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Rezensionen

Jedermann in Weimar — Zwischen Sterblichkeit und Stille

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· 9 Min. Lesezeit
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Jedermann in Weimar — Zwischen Sterblichkeit und Stille
© Matthias Klopp

Durch die Augen des Todes erblickt der Mensch sein eigenes Spiegelbild — und entdeckt nur, was er selbst gegeben hat.

Unter dem ausgestreckten Himmel des Weimarhallenpark entfaltete sich am Sonntag, 17. August 2025, keine gewöhnliche Aufführung, sondern eine beseelte Reise: Jedermann, das zeitlose Moralitätsspiel von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), wurde in einer Form wiedergeboren, die selten den Horizont des Theaters erreicht. Regisseur Nicolai Tegeler entschied sich für Zurückhaltung statt Spektakel, für Tiefe statt äußerem Prunk, und schuf eine Aufführung, die nicht durch Schaustellung beeindruckte, sondern sich an die innere Wahrhaftigkeit klammerte. Sie wurde zu einer Meditation über Sterblichkeit, Verlust und Versöhnung, in der Sprache, Atmung, Stille — und die Nacht selbst — die Bühne bewohnten.

Eine existenzielle Reise zwischen Himmel und Erde

Hofmannsthals Jedermann, verwurzelt im mittelalterlichen Everyman und 1911 geschrieben, in der erstickenden Vorahnung des Ersten Weltkriegs, ist durchtränkt von einer fast sakralen Sprache. Die Geschichte des reichen Jedermann, der auf dem Höhepunkt seiner Macht dem Tod begegnet, stellt die ewige Frage: Was bleibt, wenn alles verschwindet? Sein Reichtum, Freunde und Geliebte wenden sich von ihm ab, nur Glaube, gute Werke und das Gewissen bleiben in den letzten Stunden.

"Was hilft mir Reichtum, wenn ich sterben soll?"

In Weimar, der Stadt, die Goethe und Schiller atmete, erhielt dieser Jahrhunderte alte Text neuen Lebenshauch. Die Natur war kein Bühnenbild, sondern ein beteiligter Mitspieler: das Flüstern der Bäume, die aufkommende Finsternis, der Sternenhimmel als Gewölbe der Vergänglichkeit — alles atmete mit dem Stück, alles trug zur Aussagekraft der Botschaft bei.

Julian Weigend: Verwundbarkeit in ihrer tiefsten Form

Julian Weigend war das schlagende Herz der Aufführung. Er zeichnete keinen stereotypen reichen Mann, sondern einen Menschen in Krise. Seine Einsamkeit und Angst waren greifbar, seine Verletzlichkeit weckte beim Publikum tiefe Empathie.

In der Eröffnungsszene sahen wir ihn als selbstbewussten, fast gleichgültigen Mann, umgeben von Feiernden. Seine Haltung war arrogant, seine Worte kraftvoll, aber unter dieser Fassade lauerte Zweifel. Die Konfrontation enthüllte einen inneren Konflikt: das Verlangen nach Vergnügen prallte auf Widerwillen — eine Spannung, die Weigend subtil ausagierte, sowohl durch seine physische Ausdruckskraft als auch durch die Variationen in seiner Stimmlage und Lautstärke.

Als der Tod erschien, fiel Weigends Fassade völlig weg. Seine kraftvolle Haltung wich der Kleinheit, der Verletzlichkeit des Menschen, der sich seiner eigenen Sterblichkeit stellen muss. Mit zitternder Stimme sprach er seine Ergebung aus: "Wie du mich hast zurückgekauft, so wahre jetzt der Seele mein."

Die Stille, die folgte, war fast greifbar; seine Atmung bestimmte den Rhythmus des Moments, das Publikum wurde in die Schwere des Ereignisses hineingezogen. Hier zeigte Weigend mit minimalen Mitteln maximale Emotion.

In seiner Begegnung mit Gute Werke wurde sein innerer Kampf zwischen Schuld und Hoffnung auf wunderbare Weise sichtbar: anfangs skeptisch und ablehnend, sucht er schließlich Halt und Vergebung. Seine verhaltenenen Gesten und schüchterner Blick zeugten von tiefer Beherrschung.

Weigend machte Jedermann zum Archetyp der menschlichen Verletzlichkeit, zur Suche nach Sinn am Ende des Lebens — ein Mensch, der sich vollständig seiner Sterblichkeit aussetzte, sein Körper und seine Stimme als Instrumente seines inneren Kampfes.

Thomas Thieme: der Tod als ruhige, unvermeidliche Präsenz

Mit seinen 75 Jahren brachte Thieme einen Tod, der nicht von dieser Welt zu sein schien, streng und alt, aber ohne Bosheit. Seine Stimme war schwer wie Stein, jeder Satz unwiderruflich. Kein theatralisches Grinsen, kein angsteinflößendes Schreckgespenst, sondern eine ruhige, unerbittliche Wahrheit, die das Unvermeidliche widerspiegelte. Seine Stimme, tief und irgendwie beruhigend, trug die Worte wie einen unausweichlichen Ausspruch: "Ich bin der Tod, der niemand verschont."

Mit mönchischer Schlichtheit, langsamem Schritt und völliger Beherrschung überstieg Thieme das Menschliche und wurde der Tod zu einer fast philosophischen, serenen Präsenz, die nichts als Ruhe ausstrahlte.

Ein Ensemble als moralisches Mosaik

Während Weigend das schlagende Herz war, webte das Ensemble die Seele um ihn herum. Es war ein Spiegelpalast, in dem Jedermann seine Masken verlor, Schicht für Schicht. Jede Figur stand nicht nur für sich selbst, sondern für einen Aspekt der menschlichen Kondition: Sünde, Eitelkeit, Treue, Glaube, Verführung, Verlust, Gewissen. Die Kraft dieser Besetzung lag in ihrer Harmonie: jeder brachte etwas Einzigartiges, aber zusammen klangen sie wie ein ethischer Chor.

  • Susanne Bormann – Die Buhlschaft (Geliebte) "Ich bin kein Weib fürs Sterben, nur fürs Leben."

Bormann spielte keine geliebte Frau, sondern ein Ikon der Begierde: strahlend, anmutig, aber innerlich leer. Ihre Präsenz war greifbar, ihr Blick eiskalt. Sie atmete Körperlichkeit, aber ohne Intimität — eine Vision von Besitz, die keine Nähe duldete. In ihrer Konfrontation mit dem sterbenden Jedermann zeigte sie kein Mitleid, nur den Pragmatismus der weltlichen Liebe. Ihre Haltung, leicht abgewandt, ihre Worte — flach, aber scharf ausgesprochen — machten deutlich: Sie wählte entschieden das Leben, nicht die Treue.

  • Ralph Morgenstern – Mammon "Du hast mich nicht geliebt – nur gebraucht."

Morgenstern verkörperte das Geld selbst — glänzend, schimmernd, aber mit einem Hauch eisiger Verachtung. In Gold und exzentrischer Kleidung spielte er die Versuchung mit flamboyanter Eleganz, doch unter dem Glitter verbarg sich moralische Leere. Er war unterhaltsam, bis er seine Maske fallen ließ und die Wahrheit — auch für die Zuschauer — wie eine kalte Münze fallen ließ.

  • Tine Wittler – Base "Wenn der Mensch kommt, dann gilt das Wort." „Wenn der Mensch kommt, dann gilt das Wort."

Wittler brachte Leichtigkeit und Ironie, aber keine Leichtfertigkeit. Ihre Base war nüchtern, weltgewandt, jemand, der den Tod nicht leugnete, aber auch nicht dramatischer machte als nötig. Mit einem scharfsinnigen Blick und einem Hauch von Humor balancierte sie zwischen Verachtung und Ernst.

  • Michaela Schaffrath – Gute Werke "Was ich getan, das bleibt." „Was ich getan habe, das bleibt."

Schaffrath brachte die Guten Werke als etwas, das langsam wuchs, vom Zarten zum Kraftvollen. Ihre Stimme war sanft, aber fest; ihre Gesten klein, aber geladen. Als Jedermann sie endlich zulässt, verändert sich die Energie: Hier klang die Rückkehr der Hoffnung. Ihre körperliche Nähe wurde zum Trost, nicht zur Pflicht.

  • Alma Rehberg – Der Glaube "Ich bin bei dir gewesen, doch hast du mich nicht erkannt." „Ich war bei dir, aber du hast mich nicht erkannt."

Rehberg strahlte eine stille, unerschütterliche Präsenz aus. Ihr Glaube war keine dogmatische Stimme, sondern ein Flüstern, das nur in der Stille hörbar wurde. Ihr Spiel war subtil: sanfte Handgesten, ein beruhigender Blick und eine Stimme, die wie das Gewissen klang, das man nicht ignorieren konnte, egal wie sehr man sich bemühte.

  • Bernhard Bettermann – Der Teufel "Was recht ist, muß Recht bleiben: er gehört mir!" „Was recht ist, muss Recht bleiben: er gehört mir!"

Bettermann spielte den Teufel ohne theatrale Grimasse. Kein feuriger Dämon, sondern ein berechnender Spieler. Sein Böses war geschäftstüchtig, seine Wut beruhte auf Recht, nicht auf Rache. Auch er zog sich schließlich zurück.

  • Reiner Schöne – Die Stimme Gottes "Jedermann, du musst Rechenschaft geben!" „Jedermann, du musst Rechenschaft geben!"

Schöne war keine physische Erscheinung, aber seine Stimme erfüllte den Weimarhallenpark mit donnernder Majestät. Nicht tröstlich, sondern absolut. Eine Stimme, die keinen Platz für Zweifel oder Verhandlung ließ.

Zusammen bildete dieses Ensemble ein lebendiges moralisches Gewebe. Jede Figur war eine Facette der menschlichen Existenz: Geiz, Verführung, Eitelkeit, Güte, Glaube, Schuld, Angst, Hoffnung. Sie standen nie isoliert von Jedermann, sondern spiegelten, bereicherten und hinterfragten ihn — und damit uns. In ihrem Zusammenspiel entstand kein Chaos, sondern Klarheit: ein Spiegelpalast, in dem der Mensch sich selbst sah, nackt und wahrhaftig.

Regie als meditative Skulptur

Nicolai Tegeler wählte einen nüchternen, kontemplativen Ansatz, in dem Text und Natur die Hauptrolle spielten. Kein Bombast, sondern eine verfeinerte Inszenierung, in der Licht, Ton und Stille chirurgisch eingesetzt wurden. Die Natur atmete mit: das Rauschen von Blättern, der Wind, der durch die Bäume zog, der fallende Abend — alles schuf einen poetischen Raum, der zur Besinnung einlud. Stillstand, Atmen, Warten, Blicke: Momente, in denen das Unausgesprochene zum Leben erwachte. Tegeler zeigte Theater als innere Reise, ein lauschend modelliertes Kunstwerk, das das Publikum zur Reflexion herausforderte.

Musik als Gewissensflüstern

Die musikalischen Zwischenspiele von Maya Forster, gekleidet als Engel mit Flügeln, verliehen Tiefe. Ihre Stimme war keine Verzierung, sondern ein inneres Echo von Jedermanns Kampf — ein Flüstern von Hoffnung, Verbindung und Vergebung, das Raum schuf jenseits der Sprache.

Hoffentlich kehrt Jedermann nach Weimar zurück

Tegeler hat den Schlüssel zum lebendigen Herzen von Jedermann gefunden. Hoffentlich gelingt es ihm, dieses Werk im nächsten Jahr erneut nach Weimar zu bringen, eine Stadt, die von Kultur und Geschichte durchdrungen ist. Hier gewinnt das Stück seine wahre Bedeutung als Spiegel der Seele, als Einladung zur Selbstreflexion. Du wirst vom ersten Moment an in die Geschichte hineingezogen, und bevor du es merkst, sind zwei Stunden vorbei, in denen du zusammen mit Jedermann den Weg der Sterblichkeit gegangen bist.

Mehr als Theater: eine Beschwörung

Diese Weimar-Ausgabe von Jedermann war keine aufwendige Aufführung, sondern ein stilles Plädoyer zur Reflexion, ein Flüstern der Vergangenheit, das seine Bedeutung in der Stille des Augenblicks fand. Es verlangte nach keinen dramatischen Antworten, sondern lud das Publikum ein, sich selbst die Frage zu stellen: Was bleibt, wenn alles wegfällt?

Tegeler bewies, dass klassisches Repertoire keine gefrorene Reliquie sein muss, sondern ein lebender Organismus, ein Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Jedermann war kein Schrei, sondern ein sanfter Atemzug, der den Zuschauer einlud, die Tiefe der menschlichen Erfahrung neu zu entdecken. In der Stille des Abends, wo alles verschwamm, wurde die Frage selbst zur intimsten Antwort. Jedermann erinnerte uns an das Wesen unserer Existenz — eine Einladung, in der Leere des Moments trotzdem etwas Bleibendes zu finden…

Details

Wer
Regie: Nicolai Tegeler / Julian Weigend – Jedermann / Thomas Thieme – Der Tod / Susanne Bormann – Die Buhlschaft / Ralph Morgenstern – Mammon / Tine Wittler – Base / Michaela Schaffrath – Gute Werke / Alma Rehberg – Der Glaube / Bernhard Bettermann – Der Teufel / Reiner Schöne – Die Stimme Gottes
Wo
Weimarhallenpark, Weimar (Duitsland)
Gesehen am
17 August 2025
Bildnachweis
© Matthias Klopp
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