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Rezensionen

Musik als Akt des Widerstands

W
· 8 Min. Lesezeit
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Musik als Akt des Widerstands

Als Julius Eastman 1990 in Buffalo starb, war er aus dem Musikleben praktisch verschwunden. Sein Tod blieb monatelang unbemerkt und viele seiner Partituren und Aufnahmen gingen verloren. Erst mit der Veröffentlichung von Unjust Malaise im Jahr 2005 kam seine Musik wieder in den Fokus. Seitdem entwickelte sich Eastman zu einer der faszinierendsten Wiederentdeckungen der amerikanischen Musik der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Julius Eastman (1940-1990) war Pianist, Sänger, Choreograf, Dirigent und Performer, aber all diese Rollen scheinen letztendlich in seinen Kompositionen zusammenzulaufen, in denen Schreiben, Improvisieren, Aufführen und gesellschaftliche Stellungnahme kaum voneinander zu trennen sind. Seine Musik knüpft an den Minimalismus an, aber bei Eastman erhält die Wiederholung eine viel körperlichere, manchmal sogar explosive Kraft. Seine sogenannte „organische Musik" wächst aus kleinen musikalischen Zellen, die sich wiederholen, stapeln und verdichten zu einem immer mächtigeren Klangganzen. Dies wird überzeugend auf dieser CD des New European Ensemble unter der Leitung von Emlyn Stam illustriert, mit Joy Boy (1974), Gay Guerilla (1979) und Buddha (1983).

Eastmans Partituren legen nicht alles fest. Innerhalb bestimmter Grenzen erhalten die Ausführenden Raum, um Entscheidungen zu treffen, etwa bei Tonhöhen, Rhythmen und instrumentaler Bearbeitung. Dadurch kann dasselbe Werk in verschiedenen Aufführungen ein auffallend anderes Klangbild bekommen. Das erfordert nicht nur technische Beherrschung, sondern vor allem ein Gespür für das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Struktur. Das New European Ensemble geht damit überzeugend um. Der Klang erhält Raum, ohne dass die zugrunde liegende Architektur je aus den Augen verloren wird.

Freude mit ausgefranster Kante

Die CD eröffnet mit Joy Boy, das sofort klarmacht, dass sich Eastmans Musik nicht in das vertraute Bild von Minimal Music als rein repetitiv und meditativ einfangen lässt. Kurze, wiederholte tremolo-ähnliche Bewegungen in Bewegung kommen, verschwinden und kehren verändert zurück. Was anfangs fast spielerisch klingt, bekommt allmählich etwas Nervöses und Unfassbares.

Diese Unruhe klingt auch in einem Titel an, der alles andere als unschuldig ist. Joy ruft Freude, Leichtigkeit und Vergnügen auf, während Boy in der amerikanischen Geschichte ein belastetes Wort ist, mit dem schwarze Männer in eine untergeordnete Position herabgestuft wurden. Bei Eastman, einem schwarzen homosexuellen Komponisten, der selbst mit gesellschaftlichem Ausschluss und Stereotypisierung konfrontiert war, bekommt diese Kombination eine zusätzliche Ladung: Joy Boy bringt Freude und Erniedrigung, Verspieltheit und gesellschaftliche Spannung unangenehm nah beieinander. Die Musik erzählt darüber keine wörtliche Geschichte, aber der Titel färbt das Hörerlebnis: Die Energie klingt nie ganz sorglos, als ob hinter der Freude etwas weiter reibt.

Genau darin zeigt Eastman seine Stärke. Er braucht keine großen Gesten, um Spannung aufzubauen. Kleine musikalische Ereignisse bekommen durch Wiederholung und Verschiebung immer mehr Gewicht. Die anfangs lockeren Bewegungen scheinen sich allmählich im Klangbild festzusetzen, bis sie nicht mehr als einzelne Figuren, sondern als eine wachsende Spannung wahrgenommen werden. Joy Boy ist damit mehr als eine fesselnde Eröffnung: Es setzt sofort den Ton für eine Klangwelt, in der scheinbar einfache Muster zunehmend unterschwellige Unruhe auslösen.

Stille, die nicht stille bleibt

Mit Buddha ändert sich der Charakter der CD grundlegend. Während Joy Boy den Hörer in eine nervöse, sich aufstauende Bewegung zieht, scheint sich Buddha aus der Zeit zurückzuziehen. Der Klang wird dünner, die Bewegung spärlicher, und zwischen den einzelnen Ereignissen entstehen Räume, in denen scheinbar wenig passiert. Aber gerade dort wird das Hören intensiver.

Dieses Gefühl der Offenheit liegt bereits in der merkwürdigen Form der Partitur vor. Eastman zeichnet Buddha als ein Ei, das sowohl von links nach rechts als auch in die entgegengesetzte Richtung gelesen werden kann. Ein selbstverständlicher Begin- und Endpunkt fehlt daher. Die Ausführenden erhalten keine ausgesteckte Route, sondern einen musikalischen Raum, in dem sie während der Aufführung bestimmen, wie sich das Material entfaltet. Langanhaltende Klänge und kurze, pulsierende Eingriffe halten die Zeit ständig in Bewegung. Ein Ton kann am Rande des Gehörs verweilen und durch eine kleine Verschiebung plötzlich in den Vordergrund treten. Was stille scheint, erweist sich als ständig verändernd.

Buddha ist also keine komfortable Einladung zur Meditation. Dafür bleibt die Musik zu angespannt und zu unvorhersehbar. Ein einzelner Puls, eine Verschiebung der Klangfarbe oder das Erscheinen eines neuen Tons kann den gesamten musikalischen Raum zum Kippen bringen. Eastman fordert den Hörer nicht auf, sich zurückzulehnen, sondern aufmerksam gegenwärtig zu bleiben bei dem, was klingt und bei dem, was zwischen den Klängen geschieht.

Das New European Ensemble macht diese Verletzlichkeit in kleinen, fast unscheinbaren Details hörbar: Ein Streicher lässt einen Ton gerade etwas länger ausklingen als erwartet; eine Stille dauert gerade lange genug, um spürbar zu werden. Klänge scheinen sich anzuziehen, abzustoßen und sich gegenseitig Raum zu geben, wodurch eine Art akustische Atmung entsteht. Darin liegt die Faszination von Buddha: Die Stille bekommt keinen Ruhepunkt, sondern eine eigene Bewegung. Sie verschiebt sich und hält die Spannung unterschwellig fest.

Von minimaler Zelle zur Schallmauer

Gay Guerilla ist mittlerweile eine von Eastmans bekanntesten Kompositionen und gleichzeitig eines seiner ausgesprokensten Werke. Der Titel allein macht klar, dass Eastman Musik nicht als einen neutralen Raum betrachtete. Seine Kompositionen konnten Identität einfordern, Geschichte ins Gedächtnis zurückrufen und sich gegen gesellschaftliche Ausgrenzung zur Wehr setzen.

Eastman beschrieb einen Guerrillero als jemanden, der bereit ist, sein Leben für eine Überzeugung einzusetzen. Der Titel erhält dadurch eine ausgesprochen politische Bedeutung, aber die Musik muss diese Bedeutung nicht wörtlich illustrieren. Sie trägt ihren Kampfgeist in der Art, wie sie sich entfaltet. Aus äußerst begrenztem Material entsteht ein Prozess, der sich langsam, aber unerbittlich ausbreitet. Ein Muster wird von einem zweiten begleitet, dann von einem dritten, während sich die Wiederholung dem Hörer immer nachdrücklicher aufzwingt. Was zunächst fast kahl klingt, wird allmählich immer schwerer zu vermeiden.

Darin liegt die besondere Kraft dieses Werkes. Eastman benötigt keine traditionelle Klimax: Die Musik wird sich selbst immer schwerer. Klänge stapeln sich auf, rhythmische Muster verflechten sich und der Raum zwischen den einzelnen Ereignissen wird kleiner. Man hört nicht nur eine Klangmasse entstehen, sondern erlebt fast körperlich, wie sie sich bildet. Wiederholung wird Druck, Druck wird Spannung und schließlich erhält die Musik eine eigene Schwerkraft.

Erst nach etwa zwei Dritteln des Werkes erscheint – wie eine lange aufgeschobene Erinnerung – der lutherische Choral Ein feste Burg ist unser Gott. Die Melodie tritt nicht als klares Zitat von außen in die Musik ein, sondern scheint sich langsam aus der aufgebauten Klangmasse zu lösen. Zuerst kommt das Erkennen, dann gewinnt die Melodie immer mehr Einfluss auf das Klangbild. Nach all diesen Minuten der Anhäufung bietet sie plötzlich Halt, aber gleichzeitig eröffnet sie eine neue Ebene: religiöse Erinnerung, Gemeinschaft, Standhaftigkeit und Widerstand. In Verbindung mit Eastmans Titel und seiner eigenen Position als schwarzer homosexueller Künstler lässt sich der Choral darüber hinaus als mehr als nur eine religiöse Anspielung lesen: Er erhält eine breitere Bedeutung von Identität, Gemeinschaft und Widerstand.

Dass Gay Guerilla hier in Jessie Montgomerys Bearbeitung für Streichinstrumente erklingt, während das Werk normalerweise von vier Klavieren aufgeführt wird, ist daher mehr als nur eine praktische Wahl. Die Streichinstrumente verändern den Charakter der Klangmasse, ohne die grundlegende Kraft von Eastmans Musik zu beeinträchtigen. Ihr Klang kann sich ausbreiten und sich kontinuierlich bewegen, wodurch die Muster weniger kantig und organischer ineinander greifen. Die Wiederholung erhält etwas Körperliches: Streichinstrumente fügen Schicht für Schicht hinzu, bis der Klangraum immer weiter gefüllt wird. Wenn sich der Choral sich schließlich aus dieser Masse löst, fühlt es sich nicht wie ein eingefügtes Zitat an, sondern wie etwas, das die ganze Zeit unter der Oberfläche vorhanden war.

Genau da macht das New European Ensemble Eindruck. Der Aufbau wird nirgendwo erzwungen, wodurch das Erscheinen des Chorals umso stärker wirkt. Gay Guerilla endet nicht so sehr in einer traditionellen Klimax als vielmehr in einem Zustand, in dem die aufgebaute Klangmasse ihre volle Kraft erreicht hat.

Ein Komponist, der sich nicht neutralisieren lässt

Vielleicht ist das ja das größte Verdienst dieser CD: Das New European Ensemble präsentiert Eastman nicht als eine Kuriosität der amerikanischen Avantgarde, sondern als einen Komponisten, dessen Musik selbst überzeugt. Der gesellschaftliche und persönliche Kontext ist wichtig, aber letztendlich leistet der Klang die Arbeit. Und dieser Klang ist widerspenstig, verletzlich, nervös und manchmal überwältigend.

Joy Boy, Buddha und Gay Guerilla zeigen drei verschiedene Seiten desselben eigenwilligen Geistes. Von nervöser Wiederholung und geladener Stille bis zu einer Klangmasse, die sich immer weiter verdichtet: Eastman sucht nirgendwo den einfachsten Weg. Dieser Hintergrund erklärt viel von dem, was in dieser Musik auf dem Spiel steht, aber er ist keine Voraussetzung, um davon bewegt zu werden: Auch wer nichts von Eastmans Leben weiß, hört in diesen drei Werken einen Komponisten, der keine Kompromisse eingeht.

Für jeden, der Eastman noch entdecken muss, ist dies eine besonders starke Einführung. Gay Guerilla bildet den unbestrittenen Höhepunkt, aber gerade die Kombination mit Joy Boy und Buddha macht die Aufnahme überzeugend. Mit 47 Minuten ist die Spieldauer für eine physische CD eher kompakt, aber die drei Werke hinterlassen dennoch einen bemerkenswert konzentrierten Eindruck.

Eastmans Musik lässt sich nicht leicht konsumieren. Sie dringt langsam auf dich ein und lässt dich dann nicht mehr los.

Besprochene CD

Gay Guerrilla

New European Ensemble

Label
Challenge Classics · CC 720065
Erscheinungsdatum
17 September 2026
Vollständige Angaben →
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