Innerhalb der Ausstellung war der dem LC gewidmete Raum von einer geheimnisvollen Atmosphäre durchdrungen, wobei das Buch unter einem Scheinwerfer im Kontrast zur völligen Dunkelheit stand, ähnlich wie die Musiker auf dem Bildschirm als Lichter in der Finsternis, während das beeindruckende Lied in eine Dimension jenseits der gewöhnlichen Welt aufstieg. Das Konzept der Ausstellung wurde somit in einer fesselnden Sound- und Bildinstallation verkörpert. Das Musikstück Nr. 49, 'J'ai des semblans', aufgeführt vom Solazzo-ensemble, war in der nachgebauten Akustik des Zimmers von Margaretha von Österreich zu hören, die das Buch in ihrer persönlichen Sammlung aufbewahrte und in deren Gemächern diese Musik gespielt worden sein muss. Margarethas handschriftliche Notizen wurden im LC erkannt.
Bart Demuyt strukturierte seine Präsentation um Geschichte, Inhalt, Poesie- und Musikautorschaft sowie Aufführungspraxis, illustriert mit Beweismaterial auf multimedialen Trägern, und schuf Raum für drei Aufführungen durch das Solazzo-ensemble in einem Live-Recital. Er betonte, dass die Alamire Foundation das einzigartige Buch in Langzeitdauerleihgabe von der König-Boudewijn-Stiftung hat, die es 2016 von einem Kunsthistoriker und Sammler erworben hatte.
Das Leuven Chansonnier wird im interaktiven Laboratorium Library of Voices als Spitzenstück der Sammlung erforscht. Dank der Bemühungen von Musikwissenschaftlern, Historikern und Kunstkonservatoren, die mit der KU Leuven und der Königlichen Bibliothek von Belgien (KBR) zusammenarbeiten, werden durch Promotionen, Digitalisierung und Katalogisierung der Sammlung von illuminierten Manuskripten die Kenntnisse über das LC bereichert und kontinuierlich in den Fokus gerückt.
Geschichte
Das hochgepriesene Buch entstand wahrscheinlich im Loiretal, der früheren Umgebung des französischen Königshofs, das reich an Dokumenten ist, die von der Anwesenheit von Schreibern, Musikern und Knaben, die Polyphonie sangen, zeugen.Experten wunderten sich über die visuellen Verbindungen zwischen dem LC und den Einlegearbeiten in der Privatwerkstatt von Guido da Montefeltro, Herr von Urbino, und wiesen auf den gemeinsamen ästhetischen Stil und die Themen hin, die für das Loiretal und die italienischen Höfe charakteristisch sind. Die Entdeckung ist wichtig für die Einordnung: Leuven wird auf der Karte der Bewahrungsorte von Chansonniers des 15. Jahrhunderts platziert, neben Dijon, Nivelles, Laborde, Wolfenbüttel und Kopenhagen.

Inhalt
Das Manuskript enthält 50 polyphon komponierte Stücke mit Partituren und Texten in französischer Sprache, mit Ausnahme des eröffnenden Gebets in Latein, Regina Cellorum von Walter Frye. Bart Demuyt verwies auf eine gemeinsame Tradition, die wiederkehrende Melodien zeigt, die in Variationen umgearbeitet und wiederholt werden, wodurch der Ursprung in der Zeit verloren gegangen ist. Die Themen der Lieder wurden als Widerspiegelung der Veränderungen im Denken jener Zeit diskutiert, mit der frühmodernen Entdeckung der Subjektivität, wenn neben sakraler Musik auch das Thema Liebe erscheint und der Mensch im Mittelpunkt steht. Liebe herrscht vor, besonders in Nuancen von Sehnsucht, Trennung und unerfüllten, unglücklichen Gefühlen. Das LC selbst wird als ein Liebesgeschenk betrachtet, mit Herzzeichnungen in den Texten und Partituren, beherrscht von Verinnerlichung und Intimität. Das Thema Schicksal wird betont, ebenso wie der Widerstand dagegen, verbunden mit der Hoffnung auf Sieg, in der weiblichen Erzählstimme. Eine Poetik und eine visuelle Kultur liegen dem LC zugrunde, die von starker Vorstellungskraft zeugen und ideelle Nuancen in den Vordergrund bringen. Nur am Ende des Manuskripts, dem 50. Musikstück, das mit einer illuminierten Initial im nüchternen Stil beginnt, ist in einem strahlendereren, optimistischeren Ton geschrieben.Poesie und 'Musikautorschaftsstil'
In der Mikrokosmos der Komponisten ist Johannes Ockeghem das Besonderste. Er erbt diese Eigenschaft, genau wie Antoine Busnois, von ihrem beider Lehrer Gilles Binchois. Sie alle haben separate Merkmale und unterscheidende Stimmen. Sie verwenden lingua franca, als Technik den Kontrapunkt, aber jeder Komponist hat seine eigene musikalische Sprache. Geteilte Poesie verwebt sich mit Individualität. Johannes Ockeghem (1401-1490) wurde in St.-Guillain bei Bergen geboren. Er lebte in Tours als Berater des Königs und war auch als Schatzmeister der Sint-Maartensabdij-van-Tours tätig. Von seinen 2000 Liedern stehen 6 im LC. Die Zuschreibung der Stücke war herausfordernd, basierend auf Konkordanz und musikologischer Forschung. Seit 2015, als die einzigartigen Chansons entdeckt wurden, wurden einige inzwischen Besnois und Agricola zugeordnet, andere bleiben noch immer anonym. Komponisten können an musikalischen Mustern erkannt werden, manchmal verborgenen Symmetrien, in beide Richtungen singend, im perfekten Kontrapunkt. Experten bemerkten eine geheime Symbolik, zum Beispiel dass das Umblättern des Buches bedeutungsvoll ist: es bewegt sich wie ein Glücksrad, das Liedthema. Dies verweist auf ein theologisches Konzept und auf gegenseitige Beziehungen. Die poetische Struktur, sehr konventionell, hat vermutlich ihren Ursprung im Tanz, wegen verfeinerten, komplizierten Strukturen mit Wiederholungen, Ausstrahlung, Eleganz und Anmut. Das Refrain wird eigenständig, es wird danach gesucht und der Ausführende wird dazu angeregt. Rondeau ist die vorherrschende Form, in 43 Stücken vorkommend.
Die Gedichtform wurde früher von Guillaume de Machaut innerhalb der ars nova festgelegt, charakteristisch für einen Übergang vom späten Mittelalter zur Renaissance. Die festen Formen: rondeau virelai und ballade entwickeln sich. Der Schwerpunkt liegt auf Reim, Rhythmus, Thema, Klang, kurz gesagt auf dem Spiel mit äußeren Formen und nicht auf der typisch tiefgründigen Botschaft, die später von der französischen Poesie erwartet wurde. Machaut, Besnois und andere Dichter werden in einem Dokument erwähnt, das Margaretha von Österreich gehörte. Das Schreiben von Poesie war in der Hofhaltung üblich.
Bis jetzt wird angenommen, dass in der Zeit 1450-1480 etwa 2000 Lieder in verschiedenen Sprachen komponiert wurden, hauptsächlich auf Französisch. Leider sind viele verloren gegangen.
Die Verbindung zwischen Poesie und Musik ist sehr eng: eine Textzeile pro musikalische Phrase. Es herrscht eine allgemein melancholische Atmosphäre, die die Tonart inspiriert und zur Rückkehr zum Refrain anregt. Ohne Tempoangaben ist der Ausführende frei in seiner Wahl. Später, im 16. Jahrhundert, sehen wir eine zunehmende Vielfalt, da sich ein differenzierteres Weltbild der Aufmerksamkeit zuwendet.
Was die Rekonstruktion betrifft, weisen Spezialisten auf die Korrektur von Fehlern und die Bemühungen hin, fehlende Teile zu ergänzen, mit Aufmerksamkeit für die Form, Phrasierung und Kadenz, wobei sie Kreativität und Vorstellung nutzen mussten.
Aufführung
Die Instrumentalpartien sind deutlich erkennbar: Violen und Harfen, Viellen mit gebogenen Bögen unterstützen den polyphonen Klang. Die Stimmen sind cantus und tenor, mit ästhetischem Widerspruch. Einige Stücke nur von drei Stimmen gesungen, andere von einer Stimme begleitet von Instrumenten. Acapella und andere Kombinationen sind möglich, da diese Musik einen stark experimentellen Charakter hat. Ensembles wie Solazzo bringen mit Sinn für das zeitgenössische Publikum die lebendigen Lieder und ihre Begleitung, mit stilistischer Genauigkeit, gespielt auf historischen Instrumenten – authentisch oder nachgebaut – in eine so authentische wie mögliche Aufführungspraxis, wobei die ursprüngliche Einstellung und Interpretationsweise rekonstruiert werden. Das LC steht nun unter dem Forschungsprojekt New Perspectives on Medieval and Renaissance Courtly Song, finanziert von der FWO. Der faszinierende Inhalt wurde neu belebt und aufgenommen oder aufgeführt in Livekonzerten oder Festivals wie Laus Polyphoniae, Das Publikum zeigte sich sehr zufrieden, interessiert an mehr Informationen und begrüßte die Veröffentlichung des Davidsfonds-Verlags: das Studienbuch von David Burn und die hochwertige Reproduktions-Faksimile des LC.
Referenzen:
https://www.alamirefoundation.org/en/research/new-perspectives-on-medieval-and-renaissance-courtly-song/
https://stories.kuleuven.be/en/stories/rare-songbook-continues-to-inspire
https://www.kbr.be/en/museum-music-excerpts/