Kunstenplek De Graaf ist in einem neoklassizistischen Herrenhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert in der Nähe des Gentser Südens untergebracht. Seit einigen Jahren finden dort die Stapelconcerten freitagsnachmittags statt. In einem großen Salon ist Platz für etwa sechzig Zuhörer. Man spürt dort den Atem der Bourgeoisie von einst. Man kann dort die bürgerliche Grandeur riechen, Marcel Proust könnte jeden Augenblick hereinkommen.
Schumann und Brahms, mitreißende Sonaten
Violinistin Femke Sonnen und Pianistin Elisaveta Vasileva bilden seit einigen Jahren zusammen das Duo Estrella. Im letzten Jahr um diese Zeit spielten sie in diesem Salon Mozart und Debussy, heute Sonaten von Schumann und Brahms. Zwischen der ersten Sonate von Schumann und der zweiten von Brahms bringen sie ein Andante, ein frühes Werk von Béla Bartók aus dem Jahr 1902. Es ist niemals die Aufgabe des Kritikers, Unreinheiten oder Fehler hervorzuheben, sondern sich erforderlichenfalls von der Aufführung überzeugen zu lassen. In vielen Passagen gelang ihnen das auch.
Getragen und lyrisch, wie Schumann so oft ist, ließen sie herrliche breite Phrasen erklingen. Mitreißend sogar, worin sich Violinistin Femke Sonnen auszeichnet, im Mitreißen. Der dritte Satz von Schumann hätte etwas mehr Biss und Pfeffer vertragen können, aber das Tempo Lebhaft ist natürlich relativ. Gab es in Schumann hier und da kleinere Probleme, ließen sie sich in Brahms mehr von der Schwung der drei Sätze mitreißen. Der Bartók als Intermezzo in der Mitte war umso interessanter, weil Bartók damals noch nicht der Bartók war, den wir kennen. Bevor er einer der größten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts wurde, durchlief er einen langen Reifungsprozess mit Einflüssen aus dem Im- und Expressionismus.
Die Königin von Sheba
Musizieren in einem großen Salon, der viel kleiner ist als ein Konzertsaal, mit dem Publikum, das dir auf die Hände starrt, ist ohnehin keine Sinekure. Die Akustik ist trockener, auf die geringe Entfernung hin siehst du sozusagen die Fingerspitzen der Violinistin. Das Schöne am Duo Estrella ist, dass Violinistin und Pianistin einen so krassen Kontrast bilden. Sie kontrastieren und ergänzen sich auch. Femke Sonnen hat dicke blonde Locken, mit denen sie manchmal flechtartig etwas anstellt. Nicht nur Fantasie im Haar, Femke Sonnen steht immer für Poesie auf den Saiten.
Hinter der Violine steht Elisaveta immer wie ein Fels in der Brandung. Auch wenn dieser heute hier und da ein wenig bröckelte, du spürst immer die Energie in ihrem edlen Klavierspiel. Neben der verspielten und feenhaften Femke hatte Elisaveta in den fünfundzwanzig Jahren, die ich sie kenne, immer etwas Vornehmes und Adeliges. Mit ihrem strengen Blick und ihrem königsblauen Kleid wird sie in meinen Gedanken zu einer Königin. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich eine germanische Waldnymphe und eine orientalische Königin. Es könnte die Königin von Sheba sein, die uns ihr musikalisches Talent schenkt, wie sie ihre kostbaren Geschenke König Salomo gab.
- WER: Femke Sonnen (Violine) und Elisaveta Vasileva (Klavier): Duo Estrella
- WAS: Schumann, Brahms, Bartók
- WO & WANN: Kunstenplek De Graaf, Gent
- FOTO: © WE//KC