Wer Mahler 9 schreibt, schreibt einen Höhepunkt im symphonischen Repertoire, und vielleicht auch einen Höhepunkt in der Programmation des Concertgebouw Brugge und sicherlich einen Höhepunkt dieses dreitägigen "Budapest Festival Orchestra festival" in diesem Concertgebouw. Iván Fischer ist mit seinem Orchester hier zu Hause. Aber eine neunte Symphonie von Gustav Mahler führt man nicht jedes Jahr auf. Eine zehnte ist ohnehin nie wirklich zustande gekommen. Er schrieb selbst nur ein Eröffnungsadagio. Die anderen Teile blieben Skizzen. Und selbst die neunte kam erst nach seinem Tod zur Uraufführung. Aber sie enthält mehr als genug Überraschungen, um sie ein Denkmal zu nennen. Nehmen Sie nur den ersten Satz. Kein schweres Geschütz bei der Eröffnung wie üblich bei symphonischen Werken. Hier wird das Motiv filigran und klar von ein paar sanft solierenden Instrumenten, Hörnern und dann dieser Harfe vorgetragen..... Und wenn der Moment kommt, in dem eine Vielzahl von Streichern einsetzt, gibt mir das immer, verzeihen Sie mir das Wort, eine Gänsehautmoment.
Der zweite Satz beginnt fast lustig: vibrierend, hüpfend, waltzernd, kurz gesagt ein Bauernreigen oder, höflicher ausgedrückt, ein Österreichischer Ländler. Wirbelnd kommt jede Musikgruppe zu Wort, um das Thema zu bedienen. Im dritten Satz geht das ganze Orchester auf dieser Welle weiter, alle zusammen fast wie losgelassen, aber dennoch in Reihe und Glied gehalten durch einen immer sicheren Dirigenten. Das Finale ist ein schwer von Streichern eingeleitetes Adagio. Ergänzt mit tiefen Fagotttönen, dunklen Hörnern und dann wieder alle Instrumente fugisch, anschwellend und dann wieder abtönend, an und ab, bis zur Stille hin, innig ausverklingend in den letzten Strichen der Streicher. Ein wahrlich tragisches Ende, ein Abschied.
Ein musikalisches Universum. „Panoramisch, widersprüchlich, herausfordernd und verwirrend wie die Wirklichkeit" schreibt Marc Delaere mit Recht in seinem Einleitungstext. Das handelt vom Komponisten. Aber was ist über die Ausführenden und den Dirigenten zu sagen? Ich lese auf der Rückseite des Sitzes vor mir diese Zeile aus diesem fortlaufenden „Sesselgedicht" von Peter Verhelst: „...wofür wir keine Worte haben...". Etwas Passendes hätte dort nicht stehen können.
WER: Budapest Festival Orchestra u.L.v. Iván Fischer
WAS: Gustav Mahler, Sinfonie Nr.9 in D (1909-1910)
WO: Concertgebouw Brugge
WANN: 20. Mai 2023