Schauen Sie, wir müssen uns da nicht blödsinnig anstellen: Igor Stravinsky war kein meisterhafter Orchesterrator wie Strauss, Ravel oder Mahler. Er komponierte Le Sacre du Printemps sogar am Klavier. Aber die wohlbekannte Fagottsolo auf zwei Klavieren nachahmen zu wollen ist kein fairer Kampf. So müssen Leif Ove Andsnes und Marc-André Hamelin bereits von der ersten Sekunde an gegen den Widerstand ankämpfen.
Sie werden kein schlechtes Wort von mir über die pianistischen Qualitäten beider Herren hören. Absolute Weltklasse am Klavier. Ein Werkverzeichnis zum Verlieben und eine gut gefüllte Preiskasten, um dieses Verzeichnis zu unterstützen. Lassen Sie mich daher mit dem Konzert für zwei Klaviere beginnen. Das einzige Werk auf diesem Album, das tatsächlich für ihr Instrument geschrieben wurde.
Andsnes und Hamelin tanzen leicht durch den Beethovenschen ersten Teil des Werkes. An der steifen Korrektheit des behenden Eröffnungsteils in Sonatenform ist nichts auszusetzen. Auch ohne zu viel übertriebene Emotionalität. Genau wie es sich für das Aushängeschild des Neoklassizismus gehört.
In den darauffolgenden Teilen legen das Duo noch einen drauf. Wenn ihre musikalischen Linien immer mehr gegeneinander ausgespielt werden. Andsnes und Hamelin weben ineinander, geben Melodielinien weiter, werfen rhythmische Ideen hin und her. Bemerkenswert, dass zwei Solistenstars dieses Kalibers es schaffen, sich so unterzuordnen auf Kosten des gelegentlichen Duos.
Auch in Le Sacre du Printemps ist ständig deutlich, dass es hier um absolute Weltklasse geht. Dröhnend in Les Augures printaniers – Danse des adolescentes, völlig entfesselt im Jeu de rapt. Dies ist wahrscheinlich eine der besten Klavierversionen von Le Sacre, die je auf CD erschien. Trotz des Instruments, das schnell einen romantischen Beiklang bekommt, bringen beide Pianisten (unter anderem durch das oben erwähnte Dröhnen, in dem sie wirklich brillieren) eine außergewöhnlich modernistische Klavierreduzierung des Werkes.
Niemals ein Erfolgsteam ändern
Es mag zwar eine unglaubliche Klavierversion sein. Aber die Version für zwei Klaviere kommt keinen Moment an die ursprüngliche Orchesterbesetzung heran. Da Andsnes und Hamelin nicht in Orchesterfarben differenzieren können, klingen einige Teile etwas chaotisch. Ein Werk wie Le Sacre du Printemps muss rhythmisch minutiös sein.
Die Wahl von zwei Klavieren hat auch Auswirkungen auf die Dynamik. Beide Pianisten geben ihr Bestes, um alles aus ihrem Instrument herauszuholen. Aber auch da können zwei Tasteninstrumente nicht mit dem donnernden sakralen Getöse konkurrieren, das dich bei einer Orchesterbesetzung wegbläst.
Man kann auch über die Bezeichnung der Klavierversion diskutieren. Im Booklet prangt „arranged by the composer". Eine Bearbeitung würde ich das kaum nennen. Eine Reduktion, eine Kompositionshilfe, ja. Aber die Klavierversion, die Andsnes und Hamelin hier bringen, dieselbe Version, die Debussy und Stravinsky 1913 übrigens spielten, ist bestenfalls eine ausgearbeitete Orchesterpartitur und keine innovative Bearbeitung.
Außerdem verdient das beiliegende Booklet ein Lob. Niemand Geringeres als der Stravinsky-Spezialist Stephen Walsh, der unter anderem die führenden Biografien des Komponisten verfasste, führt den Hörer durch die ausgewählten Werke.
Hunger nach mehr
Die übrigen mundgerechten Häppchen, Madrid, Tango und Circus Polka, sind unterhaltsame Einlagen, aber man kann sie kaum mit den beiden vorangegangenen Meisterwerken vergleichen. Die Bearbeitung von Madrid stammt noch von Strawinskys Sohn Soulima, aber bei den anderen zwei Bearbeitungen ist die Verbindung zur Familie Stravinsky völlig verlorengegangen. Victor Babin war zwar ein sehr begabter Arrangeur, aber persönlich habe ich immer das Gefühl, dass wir eher ein Klavierwerk von Babin hören als eine Komposition von Stravinsky.
Das ist dann auch das große Dilemma dieses Albums. Die Aufführung ist, wie erwartet, außergewöhnlich. Andsnes und Hamelin zeigen in knapp einer Stunde Musik, dass sie mühelos zwischen dem treibenden Modernismus von Le Sacre, dem verfeinerten Neoklassizismus des Konzerts für zwei Klaviere und sogar dem populären Tango oder Circus Polka wechseln können, aber es bleiben Klavierreduktionen. Besonders wenn man die Last eines ikonischen Orchesterwerkes wie Le Sacre mitschleppt, bleibt man (trotz des glänzenden Versuchs) dennoch etwas hungrig.
- WAS: Stravinsky: The rite of Spring and other music for two pianos
- WER: Leif Ove Andsnes & Marc-André Hamelin
- AUSGABE: Hyperion CDA68189