Veronique De Raedemaeker ist eine junge Geigerin, dieses Jahr eine der Zwanzigjährigen bei Radio Klara. Ein Name, der in den letzten Jahren immer häufiger als vielversprechendes junges Talent auftaucht. Sie hat bereits viele Preise gewonnen und machte letztes Jahr das Konzertexamen an der Musikhochschule Köln bei Mikhail Ovrutsky mit summa cum laude. Übrigens nicht nur für Violine, sondern auch für die Interpretation von Neue Musik.
Zusammen mit Harfenistin Mathilde Wauters, die sich auch in den letzten Jahren einen Namen gemacht hat, spielte sie in der Onze-Lieve-Vrouwekerk von Mariakerke ein Rezital unter den Auspizien von Davidsfonds und SWUK. Auf dem Programm: französische Komponisten aus der Belle Époque: Debussy, Ravel, Jean Cras, Fauré, zusammen mit Chopin, Saint-Saëns und einigen unbekannteren Namen.
SWUK steht für Sozialwerke der ausübenden Künstler in Flandern. Sie haben seit 2010 viele junge Talente gefördert. Das kann man fast wörtlich nehmen. Einige von ihnen, wie die Klarinettistin Annelien Van Wauwe und die Harfenistin Anneleen Lenaerts, machen international Karriere.
Außenseiter
17. März, Saint Patricks Day, Nationalfeiertag Irlands. Es könnte auch der Tag der Harfe sein. Violine und Harfe kommen natürlich weniger häufig vor als Violine und Klavier, aber haben ihren eigenen intimen Charme. Die Harfe ist in der klassischen Musik ein bisschen ein Außenseiter. Man sieht sie manchmal im Orchester. Harfenkonzerte werden nicht oft aufgeführt. Das Zupfen und Klingen auf der Harfe hat etwas Märchenhaftes. Dass ein Harfenspiel als Instrument weniger ernst genommen wird als eine Violine oder ein Klavier, ist zu stark ausgedrückt, aber es ist etwas davon da. Den Elisabeth-Wettbewerb für Harfe, wenige würden sich das vorstellen können. Mathilde Wauters hat dieses Image heute durchbrochen.
Noch bevor sie die Violine unter ihr Kinn nimmt, fällt das liebliche Lächeln von Veronique De Raedemaeker auf. Eine strahlende Erscheinung, die das Publikum in ihren Bann zieht, noch bevor sie zu spielen beginnt. Ein selbstbewusstes Lächeln, das verschwindet und Platz für tiefste Ernsthaftigkeit bei den ersten Noten macht. Das Timbre ihrer Violine, gebaut vom deutschen Geigenbauer Stefan-Peter Greiner im Jahr 2005, fällt sofort auf. Ein körniger Ton, ein besonderer Sound mit Relief. Ein kraftvoller Violinenton, mit dem sie wunderbare Phrasen macht, manchmal lyrisch, manchmal fröhlich, manchmal erregt.
Pfeil
Sie spielen nach dem Programmheft eine Suite und ein Duo von Jean Cras. Nach dem Stück ergreift Mathilde Wauters das Wort: wir haben Sie aufs Glatteis geführt, denn das war die Fantaisie für Violine und Harfe von Camille Saint-Saëns, die als letztes Stück im Heft stand. Es klang dennoch un-saint-saënsisch, impressionistisch träumerisch, wie wir es von ihm nicht gewohnt sind. Sie fahren fort mit Transkriptionen von Debussy-Liedern und Variationen von Chopin. Dann ergreift Veronique das Wort, um die bekannte Pavane pour une enfante défunte von Ravel anzukündigen. Sie widmen sie allen Kindern, die heute in der Welt durch Hunger und Krieg sterben. Nach dem Après un rève von Gabriel Fauré bin ich ganz mitgenommen in die Träume der Belle Époque, gerührt und verzaubert durch das schöne Spiel und den betörenden Charme dieser besonderen Geigerin. Ich werde nicht der einzige Mann im Publikum gewesen sein, der ihren Bogenstrich wie einen Pfeil ins Herz gefühlt hat.
Wal
Es ist besonders in diesen heiteren, lyrischen Stücken, dass sie so meisterlich spielt, vermute ich. Das wird besonders deutlich in dem noch bekannteren Stück nach der Pause: Spiegel im Spiegel von Arvo Pärt. Das spielt sie mit einer fast überirdischen Beherrschung und Beschwörung. Schaudernd erregend, ohne zu sehr auf einen senza vibrato-Effekt zu setzen. Das Stück dauert zehn lange hyperserene ausgesponnen Minuten. Wir sitzen auf einer Eisfläche, in der Ferne sehen wir einige Eisbären, ganz nah taucht ein Wal auf. Wenn die letzten Noten verklungen sind, ist es mucksmäuschenstill. Wir sind sprachlos vor so viel Gelassenheit, Beherrschung, schaudernd erregender Schönheit.
Mathilde spielt danach ein Werk von Marcel Tournier für Harfe solo. Faszinierend, wie sie virtuos und anmutig die Saiten zupft und streichelt, mit ihren Füßen die Pedale bedient wie ein Organist immer mit den Füßen beschäftigt ist. Sie überzeugt mich vom Reichtum und der Raffinesse des Harfenspiels. Fühlte ich bei Veronique einen Pfeil in meinem Herz, die Harfenistin Mathilde Wauters rührt mich ebenso sehr, aber auf ganz andere Weise. Die Harfe ist auch ein viel schwereres Instrument. Kurz fühle ich mich wie der Wal, der von ihrem Harpunenpfeil getroffen wird.
Engel
Mit dem letzten Werk sind wir wieder auf hoher See, denn Jean Cras war außer Komponist auch Admiral bei der französischen Marine. Man hört immer die Wellen und den Seewind in seinem Werk. Die Wellen, mit denen uns Veronique und Mathilde über eine ganze Stunde lang in dieser abenteuerlichen Reise durch die Belle Époque mitgenommen haben.
Ich hätte sie gerne in Werken aus einer anderen Periode hören, denke ich mir und kaufe nach dem Konzert eine CD, auf der Veronique De Raedemaeker Ysaÿe und Prokofiev spielt. Die CD MALINCONIA wurde 2020 als Klara-Wahl gelobt. Sehr schön gespielt, aber in Prokofiev vermisse ich etwas Feuer. Das Allegro brusco aus Prokofievs erster Sonate zum Beispiel, da muss man wirklich wie der Teufel vorgehen. Da höre und sehe ich in Gedanken eine Geigerin wie Patricia Kopatchinskaya. Das ist weniger das Repertoire für einen Engel wie Veronique De Raedemaeker.
- WAS: Duette für Violine und Harfe
- WER: Geigerin Veronique De Raedemaeker und Harfenistin Mathilde Wauters
- ORGANISATION: Davidsfonds und SWUK
- WO & WANN: 17. März 2024, Onze-Lieve-Vrouwekerk in Mariakerke
- FOTOS: © Pieter Van Haute


