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Rezensionen

Hat Jonas Kaufmann Wiener Blut?

L
· 3 Min. Lesezeit
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Hat Jonas Kaufmann Wiener Blut?

Nominierte für das Goldene Label – Vielleicht, aber sicher dramatisches Talent. Jonas Kaufmann, Weltstar und einer der meistgeliebten Operninterpreten des Augenblicks, ist es seiner Popularität vielleicht schuldig, eine CD voller Wiener Operettenmelodien zu singen. Paradoxerweise ist dies wirklich keine Aufnahme, um einfach eine Gesellschaft mit Wiener Melodien zu erfreuen. Das geht natürlich auch, würde aber den intrinsischen Wert der Aufnahme herabsenken.

Die CD war bereits unzählige Male auf Klara zu hören, in allerlei Programmen und zu praktisch allen Tageszeiten. Bei erstem Hören war ich gar nicht begeistert davon. Kaufmanns Stimme klingt manchmal gepresst und ohne Glanz, hat nicht die typische „Schmelz", die man für diese Art von Musik erwartet. Eine Welt entfernt von Fritz Wunderlich, um diesen nur zu nennen. Ein erstes Urteil ist dann, dass Kaufmann seiner Popularität nachgibt und vor allem kommerziell punkten will. Die Luxusausgabe mit angesagten Fotos und sogar einer Karte der geliebten Orte des Sängers in Wien passen in diesen Rahmen.

Dramatisches Talent

Aber schnell muss dieses oberflächliche Urteil bei aufmerksamem Hören von dem, was Kaufmann hier präsentiert, korrigiert werden! Ja, hier und dort ist die Stimme dumpf und klingt der Baritonklang störrisch. Aber was Kaufmann mit der Interpretation der Texte tut, zeugt von seinem dramatischen Talent. Seine Interpretation verrät den Ansatz des Operngesängers, der jede Rolle, die er spielt, persönlich ausfüllt und mit sinnvoller Bedeutung versieht. Und er genießt „viel Vergnügen" dabei! Er singt manchmal erzählend, dann wieder schmachtend, flüsternd oder lieblich. Aber auch manchmal kühn und vor allem immer mit Sinn für Ironie! So hören wir einen Hauch von Nostalgie im Refrain von Wien, Wien nur du allein, bekommen wir eine herrliche Erzählung mit lang gehaltener Tonfolge in Wien in Robert Stolz' Melodie Im Prater blühn wieder die Bäume.

Herrlich ist die Verzögerung bei der Phrase hast du's gehört in Johann Strauss Jr. Draussen im Sievering. In Zwei Märchenaugen von Emmerich Kálmán liegt ein Ton von Düsterkeit und Traurigkeit – auch im Orchester. Die Atmosphäre von Märchen ist manchmal von Bitterkeit durchdrungen, parallel zum Zeitgeist des Wiener um die Jahrhundertwende (1900). Die leicht-spöttische Ironie lässt dich Lust bekommen, einen Besuch im kleinen Cafe in Hernals (Hermann Leopold) zu machen, wo der englische Walzer gespielt wird und Kaufmann sogar ein Lied pfeift! Die Lebensfreude bekommt alle Chancen in Benatzky's Grinzing, während die CD mit Wiener Mehrdeutigkeit des fin-de-siècle in Der Tod das muss ein Wiener sein endet. Der Wiener Tonfall ist witzig und aufrichtig. Die CD Wien ist ein eindeutiges Statement des intelligenten Interpreten Jonas Kaufmann. Und der Sänger wird dabei reichlich unterstützt von einem blutschön Wiener Orchester ohne Protzerei, aber mit kammermusikalischer Raffinesse.

Eine CD, die mehr als einmal mit voller Aufmerksamkeit anzuhören ist

Möchten Sie Jonas Kaufmann live auf der Bühne erleben? Das ist im BOZAR am Sonntag, dem 26. Januar 2020 mit PKF - Prague Philharmonia möglich. Später in dieser Saison kommt er übrigens noch einmal nach Brüssel, dann mit Opernarien aus dem französischen Repertoire, die zusammen mit dem Nationalen Orchester Belgiens aufgeführt werden (2. Juni 2020).


  • WAS: Wien
  • WER: Jonas Kaufmann (Tenor) und Wiener Philharmoniker u.L.v. Adám Fischer
  • AUSGABE: Sony Classical 19075950412
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