Am Freitagmittag, 8. August, fand in der Moritzkirche in Halberstadt das Abschlusskonzert der Junior-Orgelakademie 2025 statt. Es war ein eindrucksvolles Highlight einer Woche voller musikalischen Engagements, historischen Bewusstseins und jugendlichen Eifers.
Die Aufführung fand im breiteren Rahmen der 71. Internationalen Orgeltagung der Gesellschaft der Orgelfreunde (GdO) statt, die diesen Sommer von Magdeburg nach Halberstadt kam. Eine treffende Wahl: Halberstadt ist schließlich keine Stadt wie jede andere, sondern ein echtes Orgelzentrum, tief verwurzelt in der europäischen Kulturgeschichte mit u.a. seinem erstaunlichen mittelalterlichen Domschatz.
Lernpfad mit Vision
Die Junior-Orgelakademie, organisiert von der Mitteldeutsche Orgelgesellschaft in Altenburg, bietet Jugendlichen zwischen zwölf und einundzwanzig Jahren die Gelegenheit, eine Woche lang mit Top-Dozenten an historischen Orgeln in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu arbeiten. Der Schwerpunkt liegt nicht nur auf Technik oder Stil, sondern auf dem Erleben der Orgelkultur in ihrem vollständigen Kontext: von der Registrierungskunde bis zur lokalen Orgelgeschichte, von praktischen Lektionen bis zu liturgischem Verständnis. Diese Ausgabe war ein lebendiges Beispiel für das Potenzial junger Organisten. Das Konzert in Halberstadt war dabei das Tüpfelchen auf dem i.
An dieser Ausgabe nahmen dreizehn Jugendliche aus ganz Deutschland teil. Was sie verband, war nicht nur ihre Liebe und Faszination für das Orgel – die Königin der Instrumente – sondern vor allem ihre Lernbegierde. Was auffiel, war dass diese auf den ersten Blick unterschiedliche Gruppe von 12- bis 21-Jährigen sich wie eine enge Familie zusammenriss. Während der Woche waren nämlich Bindungen geschmiedet worden, die über die Musik hinausgingen.
Eine Kirche mit Charakter
Die Moritzkirche bot ein stimmungsvolles und bedeutungsvolles Ambiente für dieses Konzert. Als eine der ältesten Kirchen der Stadt – mit Wurzeln bis ins 11. Jahrhundert – strahlt sie Ruhe und Geschichte aus. Der Innenraum – gekennzeichnet durch eine nüchterne Gotik, hölzerne Balkendecken und mittelalterliche Ornamentik – lud zum konzentrierten Hören ein. Der Star des Abends war zweifellos die wunderschön restaurierte Christoff-Jesse-Orgel von 1787: ein spätbarockes Instrument mit Charakter und Klarheit, das jungen Händen und Ohren Raum zum Wachsen gab. Die reichhaltige Klangpalette des Instruments kam vollständig zur Geltung. Nicht nur Barockwerke von Bach, Buxtehude, Krebs und Lübeck klangen wunderbar, auch (spät-)romantische Werke von Boëllmann, Franck und Mendelssohn erhielten eine eigene Färbung und sprachen die Fantasie an.
Die Stadt als Klanggedanke
Halberstadt ist nicht zufällig der Schauplatz all dessen. Die Stadt beherbergt einen der ältesten schriftlichen Beweise für eine chromatische Orgel (aus 1361) und trägt stolz den Titel der Orgelstadt. Hoffentlich können wir die majestätische Orgel im Dom eines Tages noch hören. Heute ist die Stadt auch die Heimat des berühmten Organ²/ASLSP-Projekts von John Cage: eine Aufführung, die 2001 begann und geplant ist, 639 Jahre zu dauern – „as slow as possible". In einer Welt, die oft Schnelligkeit verlangt, bietet Halberstadt mit diesem Projekt eine meditative, philosophische Gegenstimme – einen perfekten Kontext für ein junges Orgelprojekt, das auf Besinnung, Vertiefung und Zeitlosigkeit setzt.
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Junges Talent auf historischem Fundament
Das Konzert selbst war ein vielschichtiges und ergreifendes Ereignis. Schön war, dass jedem Teilnehmer die Gelegenheit gegeben wurde, sich mit einem selbst gewählten Stück, das er oder sie während der vergangenen Tage unter Anleitung einstudiert hatte, dem Publikum vorzustellen. Jedes Stück war mehr als eine Interpretation; es war eine Begegnung zwischen junger Persönlichkeit und jahrhundertealtem Instrument. Dabei war es beeindruckend, wie auch die jüngsten Teilnehmer – einige kaum 12 Jahre – sich ausgezeichnet behaupteten. Die Zukunft scheint gesichert, etwas, das das zahlreich erschienene Publikum der Orgeltagung mit sichtbarem Enthusiasmus zu würdigen wusste.
Die begleitenden Dozenten – darunter etablierte Namen wie Lisa Hummel und Léon Berben – spielten eine entscheidende Rolle. Nicht nur begleiteten sie diese jungen Menschen mit Fachwissen und Sorgfalt, sie forderten sie auch heraus, über ihren Schatten zu springen. Während des Konzerts halfen sie aktiv beim Registrieren mit und ermutigten die Teilnehmer, Bühnenerfahrung zu sammeln, auch für diejenigen, für die dies das allererste Mal war.
Was das Konzert besonders machte, war genau dieses Wechselspiel zwischen Verletzlichkeit und Kraft. Die Unsicherheit der ersten Noten, die Offenheit, mit der Fehler integriert wurden, und die glänzenden Momente der reinen Klangbeherrschung: es sind genau diese Kontraste, die das Publikum berührten. In dieser jahrhundertealten Kirche wurde nicht nur Musik gebracht, sondern Bedeutung geteilt. Nicht die ausgefeilte, virtuose Leistung zählte hier, sondern das Wachsende, die aufrichtige Suche nach Ton, Timing und Bedeutung.
Der lebendigste Moment war zweifellos ein improvisiertes Konzerto in d-Moll – ein erfrischender Blick auf die Barockliteratur, der viele Hörer überraschte. Der Abschluss war eine überlegte Wahl: eine großartige Aufführung von Nun danket alle Gott von Karg-Elert, die die Zuhörer nicht nur musikalisch, sondern auch emotional auf einen Höhepunkt brachte. Ein Moment der Dankbarkeit, nicht nur für die Musik, sondern auch für das Engagement dieser jungen Generation.

Ein Versprechen im Klang
Mit diesem Konzert wurde die Brücke geschlagen zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Lernweg und Podium, zwischen Halberstadt's ruhmreicher Orgelvergangenheit und dem Talent von morgen. Die Moritzkirche fungierte dabei als mehr als Konzertsaal: sie wurde Klangtraum für Entfaltung. Dass die Jugendlichen, in einer Gesellschaft, in der klassische Musik und Orgelspiel oft als altmodisch, sogar exzentrisch erlebt werden, dennoch mit Leidenschaft weitermachen, verdient Bewunderung. Projekte wie diese Junior-Orgelakademie geben ihnen diesen notwendigen Anschub. Es ist keine Sinekure, mit alten Instrumenten zu arbeiten – man verlässt seine Komfortzone, und genau das macht diese Initiative so wertvoll.
Johann Friedrich Röpke und Daniel Beilschmidt gründeten dieses Projekt vor drei Jahren. Ihr Engagement und sichtbares Vergnügen waren herzerwärmend. Wir können nur hoffen, dass diese Initiative zum Arbeiten mit historischen Orgeln bestehen bleibt und Nachfolge findet, auch außerhalb Deutschlands. Denn was hier erklang, war kein jugendliches Spielwerk, sondern ein Versprechen in Klang…