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Saudade: ein Nachmittag voller Worte, ein Abend ohne

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· 10 Min. Lesezeit
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Saudade: ein Nachmittag voller Worte, ein Abend ohne
© MUTESOUVENIR / Kai Bienert

Für das Konzert des Jovem Orquestra Portuguesa bei Young Euro Classic am Freitag, den 7. August durfte ich eine Probe besuchen und mit dem Hornisten João Augusto, der Violinistin Clara Santos, dem Komponisten César Rafael und der Mezzosopranistin Cláudia Ribas sprechen. Es wurde ein Nachmittag, in dem Worte langsam der Musik Platz machten.

Ein Wort, das sich nicht fassen lässt

João Augusto sucht sichtlich nach Worten, als ich ihn frage, was saudade für ihn bedeutet. Es ist ein Gefühl, das entsteht, wenn man etwas oder jemanden liebt, aber nicht dabei sein kann – irgendwo zwischen Nostalgie und Sehnsucht, sagt er, ohne es je ganz abgrenzen zu können. Clara Santos bringt es sofort auf ihre eigene Situation zurück: Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sind weit weg von zu Hause, und gerade die Intensität dieser Sehnsucht ist schwer in Worte zu fassen.

João ergänzt das und erzählt, dass saudade für ihn nicht nur durch die Entfernung von zu Hause entsteht. Auch innerhalb des Orchesters selbst entsteht sie: in den Gesprächen, den Blicken, den kleinen Momenten des Fortschritts während einer Probe. Wenn diese Arbeitsphase vorbei ist, bleibt dieses Gefühl bestehen – als Erinnerung an etwas, das es nicht mehr gibt, während es gerade geschah. Clara erkennt das sofort wieder: Während des Spielens denkt sie zurück an das, was während der Proben passierte, und diese Erinnerungen werden selbst Teil davon, wie sie zusammen musizieren.

Bemerkenswert genug bringt João das Gespräch von selbst bereits beim zweiten Teil des Programms ein. Besonders der Schlussteil von Tschaikowskis Sechster, sagt er, hat für ihn einen besonders introspektiven Charakter – einen Moment, in dem die Musik nach innen kehrt und Raum für Erinnerung und Sehnsucht lässt. Diese Worte kommen mir an jenem Abend erneut in den Sinn, wenn der Schlussteil erklingt.

Ein Komponist zwischen Trompete und Pessoa

César Rafael (°2001) begann nicht am Klavier, sondern mit einer Trompete in einer Kapelle in seiner Geburtsstadt Vila Real – nicht ungewöhnlich in Portugal, wo die Bläsermusiktradition stark ist. Erst später spürte er, dass er nicht nur spielen, sondern selbst schaffen wollte. Er studierte Komposition in Évora, schloss sein Masterstudium 2025 ab und wurde für die Saison 2025/26 Resident Composer beim JOP – der Auftrag, der zu Saudades, só portugueses führte, seiner Uraufführung in Berlin.

Wie viele junge Komponisten ist Rafael noch auf der Suche nach einer eigenen musikalischen Sprache, und er ist darin bemerkenswert offen: Am Anfang, sagt er, stützt du dich vor allem auf deine Professoren, die ersten Vorbilder, die du hast. In seinem neuen Werk verweist er unter anderem auf Lutosławskis Dritte Symphonie und auf Mahler – Einflüsse, die er nicht versteckt, aber auch nicht überwiegen lassen will. Er versucht vor allem, seine eigene Stimme zwischen den Vorbildern, die ihn geprägt haben, zu bewahren.

Im Gespräch erzählt er, dass es fast unvermeidlich war, sein Stück um saudade herum zu bauen, weil das Festival dieses Thema vorgegeben hatte. Erst später, als ich seine Erläuterung im Programmheft lese, entdecke ich, wie unmittelbar Rafael auf Fernando Pessoa's Mensagem aufbaut – die Sammlung, in der Pessoa das portugiesische Zeitalter der Entdeckungen hervorruft. Rafael übersetzt darin nicht seine eigene Erfahrung jenes Zeitalters, die er genauso wenig hat wie Pessoa, sondern richtet seinen Blick auf diejenigen, die zurückblieben: diejenigen, die ihre Geliebten zu Meeren aufbrechen sahen, die kein Seemann je gesehen hatte. Es ist, mit anderen Worten, keine musikalische Illustration eines Wortes, sondern eine Untersuchung der Grenze zwischen saudade und Nostalgie.

Dass er das Publikum dabei bewusst auf die Suche gehen lassen will, hat auch mit dem Publikum selbst zu tun. Die meisten Zuhörer in Berlin sind keine Portugiesen, erklärt er: Sie kennen saudade vielleicht als Wort, aber nicht als etwas, das in ihrer Sprache und Kultur verankert ist. Gerade deshalb möchte er, dass sie sich während des Hörens fragen, wo diese saudade in seiner Musik eigentlich steckt – eine Frage, die für einen portugiesischen Hörer schneller beantwortet wäre als für den Rest des Saales.

Für einen jungen portugiesischen Komponisten ist dies eine einmalige Chance: Aufträge für großes Orchester sind in Portugal selten. Dass ein Jugendorchester ihm diese Chance gibt – mit Musikern, die zu seiner eigenen Generation gehören – macht die Uraufführung zu mehr als nur einem praktischen Auftrag.

Eine Probe, die auf den Saal hört

Zwischen den Gesprächen wohne ich der Probe selbst bei und sehe eine konzentrierte, aber bemerkenswert offene Arbeitsweise. Pedro Carneiro ist charmant und zugänglich, arbeitet konzentriert, aber ohne Distanz, und antwortet freundlich auf Fragen seiner Musiker. Zusammen mit seinen Assistenzdirigenten hört er ständig auf die Balance zwischen den Orchestergruppen und darauf, wie sich der Klang im Saal des Konzerthauses ausbreitet: kleine Anpassungen, erneut abgehört, nachgebessert. Eine Probe geht offenbar nicht nur darum, Noten einzustudieren, sondern ebenso darum, den richtigen Klang für DIESEN Raum zu suchen.

Ich höre zum ersten Mal auch Rafaels neues Werk, und es lässt mich den Rest des Nachmittags nicht los. Es ist dunkel, fast hermetisch, keine Geschichte, die sich sofort verstehen lässt. Wo sitzt die saudade genau – bei dem, der aufbricht, bei dem, der zurückbleibt, oder in der Sehnsucht selbst? Ich habe keine Antwort, aber ich weiß, dass ich es am Abend erneut hören möchte.

Wenn die Musik übernimmt

Das Konzert eröffnet mit der Festivalhymne, die Iván Fischer (°1951) 2011 für Young Euro Classic schrieb. Da ich das Werk die vorangegangenen Abende nur in Bläserbesetzung gehört hatte, ist diese Aufführung eine Überraschung. Jetzt klingt es durch das vollständige Orchester, und besonders die Streicher fügen einen Reichtum, Wärme und Breite hinzu, die dem Werk eine ganz andere Ausstrahlung geben.

Die Ouvertüre Le Corsaire von Hector Berlioz (1803-1869) wird mit viel Spielfreude gebracht. Was besonders auffällt, ist das Gleichgewicht zwischen den Orchestergruppen – nichts scheint zufällig platziert zu sein, und nachdem ich mittags das Proben im Hinblick auf den Saal beobachtet hatte, höre ich jetzt das Ergebnis.

Dann, ohne Unterbrechung, die beiden Berlioz-Lieder. Cláudia Ribas bringt sie innig und durchdrungen, aber gleichzeitig mit dramatischer Wirkung: als Dido singt sie in der Arie aus Les Troyens nicht nur von Abschied, sie scheint ihn zu durchleben, bis sie flehend auf die Knie sinkt. Bei den großen Bläserausbrüchen wird ihre Stimme manchmal übertönt, aber die Durchdrungenheit bleibt bestehen – was für eine Stimme und welche Präsenz hat diese Mezzosopranistin. In Sur les lagunes bekommt ihre Stimme eine intimere, nach innen gekehrte Farbe: der Mann, der seine verstorbene Geliebte vermisst und ohne Liebe aufs Meer hinaus muss, steht wieder allein dem Wasser gegenüber. Und dann verstehe ich plötzlich etwas von saudade, das mir niemand an jenem Mittag hätte erklären können – die Musik macht es selbst.

Dann erklingt die Weltpremiere von Rafaels Saudades, só portugueses. Anspruchsvoll für Musiker und Hörer, aber fesselnd vom dunklen Anfang in den tiefen Streichern. Heftige Bläserausbrüche, eine melancholische Klarinette, Musik von Suchen und Nicht-Finden. Wissend, was ich jetzt über Pessoa, die Zurückgebliebenen und die Lutosławski- und Mahler-Spuren weiß, die Rafael selbst benannte, höre ich das Stück anders als während der Probe: weniger als ein Rätsel, mehr als den Blick vom Ufer, den ich mittags bereits zu ahnen begann. Beinahe wie die einsame Figur aus Caspar David Friedrichs Mönch am Meer, die über ein Meer blickt, das sich nicht ergründen lässt. Dass das neue Werk beim Berliner Publikum etwas auslöst, zeigt sich in dem Applaus, der darauf folgt. Was genau jeder gehört oder erkannt hat, weiß ich natürlich nicht – und vielleicht ist das genau das, was Rafael damit erreichen wollte.

Nach der Pause erklingt Pjotr Tschaikovski (1840-1893). Diese Pathétique geht durch Mark und Bein. Pedro Carneiro nimmt seine Musiker mit auf den Weg und versteht es, aus ihrer Energie eine unglaublich intensive Lesart herauszuholen. Der erste Satz ist enorm dynamisch und trotz komplexer Rhythmik überraschend klar – man hört, dass hier hart daran gearbeitet wurde – bis zur Klimax am Ende des Satzes, die dir den Atem raubt. Der zweite Satz ist bemerkenswert schnell, vielleicht etwas weniger tänzerisch als üblich, aber mit einer beeindruckenden Rolle für die Pauken: ihr Rhythmus, ungewöhnlich deutlich ausgearbeitet, lässt dein Herz immer schneller schlagen. Ein eisenstarker Fund, der dir den Atem verschlägt. Im dritten Teil verschiebt sich die Atmosphäre allmählich von vertrautem Rhythmus zu etwas Unbehaglichem: keine Beckenklänge reiner Freude, eher eine erzwungene Fröhlichkeit. Kurt Sanderling nannte diesen Satz einmal eine Untergangsversion, und diese Aufführung hat etwas davon. Der obligate Applaus nach dem dritten Satz unterbricht einen Spannungsbogen, der noch nicht enden wollte – aber vielleicht war er auch einfach nötig, nach drei Sätzen ohne Unterbrechung.

Der vierte Satz baut verhalten zu seiner Klimax auf. Gegen Ende bleibt der Herzschlag heftig, als würde sich das Leben mit seinen letzten Kräften wehren. Anders als ich diese Musik zu hören gewohnt bin, aber vielleicht gerade passend für ein Orchester junger Menschen, die erst am Anfang des Lebens stehen und aus dieser Position ihre Vision dieses Endes geben. Genau hier höre ich zurück, was João an jenem Mittag sagte: dieser Schlusssatz ist nach innen gekehrt, ein Moment der Erinnerung eher als der Klimax um der Klimax willen.

Manchmal gab es in dieser Aufführung Momente, in denen ein Instrument deutlicher hätte sein können, in denen etwas nicht ganz zusammen passte – aber bei einer so intensiven Aufführung darf das, vielleicht muss es sogar. Auch das Leben selbst ist nicht perfekt. Nach der letzten Note folgt eine lange Stille. Niemand scheint es eilig zu haben, sie zu durchbrechen. Nach einer solch intensiven Erfahrung hätte ich am liebsten gar keine Zugabe mehr gehört. Aber Pedro Carneiro wählt einen anderen Weg. Er lässt seine beiden Assistentdirigenten die Ehrungen übernehmen und gibt dem Abend damit unerwartet noch eine neue Wendung.

Mit Vasco Ferrão am Dirigentenpult bringt das JOP Movimento Perpétuo von Carlos Paredes (1925-2004), ein virtuoses und rhythmisches Werk, in dem das Orchester noch einmal einen Visitenkarte seines Könnens zeigt. Die Atmosphäre veränder sich, die Spannung bekommt erneut eine andere Form und die jungen Musiker scheinen sich noch einmal vollständig der Spielfreude hinzugeben.

Danach wird es intimer und gleichzeitig vielleicht der bemerkenswerteste Moment des ganzen Abends. Unter der Leitung von Jorge Leiria singt das gesamte Orchester zwei politisch aufgeladene Protestlieder von Fernando Lopes-Graça (1906-1994), die mich zutiefst berühren. Plötzlich sind die Instrumente nicht länger die Träger der Musik: die Stimmen der jungen Musiker selbst erfüllen den Saal. Es ist ein überraschender, ergreifender Abschluss – und wieder eine treffende Form von saudade: Musik, die nicht nur zurückblickt, sondern auch erinnert, bezeugt und etwas bewahrt, das nicht verloren gehen darf.

Nach der Stille

Ich denke zurück an Clara, die sich Gänsehaut erhoffte. An João, der die Energie des JOP als einzigartig bezeichnete. An César, der wollte, dass sich besonders das ausländische Publikum fragen würde, wo die saudade in seiner Musik genau sitzt.

Und vielleicht ist die Antwort dies: saudade sitzt nicht nur in der Sehnsucht nach Zuhause oder in der Erinnerung an diejenigen, die nicht mehr da sind. Sie sitzt auch im Lächeln während einer Probe, in einer Komposition, die vom Moment ihres ersten Klangs an Teil der Vergangenheit wird, im Wissen, dass diese jungen Musiker bald wieder auseinandergehen – jeder in eine eigene Zukunft, während das, was sie hier zusammen aufgebaut haben, nur noch in ihrer Erinnerung existiert, in der Musik, die sie zusammen gemacht haben, und in der Erinnerung derer, die dabei sein durfte.

Mittags hatten João, Clara und César versucht, einem Gefühl Worte zu geben, das sich kaum erklären lässt. Abends waren diese Worte nicht mehr nötig.

Details

Wer
Jovem Orquestra Portuguesa o.l.v. Pedro Carneiro met Cláudia Ribas, mezzosopraan
Wo
Konzerthaus, Berlin
Gesehen am
7 August 2026
Bildnachweis
MUTESOUVENIR / Kai Bienert
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