozart an seinen Vater, dass „die Partitur einer halben Messe hier noch immer darauf wartet, vollendet zu werden" – eine Anspielung auf das Werk, das er geschrieben hatte, nachdem seine Frau Constanze eine schwere Krankheit überstanden hatte. Sie genas, aber die Messe blieb unvollendet. Warum Mozart das Werk schließlich niederlegte, nachdem er Kyrie, Gloria, Credo, das sublime Et incarnatus est, Sanctus und Benedictus komponiert hatte, bleibt bis heute ungeklärt. Was erhalten blieb, gehört zu dem Faszinierendsten und Schichtigsten, das er für Chor, Orchester und Solisten geschrieben hat.

Bart Van Reyn näherte sich dieser Grosse Messe nicht als einem Monument, das mit beschwingter Ernsthaftigkeit angegangen werden musste, sondern als lebendiger Musik. Seine Interpretation atmete Spannung, Transparenz und natürliche musikalische Atmung. Selbst in den monumentalen Chorpassagen blieb die Textur hell und beweglich. Dabei war unverkennbar der Einfluss von Bach und Händel zu hören, besonders in den beeindruckenden doppelchörigen Passagen des Qui tollis und der großen Fuge des Cum Sancto Spiritu.

Der Vlaams Radiokoor war einer der großen Trümpfe des Abends. Der Klang des Chores kombinierte Wärme, Homogenität und Präzision, während die Diktion selbst in den komplexesten kontrapunktischen Passagen vorbildlich verständlich blieb. Besonders die Durchlebtheit des Singens machte Eindruck. Der Chor bewegte sich zwischen Größe und Intimität und behielt dabei eine Spannung bei, die die ganze Partitur durchzog.

Auch das Orkest van de Achttiende Eeuw bestätigte seine außergewöhnliche Klasse. Der Orchesterglanz, der bereits in Beethoven überzeugte, wurde mühelos zu Mozart fortgesetzt. Der charakteristische Klang der historischen Instrumente verlieh auch hier der Partitur Farbe, Transparenz und Eleganz. Das Ensemble verband dabei eine historisch informierte Spielpraxis mit einer bemerkenswerten Klangfülle und Präzision, die der Musik große Lebendigkeit verlieh.

Mozart zu seinem Menschlichsten

Der wahre Kern dieser Aufführung lag jedoch in den kontemplativen Momenten. Das Et incarnatus est wurde keine virtuose Schau, sondern ein Moment beeindruckender Intimität. Ein besonders gelungener Eingriff war die Aufstellung der Sopranistin Ilse Eerens zwischen den obligaten Holzbläsern statt vor dem Orchester. Dadurch entstand ein außergewöhnlich dichter Dialog zwischen Stimme und Instrumenten, der die verschlossene, verletzliche Atmosphäre dieses Teils noch verstärkte. Das Ergebnis war Musik von fast unfassbarer Schönheit, die in dieser Aufführung eine beinahe überirdische Qualität erhielt.

Ilse Eerens verfügte dafür über genau die richtigen Mittel. Ihr Sopran besitzt keine auffällige Lautstärke, aber jene seltene Kombination aus Klarheit und Zartheit, die Mozart braucht. Die belgische Sopranistin kennt dieses Repertoire in- und auswendig, und diese Vertrautheit mit dem Werk war kontinuierlich spürbar. Ihre Pianissimi hatten die Qualität von etwas, das gerade im Begriff ist zu verschwinden, während die obligaten Partien für Flöte, Oboe und Fagott um sie herum eher wie eine innige Umarmung klangen als wie eine dekorative Rahmung.

Auch die übrigen Solisten, die in der Messe auftraten, passten gut ins Gesamtbild. Barbara Kozelj brachte einen warmen, dunklen Klang mit, obwohl dieser in der Ensemblebalance nicht immer vollständig zur Geltung kam. James Way hielt seine Tenorlinie auffällig nüchtern und stilrein, ohne die oft erzwungene Heroik, mit der dieses Repertoire manchmal behandelt wird. François Heraud gab den Basslinien eine ruhige Autorität, die den kollektiven Charakter der Interpretation verstärkte, ohne zu dominieren.

Zwei Werke, eine Gedanke

Mit dem Orkest van de Achttiende Eeuw und dem Vlaams Radiokoor verfügte Van Reyn über Musiker, die diese Musik nicht romantisch aufpoliert haben, sondern ihre Schärfe in der Partitur hörbar machten. Dadurch wurde die Verbindung zwischen Beethoven und Mozart nicht erklärt, sondern wurde in der Aufführung selbst von selbst deutlich. Nicht in der Ähnlichkeit, sondern im Unterschied zwischen zwei Arten, mit Spannung umzugehen: Beethoven, der sie aufbaut in Richtung einer Entladung, Mozart, der sie offen lässt und weitergehen lässt.

In diesem Unterschied erhielt das Programm seine eigene Logik. Was bei Beethoven zu einem Abschluss tendiert, bleibt bei Mozart unterwegs – und genau das hielt den Abend zusammen.

Dieser dramaturgische Aufbau wirkte umso stärker, da das Publikum trotz bedrohlichen Gewitters, drückender Hitze und des gleichzeitigen Finales des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs bemerkenswert zahlreich erschienen war. Der warme Empfang nach der Vorstellung unterstreicht, wie tiefgreifend diese Kombination aus Beethoven und Mozart gewirkt hatte.

Details

Wer
Vlaams Radiokoor Orkest van de Achttiende Eeuw o.l.v. Bart Van Reyn met Ilse Eerens, sopraan, Barbara Kozelj, mezzosopraan, James Way, tenor, en François Heraud, bariton
Wo
Flagey, Brussel
Gesehen am
30 Mai 2026
Bildnachweis
Janko Duinker
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