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Rezensionen

Drei Gesichter der Gitarre

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· 10 Min. Lesezeit
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Drei Gesichter der Gitarre
© Jan Penninkhof

Ein Abend beim Antwerpen Gitaar Festival 2025

Trotz der Monsterverkehrsstaus auf der Antwerpse Ring fanden Gitarrenliebhaber aus In- und Ausland ihren Weg zu De Klap in Deurne, wo Jan Depreter zum vierzehnten Mal in Folge das Antwerpen Gitaar Festival organisierte. Das Festival zeichnet sich durch die einzigartige Kombination internationaler Stars und der Vielseitigkeit von Gitarrenstilen aus, von Klassik bis Fusion und Flamenco.

Ein warmer Zufluchtsort für internationale Stars

Am Samstag, 8. November, war Klassiek Centraal dabei. Wir genossen die besondere, fast familiale Atmosphäre, die dieses Festival so einzigartig macht: Musiker ohne Allüren, die die Konzerte des jeweils anderen besuchten, Besucher und Künstler, die sich an der Bar über ihre gemeinsame Leidenschaft für die Gitarre unterhielten. Die Kombination aus Professionalität und Gastfreundschaft, ermöglicht durch eine enthusiastische Gruppe von Freiwilligen, sorgte dafür, dass sich sowohl Musiker als auch Publikum sofort heimisch fühlten.

Jan Depreter (über den du auf Klassiek Centraal ein Interview lesen kannst) hatte vorher mit einem Augenzwinkern zu Julian Bream versprochen, bei der Programmierung „out of the box" zu denken. Und das ist ihm wunderbar gelungen. Während drei Rezitale bekamen wir eine Kostprobe der enormen Vielseitigkeit des Instruments zu hören: von der verfeinerten klassischen Lyrik von Florian Palier über die kreative Fusion von Sönke Meinen bis zur feurigen Flamenco von Grisha Goryachev.

Diese Auftritte zeigten nicht nur die Virtuosität der Gitarristen, sondern auch ihre Fähigkeit, das Publikum zu fesseln, jeder auf ihre eigene Weise.

Florian Palier: serene Farbenpracht und poetische Lyrik

Der Vorabend wurde von Florian Palier eröffnet, einem österreichischen Gitarristen und Komponisten, der mit seinem Belgien-Debüt sofort den Ton setzte. Du kannst übrigens ein Interview mit ihm auf Klassiek Centraal lesen.

Sein Recital war eines für Feinschmecker: gedämpft, farbig und durchdrungen von musikalischer Intelligenz. Was für eine reiche und verfeinerte Farbpalette zauberte er aus seiner Gitarre! Keine großen Gesten oder virtuose Äußerlichkeiten, sondern eine serene, integere Art des Musizierens. Während seines Rezitals traf er immer wieder den richtigen Ton und wusste er sein Publikum mit einer seltenen Musikalität und innerer Ruhe zu berühren.

Die Werke von Agustín Barrios Mangoré (1885-1944) bildeten eine ideale Einleitung. In Stücken wie Oración para Todos, Mazurka Apasionada, Julia Florida und País de Abanico erklangen Wärme und Melancholie, verwurzelt in der reichen südamerikanischen Tradition, die Barrios mit seiner poetischen Sensibilität zur Kunst erhob. Palier ließ diese musikalische Farbenpracht aufleuchten, ohne die Intimität der Musik zu verlieren.

Bevor er einige Werke von Emilio Pujol (1886-1960) brachte, erzählte Palier, warum dieser Komponist ihm im Moment so nahe am Herzen liegt. Vor zehn Monaten wurde sein Söhnchen geboren – zufällig auch Emilio genannt. Bis dahin konzentrierte sich Palier hauptsächlich auf zeitgenössische Werke, aber nach der Geburt fühlte er sich spontan zu der warmen Lyrik von Pujol hingezogen. Seine Interpretationen der Impromptu, der Romanza und der Tres Piezas Españolas atmeten aufrichtige Zärtlichkeit. Besonders die Romanza und die Guajira nehme ich inzwischen gerne in meine eigene Playlist auf.

Dann folgte seine eigene Komposition, die Sonatina (Hommage à Rainer Maria Rilke) – ein Werk, in dem Florian Palier (°1987), inspiriert von seinem Lieblingsdichter, über unsere Zeit und die menschliche Suche nach Bedeutung nachdenkt. Der erste Teil klang gehetzt und rastlos, als wäre die Seele verloren. Im zweiten Teil verwies er auf Rilkes Symbolik des „Gelb" – eine Farbe, die bei dem Dichter oft mit Tod und Vergänglichkeit assoziiert wird. Der dritte Teil brachte diese existenzielle Ruhelosigkeit von Rilke noch stärker zum Ausdruck: die ewige Suche nach einem Zuhause, nach innerer Stille.

Das Werk, das 2018 geschrieben wurde, wirkt im Nachhinein fast visionär. Damals konnte niemand ahnen, welche stürmischen Jahre die Welt noch erwarten würden. Große Künstler tragen diese Eigenschaft in sich: Sie fühlen den Zeitgeist voraus. Paliers Sonatina erwies sich in dieser Hinsicht als unerwarteter Spiegel der späteren gesellschaftlichen Unruhe – ein musikalischer Vorausblick auf die Gehetzheit und Unsicherheit, die unsere Welt seitdem kennzeichnet.

Zum Abschluss verwöhnte er uns mit einer herrlichen Gavotte von Barrios, mit der er das Publikum mit einem Lächeln verließ. Leicht, elegant und perfekt platziert nach der Intensität seines eigenen Werkes – ein luftiger Abschluss eines Rezitals, das von Anfang bis Ende beseelt und durchdacht war.

Sönke Meinen: Virtuosität mit Humor und erzählerischer Kraft

Dann war Sönke Meinen (°1991) an der Reihe, über den du auf Klassiek Centraal in der Vorschau auf das Festival auch ein Interview lesen konntest. Er hat in diesem Jahr bereits eine beeindruckende Tour von nicht weniger als fünfzig Konzerten in Nordamerika absolviert und war nun zum ersten Mal zu Gast in Belgien. Dass er sein Debüt hier nicht verpasst hat, steht außer Frage. Ein integerer Rasikermusiker, der zugleich ein unterhaltsamer Geschichtenerzähler ist – sowohl verbal als auch über sein Instrument.

Während seines Rezitals brachte er ausschließlich eigene Werke, in denen verspielte Kompositionen immer wieder mit mehr meditativen, manchmal melancholischen Stücken abwechselten. Das Ergebnis war ein reiches und vielschichtiges Recital, in dem Virtuosität und Emotion Hand in Hand gingen. Für jedes Stück nahm er sich Zeit, um das Publikum mit einem Hauch von Humor in die Entstehungsgeschichte einzuweihen.

Mit Fake Forgery setzte er sofort den Ton. Das Stück entstand nach einem kuriosen Vorfall: Meinen wurde einmal fünf Stunden auf einer Polizeiwache festgehalten, weil man dachte, er habe mit Falschgeld bezahlt – das Geldschein war nur zu viel in der Wäsche gewesen. Die Ironie und Verspieltheit dieser Geschichte spiegelte sich im rhythmischen, leichtfüßigen Charakter der Musik.

Mirror of Water dagegen war eine zurückhaltende Hommage an seinen Großvater, der in der Schifffahrt in Norddeutschland tätig war und den Meinen nie kennengelernt hat. In dem Stück klang die Dünung des Meeres durch – eine poetische Ehrung, noch verstärkt durch die Tatsache, dass Meinen später in einem alten Fotoalbum ein Bild seines Großvaters mit einer Gitarre fand. Ein ergreifender Gedanke: dass seine Liebe zum Instrument vielleicht doch familiär weitergegeben wurde. Der Saal lauschte atemlos, in einer zurückhaltenden Stille, die viel aussagte.

Aber Meinen liebt Kontraste. Mit Sparklemuffin – einem virtuosen und verspielten Werk inspiriert durch die australische „peacock spider", die auf YouTube berühmt wurde wegen ihres Paarungstanzes – holte er die Stimmung sofort wieder herauf. Wo das ursprüngliche Filmchen die Spinne auf Musik der Bee Gees tanzen ließ, schrieb Meinen seinen eigenen Soundtrack, energisch, lustig und technisch verblüffend.

Alpacalypse war ein weiterer Höhepunkt: entstanden aus einem misslungenen Spaziergang mit einem Alpaka. Der nervöse Tritt des Tieres und der Stress des Komponisten wurden in brillanten Synkopen und überraschenden Rhythmen zum Klingen gebracht – Humor und Virtuosität in einem.

Mit La Ciudad Soñada bewies Meinen auch im Flamenco seine Tauglichkeit, während Heartland eine warme Ode an seinen heutigen Wohnort Hamburg, sein „altes, neues Zuhause" darstellte. Schließlich brachte er mit A Night in Tunisia eine Hommage an Jazzlegende Dizzy Gillespie, nicht ohne zu erwähnen, dass es ihm leidtat, sie nicht selbst geschrieben zu haben.

Nach ohrenbetäubendem Applaus schenkte er dem Publikum noch ein Extra: ein zartes, überraschend intimes Arrangement von Let It Be – ein wunderschöner, verhalten stiller Abschluss eines Rezitals, das von Anfang bis Ende Charme, Humor und musikalische Meisterschaft ausstrahlte.

Das Publikum reagierte einstimmig begeistert: wir hörten einen Künstler, der mit scheinbarer Leichtigkeit technische Virtuosität mit einer entwaffnenden menschlichen Wärme zu verbinden wusste.

Grisha Goryachev: Feuerwerk mit Nuance erst am Ende

Während die vorherigen Rezitale ein durchdachtes und abwechslungsreiches Programm boten, das von Anfang bis Ende zu fesseln wusste, enttäuschte das Rezital von Grisha Goryachev leider etwas auf der Ebene der Programmgestaltung. Dennoch waren die Erwartungen hoch: 2017 spielte er hier bereits ein glänzendes Konzert, und auch diesmal war er speziell aus den Vereinigten Staaten für dieses Festival angereist. Goryachev wird weltweit als einer der wenigen Gitarristen gelobt, die die andalusische Solo-Flamenco-Tradition authentisch zu interpretieren wissen, mit verblüffender Technik und rhythmischem Einblick.

Dass Goryachev ein Phänomen ist, steht außer Frage. Es bleibt schlechthin verblüffend, wie seine Finger über die Saiten dahinstürmen mit einer Präzision, die fast überirdisch wirkt. Am Anfang ist das beeindruckend anzuschauen: die reine Kraft, die blitzschnellen Picado's und die virtuosen Rasgueados – als würde ein Wirbelsturm durch den Saal fegen. Aber nach einiger Zeit begann diese konstante Intensität zu überwiegen, wodurch dem Programm die dringend benötigte Abwechslung in Farbe, Ruhe und Spannung fehlte.

Sein Spiel hatte etwas von einem F-16-Flamencospieler: technisch brillant, aber manchmal zu straff und explosiv, um die poetische Seele des Flamenco vollständig zu treffen. In Werken wie Malagueña de Lecuona (arr. Paco de Lucía), Ímpetu von Mario Escudero (1928-2004) und Los Caireles von Esteban de Sanlúcar (1943-2022) zeigte er seine Fingerfertigkeit und Virtuosität, aber der emotionale Kern – die Wehmut und die Gesangslinie des Cante – blieb etwas im Hintergrund.

Erst gegen Ende kam mehr Tiefe und Nuance in sein Spiel. Mit unter anderem Ventanas al Alma von Vicente Amigo (°1967) ließ er plötzlich eine andere Seite seiner selbst hören: wärmer im Ton, mit einer verfeinerten Phrasierung, die der Musik endlich den nötigen Atemraum gab. Auch in Monasterio de Sal von Paco de Lucía (1947-2014) klang zum ersten Mal etwas von Introspektive durch – die Art von Zurückhaltung, die den Flamenco wirklich zum Leben erweckt. Hätte er diese Werke früher mit seinen virtuosen Showstücken abgewechselt, wäre das Rezital zweifellos ausgewogener gewesen.

Das Publikum im gut gefüllten Saal kümmerte sich jedoch wenig darum: die Reaktionen waren ausgelassen, und die stehende Ovation sprach Bände. Für viele war dies zweifellos ein spektakulärer Höhepunkt. Doch blieb ich nach den vorherigen Rezitalen ein wenig hungrig. Technisch meisterhaft, aber die Seele – die Duende, jenes unerreichbare mystische Element, das Flamenco zu etwas Zeitlosem erhebt – kam erst in den Schlussstücken wirklich zum Leben.

Drei Welten, ein Instrument: ein Festival zum Schätzen

Rückblickend auf den Tag habe ich drei fesselnde und unterschiedliche Facetten der Gitarre kennengelernt: der verfeinerte und poetische klassische Stil von Florian Palier, die erfindungsreiche und virtuose Fusion von Sönke Meinen, und die feurige, rhythmische Intensität von Grisha Goryachev. Zusammen bildeten sie eine faszinierende Palette, die die Vielseitigkeit des Instruments vollständig zeigte, von introspektischer Lyrik und subtilen Farben bis hin zu Spektakel und rhythmischer Kraft.

Das Antwerpen Gitarrenfestival ist ein Musikfestival, auf das Antwerpen stolz sein kann. Dank des internationalen Netzwerks von Jan Depreter kommen Künstler von Weltklasse in die Stadt, was das Festival zu einem wichtigen Treffpunkt für Liebhaber aus dem In- und Ausland macht. Antwerpen wurde dieses Wochenende vorübergehend zur Gitarrenhauptstadt Europas, und genau deshalb verdient das Festival eine feste Verankerung in der reichen Kulturlandschaft der Stadt. Es bringt nicht nur Musik auf höchstem Niveau, sondern schafft auch eine warme, gastfreundliche Atmosphäre, in der sich Publikum, Künstler und Freiwillige treffen und gegenseitig inspirieren.

Nächstes Jahr sind wir gerne wieder dabei, denn dieses Festival schmeckte nach mehr: eine faszinierende Mischung aus Virtuosität, Leidenschaft und Verbundenheit rund um eines der schönsten Instrumente der Welt.

Details

Wer
17 uur: Café Palier met Florian Palier - 20 uur: Ice & Fire met Sönke Meinen & Grisha Goryachev
Wo
De Klap, Deurne
Gesehen am
8 November 2025
Bildnachweis
Jan Penninkhof
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