Als Alain Platel vor einem Jahr mit den Tänzern von Opera Ballet Vlaanderen zu arbeiten begann, stellte er ihnen die Frage: "Was möchtet ihr heutzutage gerne auf der Bühne sehen?" Er erhielt zur Antwort: Schönheit… Trost… Umarmung. Alain Platel ist 67 Jahre alt. Er muss sich nicht mehr beweisen und möchte allmählich ausspannen. Vielleicht ist diese Aufführung sein opus magnum. Es wurde eine erkundende Reise mit vielen Komponenten.
Ein Trio, komplementär in der Kunst: Musik - Steven Prengels; Szenografie - Berlinde De Bruyckere; Regie - Alain Platel machten diese Aufführung zu einem beeindruckenden Erlebnis. 'Ombra' ist irdisch und reich und bündelt Stille, Schmerz, Humor-Funken und Schönheit.
Prengels versteht es, Emotionen in Instrumentalmusik, Arien und Chorwerk in eine Collage alter Kompositionen von u.a. Bach, Beethoven, Samuel Barber, Mozart umzuwandeln und diese dann zu isolieren und ihnen einen erneuerten künstlerischen Kontext in Bezug auf neue eigene Werke zu geben.
De Bruyckere hat eine große Affinität zur Natur. Sie strotzt vor Ideen über organische Architektur, basierend darauf, wie Dinge in der Natur konstruiert sind. Auf der Bühne ein gigantischer weitverzweigter Baum von 12 Metern Höhe. Sie ist fasziniert von der Elastizität von Bäumen, wie sie im Wind mitwiegen. Diese Mega-Skulptur ist kein Monolith, sondern vibriert und biegt sich mit, wenn Tänzer darauf klettern.
Mit seinem intelligenten, abwägenden Blick versteht es Alain Platel, das Potenzial von Tänzern und Chor vollständig ins Bild zu bringen. Inklusivität steht für ihn an erster Stelle. Als Orthopädagoge arbeitete er mit traumatisierten Menschen. Ihre besonderen Verhaltensweisen und Zuckungen erscheinen wieder in seiner Bildsprache. Wo liegt die Grenze zwischen körperlicher Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Besitz des Körpers und Besessenheit? Er sieht die Schönheit des Hässlichen, Abweichenden, beschädigten Körpers, dem er Freude und Würde entgegenstellt.
Er fügt noch Gebärdensprache hinzu. Gesprochene Sprache ist linear. Gebärdensprache ist vierdimensional, nutzt den Raum in Kombination mit der Zeit, Mimik und dem Körper. Platel versteht es, all diese Elemente zu bündeln und den Raum mit pulsierender Energie zu füllen, die gleichzeitig spirituell, läuternd, sinnlich und intelligent ist.
Als der Vorhang aufgeht, steht zentral dieser Riesenbau eines Baumes, eine Menge Volk darum herum in Bewunderung und eine geweihte Stille. 'Ombra'… ein Baum, der liebevoll und zart Schatten spendet. Ein Ort, an dem Menschen in dunklen und stürmischen Zeiten Ruhe finden. In diesem Schatten ist es herrlich zu verweilen. Nach einigen Minuten erhebt sich eine zarte Stimme aus der Stille. TK Russel, der Sänger aus Kongo, singt a cappella die Bravouraarie 'Ombra mai fu', ein Gespräch mit einem Baum. Diese Idee stammt aus der Oper Xerxes von Händel. Eine Arie mit einem etwas ironisch gemeinten Text und doch ein beliebtes Lied unter traurigen Umständen geworden. Ein merkwürdiges Echo der Ergriffenheit.
Die Tänzer von Opera Ballet Vlaanderen verblüffen wieder durch ihre Vielseitigkeit. Es wird auf Spitzenschuhen getanzt, Frauen und Männer gleichermaßen. Sie alle haben ihre eigenen Moves in einem orchestrierten Chaos, das dann
wieder zu einer simultanen Reihe von Bewegungen einiger Tänzer auskristallisiert. Es ist Spielen mit Raum: Toben und dann wieder im Takt gehen. Das Individuum versus die Gemeinschaft.
Der Chor wird in größere Tanzsequenzen einbezogen, nicht mit großen Bewegungen, eher subtile: das Hochziehen der Schultern und in drei abwärts pulsierenden Bewegungen wieder zur Normalität, oder an Ort und Stelle kleine Drehbewegungen nach links und rechts machen. Die Kraft der Kollektivität spricht daraus. Bei Beethovens' Männerchor aus Fidelio wird der Text mit den Händen in Gebärdensprache umgewandelt. Diese simultanen Bewegungen sind selbst ein Tanz. Die Tänzer der Compagnie OBV bewegen sich nicht nur am Boden, sondern klettern auch in und aus dem Baum. Nesteln sich darin ein. Schaudernd schön ist das mehrstimmige, poetische und weltberühmte 'Agnus Dei' von Samuel Barber. Die Hände werden in einer rituellen Kadenz vor Mund und Augen gebracht. Eine symbolische Geste für Taubheit und Blindheit gegenüber dem Leid der Welt. Prengels sorgte auch für eine schöne solistischePartie für TK Russell.
In einer Zeitlupe zur Barockmusik verflechten sich die Tänzer ineinander. Ein besonderes Tableau. Man weiß nicht mehr, wem die Arme oder Beine gehören. Das Menschenknäuel wird immer kompakter. Bis es sich allmählich wieder auseinander zieht. Ich war so fasziniert und konzentriert, die Tänzer beobachtend, dass ich überrascht feststellte, dass der Baum geräuschlos umgefallen war. Sofort war da Besorgnis und Fürsorge. Die Umwelt, die Natur verdient unsere Aufmerksamkeit. Die Äste wurden gestützt, umwickelt.
'Ombra' ist ein Bombardement von Visionen, Geschmäckern, Absichten. Einer der Tänzer kriecht und hängt im Baum wie ein geschmeidiges Äffchen. Diese Aufführung hat nicht den Punch von C(h)oeurs. Alain Platels Kampfgeist hat der Gesamtheit Platz gemacht. Dann geht die Aufführung allmählich dem Ende entgegen. Wo der Schatten des Baumes am Anfang in 'Ombra mai fu'' besungen wird, stellte Prengels das Erhabene 'Soave sia il vento' aus Mozarts Così fan tutte "Möge der Wind sanft sein, und die Wellen ruhig. Und dass jedes der Elemente sich unseren Wünschen hingeben möge." Das ganze Ensemble bewegt sich langsam nach vorne, während es mit den Armen das Plätschern der Wellen darstellt. Prengels bringt TK Russel, alle Tänzer, den Chor und das Orchester zusammen in dieser hoffnungsvollen Melodie. Die Gelassenheit, die von diesem Schlusslied ausgeht, ist wie eine warme Decke, die dich umhüllt. 'Ombra' ist eine mehrstimmige Aufführung, die nicht versucht, eine zwingende Ästhetik oder Formensprache aufzuzwingen. Durch die Ausstattung, Musik, Tanz und sprechende Körpersprache wirst du in deinem Stuhl niedergedrückt. Es ist, sich von der Emotion zu erholen.
'Ombra' eine Vorstellung mit einer unfassbaren Dimension. Eine Begegnung zwischen Sängerinnen, Tänzerinnen und Musikerinnen, jede mit ihrem eigenen Hintergrund, aber auch zwischen Komponisten aus verschiedenen Epochen. Interpreten, die alle in ihrem Fachgebiet hervorragend sind. Das Publikum war überwältigt und entzückt und brachte in einem langanhaltenden Applaus eine Hommage an die Kreativität und Hingabe des gesamten Ensembles und auch an die Seelenverwandten von Alain Platel: den großen Gerard Mortier.
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- WAS; 'Ombra'
- WER: Regie, Alain Platel, musikalisches Konzept und Komposition: Steven Prengels, Szenografie: Berlinde De Bruyckere, Gesang: TK Russell, Chor und Orchester Opera Ballet Vlaanderenkoor
- WO & WANN: Opera Ballet Vlaanderen, Antwerpen, 31. März 2024
- FOTOS: © Koen Broos


