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Rezensionen

Toppers erobern die Wiener Musikverein

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· 9 Min. Lesezeit
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Toppers erobern die Wiener Musikverein
© Amar Mehmedinovic, © Julia Wesely, Imagno/Getty Images, Greetje Van Buggenhout

Fünf Tage Wien erkunden und vier Konzertabende in der Große Saal des Musikverein: Du solltest auch mit weniger zufrieden sein. Mit einer Reihe von Komponisten auf dem Programm wie Bartók, Schumann, Mahler, Strauss, Dvorák, Verdi, Puccini und Künstlern wie Jonas Kaufmann, Diana Damrau, Helmut Deutsch, Vilde Frang… Es war nicht wenig, dieser von der Musikreiseorganisation Cimarosa abgesteckte Parcours.

Violinistin Vilde Frang mit Schumann

Du kennst natürlich diesen Musikvereinsaal aus dem Fernsehen mit dem jährlich ausgestrahlten Neujahrskonzert, voller goldener Glitter und Glamour. Du freust dich, dass du jetzt selbst vor Ort dabei sein kannst, ohne Jahre im Voraus einen Platz reservieren zu müssen. Unter all diesen TV-Spots sieht der Musikverein poliert und glänzend aus wie nie zuvor, aber wenn du selbst hineintrittst, siehst du, dass dieser Saal doch auch Verschleiß aufweist. Er ist nicht so blendend schön wie auf dem TV-Bildschirm. Flair, das ja, aber bequeme Stühle, abgelaufenes Parkett, abblätternde Vergoldung? Es könnte besser sein, aber es bleibt eine Erfahrung, besonders wenn man eine Violinistin von Format hören kann: die Norwegerin Vilde Frang.

Zunächst spielte das Münchner Philharmoniker ein bekanntes Werk von Bartók: sein Divertimento für Streichorchester, in einer Version mit vollem Orchester auf der Bühne. Normalerweise ist die Musik dieses Komponisten bitterböse brechend. Dies ist ein Divertimento und hier streichelten die Streicher sehr lieblich. Nur gegen Ende gelang es der ersten Geige, die Dissonanzen expressionistisch zum Klingen zu bringen. Noch viel geschickter auf diesem Instrument klang danach Vilde Frang im Violinkonzert von Robert Schumann. Allerdings ein Werk, das man nicht unmittelbar bei einem Wettbewerb hören wird. Schumann schrieb es auf Bitten eines befreundeten Violinisten und hielt es selbst für ein Gelegenheitswerk. Der Auftraggeber selbst sah darin eine gewisse Müdigkeit des Komponisten. Es wurde übrigens erst nach seinem Tod aufgeführt. Tatsächlich fängt es ziemlich bombastisch an und es gibt wenig Überraschung außer in den Momenten, in denen Vilde Frang solistisch spielt. Mühelos und zurückhaltend bringt sie mit romantischem Schwung die zahlreichen spieltechnisch schwierigen Passagen virtuos. Als Abschluss konnten wir noch eine bekannteren Komposition von Schumann hören, seine Lentesymphonie. Es ist Dirigent Pablo Heras-Casado, bei uns bekannt von seiner Zusammenarbeit mit dem Brügger Anima Eterna, der all dies tadellos mit der Münchner Philharmoniker aufführt.

Außergewöhnlicher "Liederabend" mit Jonas Kaufmann und Diana Damrau

Unser zweiter Konzertabend im Musikverein war ausverkauft, sogar mit Stühlen auf der Bühne und Stehplätzen hinten im Saal. Das kennen wir bei uns noch nicht. Es geht nämlich um ein renommiertes Trio, neben dem Star des Abends Jonas Kaufmann auch seine Gesangspartnerin Sopranistin Diana Damrau und der Liedbegleiter schlechthin, Pianist Helmut Deutsch. Das Programm: Lieder von Richard Strauss und Gustav Mahler. Nicht von den Geringsten im Liedgenre und zwei lebenslange Freunde. Strauss schrieb über 150 davon. Das tat er vor allem in seinen jungen Komponistenjahren. Davon bekamen wir als erstes Werk sein opus 10/1 zu hören, mit dem bekannten Liebeslied Zueignung. Sopranistin und Tenor brachten abwechselnd andere Lieder aus diesem Zyklus und taten das zusammen auf der Bühne. Es wirkte irgendwie theatralisch, als würden sie aus diesem Zyklus eine ganze Liebesgeschichte machen wollen, inklusive Mimik. Beide haben eine wunderbare Stimme, aber die ausgezeichnete Beherrschung, die sie ihrer Stimme haben, litt unter dieser theatralischen Inszenierung und ihrem manchmal zu kräftigen Volumen. Bei der Interpretation der Strauss-Lieder, und besonders bei Passagen, die sie „leise" sangen, kam die Subtilität ihres Stimmvermögens wirklich zur Geltung. Er zum Beispiel in Nachtgang und sie in Freundliche Vision. Nach der Pause kam Diana Damrau allein auf die Bühne mit Mahler-Liedern und fühlte sich genau wohler ohne die zwingende Anwesenheit des imposanten Kaufmann. Sie sang eine Auswahl aus dem Zyklus Des Knaben Wunderhorn. Bekannteres Werk natürlich, melodisch reicher und gereifter. Danach wieder Kaufmann mit ein paar dieser herrlichen Rückertlieder: Ich atmet' einen linden Duft oder Ich bin der Welt abhanden gekommen. So möchte man Kaufmann hören, auf seinem Besten! Danach die beiden erneut abwechselnd mit einer Reihe von Strauss-Liedern mit Diana Damrau bezaubernd schön in Morgen!

Selbstverständlich stehende Ovationen, ein paar Zugaben (sie sangen als dritte Zugabe das Wiener Blut Duett, was willst du, wir sind in Wien). Und noch einen schönen Moment: Für seine hervorragende Leistung erhielt der achtzigjährige Helmut Deutsch einen aufrichtigen Kuss von Diana Damrau.

Nord- und südamerikanisch gefärbtes Konzert

Unser musikalisches Programm am dritten Abend im Musikverein war nord- und südamerikanisch gefärbt. Mit dem österreichischen Tonkünstler Orchester dirigiert vom Venezolaner Domingo Hindoyan, ein Orchester in ständiger Residenz beim Musikverein. Sie spielen eine Sinfonie des Puerto Rikaners Roberto Sierra und wir hören den nordmazedonischen Pianisten Simon Trpceski in einem Konzert des Argentiniers Alberto Ginastera und hören am Ende auch diese Neue Welt komponiert von Dvorák, als er dort ankam.

Für alle Konzerte bekamen wir täglich zunächst eine gründliche und flüssige Einführung in einem typisch Wiener Kaffeehaus durch Klara-Präsentatorin und Musikologin Nicole Van Opstal, musikalische Reiseleiterin von Dienst mit Qualität an erster Stelle!

Zunächst in Österreich-Premiere die Sinfonie von Roberto Sierra, die 6. Denn sie sollte, genauso wie Beethovens 6., eine Pastorale werden. Die Natur aus Beethovens Zeiten klingt mittlerweile allerdings ganz anders. Im ersten Satz (Reflexion urbana) versucht dieser puerto-ricanische Komponist zunächst, der lauten Stadt zu entkommen. Ein umfangreiches Schlagwerk-Instrumentarium, Xylophon, Marimbas und Bongos inbegriffen, hilft ihm dabei und er taucht dann im zweiten Satz (La noche) in die Stille der Nacht ein, stößt dann aber auf einen tropischen Orkan, der sich in einem Finale voller karibischer Musik auflöst. Höre ich hier puerto-ricanische Klänge, die an Bernsteins West side story denken lassen? Die Eleganz, mit der der Venezolaner Domingo Hindoyan sein Orchester leitet, erinnert unwillkürlich an seinen anderen beeindruckenden Landsmann, Gustavo Dudamel.

[caption id="attachment_42501" align="alignleft" width="341"] Tonkünstler Orchester u.L.v. Domingo Hindoyan und Pianist Simon Trpceski[/caption]

Mit dem „Concierto argentina" von Alberto Ginastera landen wir in Südamerika. Jazzig und rhythmisch, manchmal etwas dissonant, walzt der glänzende Pianist aus Nordmazedonien Simon Trpceski fortissimo durch ein lieblich einfaches Thema. Mit einem Adagietto poetica kommen wir in eine ruhigere Stimmung und schließen mit schnellen Läufen und einem schwer orchestrierten Allegro ab. Das Orchester spielt sehr artikuliert sowohl in den ruhigeren Passagen als auch bei den gewaltigen explosiven Momenten. All das in einem doch sehr erkennbaren südamerikanischen musikalischen Idiom. Der Höhepunkt des Abends war Dvořáks Neunte. Sie gilt als Meisterwerk. Darüber ist schon alles gesagt. Das Tonkünstler Orchester kann diesen Status nur bestätigen und tut das auch. Es machte den Ruf dieser Sinfonie Aus der Neuen Welt nur noch vollkommener.

"Il Fiamingo della Thiorba": Philippe Vermeulen

[caption id="attachment_42504" align="alignright" width="300"] Adriaan Lauwers, Theorbe[/caption]

Wir sind natürlich nicht nur Komponisten begegnet, sondern auch all den anderen bekannten Wienern aus ihrer Zeit: Klimt, Schiele, Wagner, Loos, Hofmann, Kokoschka, auch unser Breughel und Rubens und nicht zu vergessen Franz-Joseph I. Mit ihm endete diese außergewöhnliche Wiener Periode, aber er hinterließ doch ein Weltkulturerbe von Gebäuden. Wir besuchten das berühmte Belvedère, das Leopold Museum, das Kunsthistorische Museum, das Secession-Gebäude. Cimarosa Muziekreizen sorgte dafür, dass wir zwei Flamen für ein Privatkonzert treffen konnten. Es waren zwei Theorbespieler: ein quirliger Adriaan Lauwers und der Flamländer des 17. Jahrhunderts Philippe Vermeulen.

Letzterer war Musiker-Lautenspieler am Hof von Albrecht und Isabelle in Brüssel und reiste auf deren Auftrag hin nach Rom, um dort das „neue" Instrument, die Chitarrone (Baslaute oder Theorbe), zu lernen. Der Experte Adriaan Lauwers erzählte lebhaft von seinen Abenteuern und spielte auch zu unserer Unterhaltung eine Reihe von Werken des deutsch-italienischen Komponisten Johannes Kapsberger, dessen Musik unser Flame dort in Italien kennen gelernt hatte. Überraschend interessant.

Puccini und Verdi ihre beiden Requiem

Für unser viertes und letztes Konzert in der Großen Musikvereinssaal Wien zwei Opernkomponisten mit ihrem Requiem. Puccini schrieb seines als Hommage an Verdi und Verdi schrieb das seine zum Gedenken an Rossini. Puccinis Werk hörten wir in einer Bearbeitung für Streichorchester, Viola und Chor. Es dauert kaum fünf Minuten, kann aber in dieser kurzen Zeit dennoch viele stille Emotionen wecken. Verdis Requiem ist einer anderen Größenordnung. Obwohl es fast still beginnt, führen der Chor, die Streicher und die Solisten das Orchester in aufsteigender Linie mit Blechbläsern und Pauken zu einer ohrenzerreißenden Eröffnung. Heftige und kräftige Sätze überall und eine enorme Besetzung. Allein das Dies Irae dauert 40 Minuten. Ein Meisterwerk voller Kontraste und vor allem ein Vokalwerk. Was ist die menschliche Stimme doch für ein wundervolles Instrument, was ist ein Chor doch für ein kraftvolles Ensemble von Stimmen und was sind sie mit einem Orchester doch für einen mächtigen Klangkörper. Eine Oper in liturgischem Gewand war ein Kritikpunkt. Und ja, wenn man diese Sänger im Quartett hört oder im Trio, im Duett und Solo, dann klingt das auch wie Arien aus der Oper. Mit der immer noch ausgezeichneten Bassstimme des legendären Ferruccio Furlanetto (76 Jahre!) flankiert von jungen Solisten der Wiener Musik Universität, zwei Südkoreaner, Tenor Sehyun Kyung und Sopran Eunhye Grace Kwon und die kroatische Anthea Barac. All das unter der Leitung des Italieners Roberto Zarpellon, Gründer des Orchestra Lorenzo da Ponte mit dem Venice Monteverdi Choir. Nach dieser Aufführung war es zum Luftholen. Wer mit diesem musikalischen Kunstwerk zu Grabe getragen wird, kann sicher in Frieden ruhen. Am Ende unserer musikalischen Wienreise passen die letzten Worte aus dem ersten Lied von Richard Strauss, das wir hörten, aus Zueignung perfekt: Habe Dank.

Details

Wer
Münchner Philharmoniker o.l.v. Pablo Heras-Casado met violiste Vilde Frang; tenor Jonas Kaufmann, sopraan Diana Damrau en pianist Helmut Deutsch; Tonkünstler Orchester o.l.v. Domingo Hindoyan en pianist Simon Trpceski; Orchestra Lorenza Da Ponte, Venice Monteverdi Academy Choir o.l.v Roberto Zarpell
Wo
Große (Goldene) Musikvereinssaal Wien (Wenen, Oostenrijk)
Gesehen am
3 April 2025
Bildnachweis
© Amar Mehmedinovic, © Julia Wesely, Imagno/Getty Images, Greetje Van Buggenhout
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