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Rezensionen

Transit: neue Kombinationen, aber auch Bescheidenheit

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· 6 Min. Lesezeit
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Transit: neue Kombinationen, aber auch Bescheidenheit

Transit, das jährliche Festival für zeitgenössische klassische Musik, stand dieses Jahr im Zeichen der Verlagerung. An drei verschiedenen Orten in Leuven wurde ein Überblick über neue klassische Werke geboten, mit Höhepunkten wie ein Konzert für Cembalo und Violine neben neuen Stücken von Daan Janssens und Annelies van Parys. Von den 14 Stücken, die dieser Rezensent gehört hat, begannen 13 in Pianissimo. Neue Bescheidenheit?

Ein Beispiel für eine perfekt aufeinander abgestimmte Kombination war Goska Isphording (Cembalo) und Alicja Pilarczyk (Violine). Besonders in der Komposition Minimum Movement der polnischen Komponistin Anna Sowa nahm Isphording den Hörer mit auf unerwartete Anwendungen des Cembalos mit sich: tonlose Passagen, überraschende Rhythmik, das Anstreichen der Saiten mit einem Band, Klopfen auf das Resonanzloch. Dazu kamen raffinierte Einsätze von Elektronik, die die sonst trockene Sonorität des Instruments verlängerte und wärmte. Und all das in erfrischender Auseinandersetzung mit der Violine, wobei die Bewegungen auf das äußerste Minimum reduziert wurden.

In (...presque pas.) von Daan Janssens wurde Isphording die Gelegenheit geboten, ihre Virtuosität breit auszuloten. Dieses Stück (2015) erkundet die Möglichkeiten des Cembalos in fünf kurzen Sätzen, die von Kontrapunkt-Polyphonie (Teil 1) über einen Notenfallenlassen (Teil 4) bis zu einem erkennbaren Arpeggio (Teil 5) reichen. Ein kurzes, aber prägnantes und überzeugend vorgetragenes Werk.

Violinistin Alicja Pilarczyk brachte das Solostück While she was dreaming (2012) der schwedischen Komponistin Jetty Hettne mit Gefühl und Variation. Die Komposition basiert auf einem schwedischen Volkslied (polska), wobei zeitgenössische Techniken wie Ringmodulation angewendet werden. Triller, mit oder ohne Doppelgriffe, trockene Pizzicati und langgehaltene Harmonien bildeten eine träumerische Interpretation dunkler skandinavischer Winternächte.

© Evy Ottermans © Evy Ottermans

Akustik

Diese Ausgabe von Transit fand an verschiedenen Orten in Leuven statt, weil die reguläre Spielstätte, das STUK, mitten in einem Renovierungsprojekt ist. Daher musste in andere Orte ausgewichen werden, wie z.B. Studio Manhattan, eine ehemalige Megadiskothek, die heute hauptsächlich als TV-Studio dient. Das renommierte italienische Streichensemble Quartetto Maurice musste feststellen, dass die akustischen Möglichkeiten von Studio Manhattan weit hinter den Subtilität zurückbleiben, die einem Streichquartett Ewigkeitswert verleihen können. Selbst die Elektronik im String Quartet No. 4 (2003) des britischen Komponisten Jonathan Harvey war kaum in der Lage, sein Stück im Gleichgewicht zu halten. Die stillen Teile, zum Beispiel wenn alle Musiker die Ränder ihrer Instrumente anstreichen, kamen nicht über die erste Reihe hinaus. Zwar wurden die meisten Nuancen durch Live-Elektronik mit effektiven Echos versehen, doch letztendlich blieb die Geschichte flach und hier und da sogar langwierig.

Dies bedeutete auch, dass die Weltpremiere von Daan Janssens' Nymphes des bois nicht die Überzeugung mitbekam, die sie verdient hätte. Sein Stück war das einzige, das in diesem Konzert ohne Elektronik aufgeführt wurde, und dann fällt der akustische Mangel besonders auf. Dennoch kamen die Solostücke der Altviole schön heraus, aber die Stimme der ersten Violine blieb etwas im Hintergrund. Glücklicherweise erwiesen sich die Zitate und Anspielungen auf die Musikgeschichte, wie sie von Josquin Desprez geschrieben wurden, als erkennbar und funktional.

© Evy Ottermans

Séverine Ballon

Eine Überraschung war der Auftritt der französischen Cellistin und Komponistin Séverine Ballon. Sie eröffnete mit der Weltpremiere Shades of light der belgischen Komponistin Annelies van Parys. In diesem Stück steht die Elektronik im Mittelpunkt. Eine Folge davon ist, dass das Cello durch Verzerrung und räumliche Erweiterung in ein neues Instrument verwandelt wird. Auf diese Weise wird Einblick in die Beziehung zwischen Mensch und digitaler Umgebung gewährt. Das Stück entwickelt sich nach einem pianissimo-Anfang zu einer aufpeitschenden Serie von harmonischen Motiven, wobei die Elektronik zunehmend Platz gewinnt. Knallende Pizzicati deuten noch etwas Widerstand an, aber allmählich verschwinden die Cellotöne in freundliche, aber zwingende Glockentöne. Ein unvermeidliches Ergebnis eines gut aufgebauten Spannungsbogens.

Das zarte Gleichgewicht zwischen Tonhöhe und Rauschen war das Thema der Weltpremiere instabilités des britischen Komponisten Sam Hayden, Spezialist für computergesteuerte Kompositionstechniken. Das Stück, speziell für Ballon geschrieben, zielt auf eine Erweiterung der Klangfarben ab, die spezifisch für das Cello sind, wie Harmonien, Tremolo, extreme Sprünge, Peitschenschläge, Glissandi und Leitern basierend auf Mikrotönen. Auffällig war die enge Beziehung, die der Komponist zwischen dem Cello und den computergenerierten Erweiterungen aufrechterhalten wollte. Anstatt weit fortgeschrittene Sampling-Techniken einzusetzen, hat der Komponist darauf geachtet, dass die Herkunft der Elektronik nah bei der Hand blieb, nämlich beim vertrauten akustischen Cello.

Séverine Ballon beendete ihr Konzert mit der Uraufführung Temps étendus für Cello und Elektronik, in der sie die Wechselwirkung zwischen Singen und Sprechen erforscht. Über kurze fallende und steigende Motive mit nüchternen Harmonien gelangt das Stück in eine Klangwelt mit Flöten und Hupen, endend in einer heftigen kadenzierenden Bewegung zu einem tonlosen Ende. Eine kurze, aber kraftvolle Geschichte.

© Evy Ottermans © Evy Ottermans © Evy Ottermans

Elektronik

Transit wurde dieses Jahr mit einem gemeinsamen Konzert von HERMESensemble und ChampdAction unter der Leitung von Koen Kessels abgeschlossen. Überraschend war die Eröffnung mit Lichtbogen, einem Stück aus dem letzten Jahrhundert (1986) der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Lichtbogen ist vom Nordlicht des Polarkreises inspiriert, wobei Saariaho den Computer als vollwertigen Bestandteil der Instrumentalmusik einsetzt. Zwei verschiedene Computerprogramme für Harmonie und Rhythmus kommen zum Einsatz. Das Mysterium des Nordlichts wird mit einer Palette von Trillern anschaulich gemacht, ergänzt durch tanzende Lichtpunkte von der Piccoloflöte. Die Elektronik beschränkt sich auf eine unterstützende Rolle, als eine dünne schwebende Unterlage. Das Stück klingt besonders überzeugend in den Pianissimo-Motiven mit einer beklemmend schönen Querflöte. Aufgrund von Platzmangel war die Schlagzeuggruppe teilweise hinter Lautsprechern versteckt, was spürbar war.

© Evy Ottermans

Von Daan Janssens wurde eine dritte Komposition aufgeführt: (...sans rien dire...) für Cello, fünf Instrumente und Elektronik. Auch bei Janssens emanzipiert sich die Elektronik von einer neutralen Unterlage zu einer eigenständigen Entität. Das Stück beginnt mit einer Konfrontation zwischen einerseits dem Cello und andererseits einer Gruppe tiefer Register wie Bassklarinette, Bassflöte, Bratsche, Klavier und Schlagzeug. Im Verlauf des Stücks übernehmen die hohen Register die Oberhand und das Cello verschwindet in den Hintergrund, Platz für immer mehr Elektronik machend. Gegen Ende hat die Elektronik die Hauptrolle fest in Griff und unterstützen Flöte und Klavier vorsichtig. Aber die letzte Note des Stücks gehört letztlich wieder dem Cello, womit sich der Kreis schließt.

Les Nymphéas digitales von dem belgischen Komponisten Serge Verstockt war der Schlusspunkt dieses Transit-Festivals. Diese relativ lange Komposition (40') versucht die Spannung zwischen Rationalität und natürlichen Trieben zu vermitteln. Zitate des deutschen Philosophen Immanuel Kant und französische Kinderlieder wechseln sich ab, aber es ist unklar, ob es sich um ein Potpourri oder eine Parodie handelt. Mezzo Mireille Capelle hat sich für einen veralteten Stil entschieden, mit vielen theatralischen Gesten und Vibratos, wodurch sich der Hörer um den Ersten Weltkrieg versetzt fühlt. Die impressionistischen Klangwolken und einige Zitate von Debussy am Schluss schließen daran an, aber die Beziehung zur digitalen Welt war kaum vorhanden. Alles in allem wirkte das Hörerlebnis wie ein Besuch auf einem Flohmarkt, charmant, aber nicht besonders spannend.

© Evy Ottermans © Evy Ottermans © Evy Ottermans © Evy Ottermans © Evy Ottermans

WAS: Transit - the sound of tomorrow

WO: Leuven, diverse Orte

WANN: 28. - 30. Oktober 2022

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