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Rezensionen

Mandolinen in den Salons der Belle Époque

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· 4 Min. Lesezeit
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Mandolinen in den Salons der Belle Époque
© Arcana

"Die Mandoline heute ist so sehr verlassen…" – so klagte Hector Berlioz in seinem Instrumentierungstraktat von 1843 über das vergessene Instrument. Was für eine Ironie, dass sein Name später mit der Salle Berlioz verbunden werden sollte, einem der Pariser Konzertsäle, auf denen Mandolinisten wie Vittorio Monti und Laurent Fantauzzi auftraten. Und welch eine Freude, dass der neapolitanische Mandolinist Raffaele La Ragione uns mit seiner neuen CD "Dans les salons fin-de-siècle" zurück in jene bezaubernde Welt der Belle Époque führt, in der Salons von Gitarren und Mandolinen erklangen, die Verse von Verlaine gesungen wurden und ganz Europa – vom Friseur bis zum Richter – unter dem Zauber ihrer Saiten stand.

Ein Instrument mit einer bewegten Vergangenheit

Die begleitenden Texte der Musikwissenschaftler Paul Sparks und Hélène Cao – umfangreich und durchdacht – skizzieren, wie die neapolitanische Mandoline nach einer Zeit der Vergessenheit erneut aufblühte, auch dank der Pariser Weltausstellung von 1878. Italienische Virtuosen wie Giuseppe Silvestri und Ferdinando De Cristofaro zogen nach Paris und entfesselten dort eine wahre "Manie". Pioniere wie Jules und Alfred Cottin folgten ihren Spuren, und bald fand die Mandoline ihren Weg in die Pariser Salons, obwohl sie kurz zuvor noch als rein volkstümliches Instrument galt. Es ist genau dieser reiche Hintergrund, den Raffaele La Ragione mit seinem Programm erschließen möchte – und darin gelingt es ihm glänzend.

Virtuosität mit Stil und Geschmack

La Ragione spielt auf einer Mandoline gefertigt von Lorenzo Lippi (Mailand, 2025), nach dem Vorbild der legendären Vinaccia-Macher, und auf einer Tenormandola von Raffaele Calace Jr. (Neapel, 2017). Sein Klangideal ist klar: warm, nuanciert, ohne Effekthascherei. Die Tremolotechnik – das Geheimnis des cantabilen Charakters der Mandoline – handhabt er mit bewundernswerter Ruhe und Gleichmäßigkeit, so dass Melodielinien atmen, anstatt zu zittern. In Silvestris Lo Sport, einem Walzer, den der Komponist selbst auf der Weltausstellung von 1878 aufführte und der möglicherweise zum ersten Mal aufgenommen wurde, erweist sich La Ragione als ein Erzähler, der sein Publikum mitreißt, ohne je zu zwingen.

Die bearbeiteten Stücke – von Bizets Pastorale (eine herrliche Ouvertüre, die sofort den Ton angibt und nach mehr verlangt) über Gounods Le Soir bis zu Chaminades Havanaise – stammen unter anderem von Jean Pietrapertosa und den Gebrüdern Cottin, Arrangeuren, die die Musik ihrer Zeit in- und auswendig kannten. La Ragione respektiert ihr Werk, fügt aber sein eigenes typisch mandolinistisches Idiom hinzu: in Duponts "Mandoline" und Saint-Saëns' "Guitares et Mandolines" klingen die wiederholten Noten des Instruments, wie sie klingen sollen – wie das tingelende Wasser eines neapolitanischen Brunnens in einer Sommernacht. Nicht jedes Werk auf dem Album besitzt die gleiche kompositorische Aussagekraft, aber genau diese Abwechslung macht deutlich, wie vielseitig das Salonrepertoire rund um die Mandoline war. Das Ganze ergibt eine sehr unterhaltsame Aufnahme.

Ein Dreiecksverhältnis: Instrument, Klavier, Stimme

Der integre François Dumont ist auf einem Pleyel-Flügel von 1896 zu hören – eine bewusste Wahl, die die Geschichte glaubwürdig macht. Das Instrument verleiht der Begleitung einen charakteristischen gedämpften Glanz, eine Patina, die der moderne Konzertflügel nicht erreichen kann. Dumont ist ein ausgezeichneter Partner: er hört zu, ergänzt und nimmt nie mehr Platz ein als nötig. Sein Liszt (Danse des sylphes) und Chopin (Variation aus der Hexaméron) sind kleine Perlen stilisierter Eleganz.

Sandrine Piau, seit jeher in der Barockmusik zu Hause, aber auch hier völlig überzeugend, singt drei "Mélodies" auf "Les donneurs de sérénades" ("Mandoline") von Paul Verlaine: die Vertonungen von Debussy, Dupont und Fauré, ideal über das Programm verteilt. Ihre Stimme hat die besondere Eigenschaft, dass sie auch in leichter, scheinbar luftiger Musik etwas innere Intensität trägt. Ihr Debussy steht dem Geist des Instruments am nächsten – er beginnt nämlich mit den offenen Saiten der Mandoline selbst, sol-ré-la. Ihr Fauré ist inniger, ihr Dupont durchlebt.

Eine Wiederentdeckung, die bleibt

Was dieses Album besonders macht, ist die Kohärenz des Konzepts. La Ragione und seine Partner bauen kein Museumsstück nach, sondern bieten eine lebende musikalische Unterhaltung mit der Vergangenheit. Das Repertoire – eine Mischung aus Originalen und einfallsreichen Bearbeitungen – ist sorgfältig ausgewählt, die Ausführung durchdacht und die Aufnahmequalität (Chiesa di San Rocco, Miasino, Juni 2025) warm und transparent.

Nach "Beethoven and his Contemporaries" (2020) und "Mandolin on Stage" (2022) bestätigt La Ragione mit diesem dritten Album für Arcana seine Position als einer der führenden Mandolinisten seiner Generation. Er rehabilitiert die Mandoline wie Gustav Leonhardt einst das Cembalo rehabilitierte: indem er einem vergessenen Instrument wieder Ernst, Farbe und historische Tiefe verlieh.

Dies ist eine CD, die man nach dem ersten Hören nicht bald weglegt.

Details

Wer
Raffaele La Ragione, mandoline François Dumont, piano Sandrine Piau, sopraan
Wo
Mandoline. Dans les salons fin-de-siècle
Bildnachweis
Arcana

Besprochene CD

Dans les Salons fin-de-siecle

Sandrine Piau, Raffaele La Ragione, Francois Dumont

Label
Arcana · A596
Erscheinungsdatum
22 Mai 2026
Anhören Spotify
Vollständige Angaben →

Titelliste

  1. 1 Pastorale (Arr. for Mandola and Piano by Jean Pietrapertosa)
  2. 2 Mandoline, CD 43
  3. 3 Lo sport
  4. 4 Sylvia: Variation dansée (Pizzicati) [Arr. for Mandolin and Piano by Louis Emma]
  5. 5 Le soir, CG 441 (Arr. for Mandola and Piano by Jean Pietrapertosa)
  6. 6 Mandoline (Arr. for Voice, Piano and Mandolin by Raffaele La Ragione)
  7. 7 Clair de lune, op. 112 (Arr. for Mandolin and Piano by Jules Cottin)
  8. 8 Danse des sylphes, S. 475
  9. 9 Chanson napolitaine, op. 82 (Arr. for Mandolin and Piano by Joseph Ange Carboni)
  10. 10 Sérénade, op. 29 (Arr. for Mandolin and Piano by Jules Cottin)
  11. 11 Havanaise, op. 57 (Arr. for Mandolin and Piano by Janvier Pietrapertosa fils)
  12. 12 Pierrette, op. 41 (Arr. for Mandolin and Piano by Joseph Ange Carboni)
  13. 13 Guitares et Mandolines (Arr. for Voice, Piano and Mandolin by Raffaele La Ragione)
  14. 14 Adieux de l’hôtesse arabe (Arr. for Mandola and Piano by Jean Pietrapertosa)
  15. 15 Le Timbre d’argent (Arr. for Mandolin and Piano by Jean Pietrapertosa)
  16. 16 5 Mélodies, op. 58: No. 1, Mandoline
  17. 17 Hexaméron: Variation no. 6, B. 113
  18. 18 Serenade (Arr. for Mandolin and Piano by Jean Pietrapertosa)
  19. 19 Chérubin, Act III: Aubade (Arr. for Mandolin and Piano by Jules Cottin)
  20. 20 Madame l’archiduc (Arr. for Mandolin and Piano by Jean Pietrapertosa)
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