Abend 1 – 27. Mai 2024
Klassiek Centraal bringt Ihnen an jedem Finalabend einen Bericht über beide Kandidaten, die ihren Finalplatz verteidigen. Um uns nicht beeinflussen zu lassen, uns nicht mitreißen zu lassen oder in irgendeiner Weise durch Kommentare Dritter beeinflusst zu werden, folgen wir keinen Kommentargesprächen vorher oder nachher, lesen wir keine Kommentare. So hoffen wir, eine objektive Meinung wiederzugeben. Möge der Beste gewinnen.
Jeder Finalist wird das Pflichtwerk aufführen, Variations Litaniques, das speziell für das Finale dieser Violinsession von Thierry Escaich geschrieben wurde (Weltpremiere am Montag, 27. Mai 2024), und ein Konzert nach Wahl mit dem Belgian National Orchestra unter der Leitung von Antony Hermus. Die Verkündigung der Rangfolge der Preisträger findet nach dem letzten Auftritt am Samstag, 1. Juni um Mitternacht statt.
Durch die Anwesenheit des Fürstenpaares beginnt der Abend mit der Belgischen Nationalhymne. Ehrlich gesagt? Ich finde sie nicht schön, es ist so ein typisches 19. Jahrhundert, etwas Wolliges, bombastisches Musikstück, aber es wird selten so schön gespielt. Der Dirigent hat sich die Mühe gemacht.
Hana Chang (Vereinigte Staaten von Amerika, °2002)
Programm
- Thierry Escaich: Variations Litaniques
- Pyotr Tchaikovsky: Konzert in D op. 35
Das Pflichtwerk, in Weltpremiere von Hana Chang aufgeführt, beginnt etwas suchend mit tickenden Schlagzeuginstrumenten und einer träumerischen Violine, die durchaus schöne Klänge hervorbringt. Es ist sehr dünn und Chang macht doch etwas Gesangliches daraus. Es fehlt zwar an (physischer) Kraft, aber ist dies bei einer Litanei und ihren Variationen wirklich notwendig? Das Werk hat etwas, das tiefer sitzt und könnte so sogar zu einem Repertoirestück werden. Das ist nicht viel für Wettbewerbsaufträge. Thierry Escaich, der Komponist, hat mehr als ein technisch ausgefeiltes Wettbewerbsstück geschrieben.
So warm, weich, voller Zärtlichkeit eröffnet Chang das zu Recht berühmte Konzert von Tchaikovsky. Wer so musiziert, auch noch als erste in der Reihe der „Zwölf", verdient bereits den Finalplatz, für den sie ausgewählt wurde. Sie interpretiert jedoch etwas brav, am Rande von zu feinmaschig. Das ist der rote Faden durch ihr Spiel. Es darf durchaus mehr Tatkraft gezeigt werden. Wo das Spiel mehr Geschwindigkeit und Einsatz erfordert, flirtet sie mit der Richtigkeit des Tons. Dies weckt doch Zweifel an ihrer Karriere als zukünftige Solistin für die großen Bühnen. Ihre Mimik am Ende sprach Bände, sie war von ihrer Leistung nicht wirklich erfreut.
Dayoon You (Korea, °2001)
Programm
- Thierry Escaich: Variations Litaniques
- Edward Elgar: Konzert in b op. 61
Dayoon You spielt im Gegensatz zur vorherigen Kandidatin mit mehr Kraft und Festigkeit. Er zielt auf eine Interpretation ab, die den Schwerpunkt auf Technik und Virtuosität legt. Hier fehlt der betende Charakter. Techniker und Virtuose darfst du sein, aber vergiss nicht die Musikalität. Es ist sogar ratsam, aufmerksam genug zuzuhören zu bleiben. Dayoon You besticht in dieser nicht wirklich, hat er den Sinn des Werkes verstanden?
Eine gute Idee kann man es nennen, das selten aufgeführte Konzert von Elgar zu spielen und das noch als Wettbewerbsstück. Wieder stellt sich die Frage: Hat dieser junge Violist das Werk wirklich in die Tiefe verstanden? Er spielt schnell, sauber, technisch sehr stark, keine krächzenden Bogeneinsätze, bis es virtuoser wird, denn dann kratzt er fast an den Saiten. Weiterhin hören wir kein störendes Vibrato, aber es gibt zu wenig Gesang. Hin und wieder gibt er warme, tragende Töne, aber wirklich mitreißend ist er nicht. Dieses spätromantische Werk lädt sich durchaus zu saftiger Spielweise und Gesang ein.