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Rezensionen

Age Veeroos - Outlines of the Night

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· 4 Min. Lesezeit
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Age Veeroos - Outlines of the Night
© Rene Jacobson

Als Age Veeroos sich kürzlich bei mir für eine CD-Besprechung meldete, ging mir dabei (noch) kein Licht auf. Ich hatte noch nie von ihr gehört, geschweige denn Kenntnis von ihrem Werk genommen. Es würde mich wundern, wenn das bei Ihnen, geehrter Leser, der Fall wäre, eine Ausnahme natürlich ausgenommen. Also erst einmal ihre Taufurkunde ausgeleuchtet.

Age Veeroos, auch bekannt als Age Hirv, wurde am 11. Mai 1973 in Võru, Estland, geboren. 1998 schloss sie ihr Studium der Deutschen Philologie an der Universität Tartu ab, mit einem Zwischenschritt in der Zeit von 1993-1994 mit einem Literaturstudium an der Universität Göttingen. Das Kompositionsfach erlernte sie von 1996 bis 1998 an der Musikschule Tartu Heino, um 2006 ihr Masterabschluss in Komposition mit Auszeichnung an der Estnischen Musik- und Theaterakademie (EAMT) zu erhalten. Kurz darauf gesellte sie sich zu Wolfgang Rihm, der an der Hochschule für Musik Karlsruhe ihr letzter Dozent sein sollte. Während ihrer Studienzeit folgte sie mehreren internationalen Lernwegen, unter anderem bei Salvatore Sciarrino (Rom, 2004), IRCAM (Paris, 2005) und dem Arditti String Quartet (Metz, 2005). Außerdem nahm sie an verschiedenen Meisterkursen teil, unter anderem denen von Michael Finnissy, Georg Friedrich Haas, Veli-Matti Puumala und Betsy Jolas.

Veeroos' Œuvre mag in Belgien und den Niederlanden zwar unbekannt oder kaum bekannt sein (obwohl Slagwerk Den Haag eine Reihe ihrer Werke tatsächlich programmiert hat), ihre Kompositionen werden sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen regelmäßig aufgeführt, sowohl in regulären Konzertprogrammen als auch auf Musikfestivals, und nicht von den kleinsten Ensembles, wie Ensemble Musikfabrik, Sinfonietta Riga, das Estländische Nationale Sinfonieorchester, das Arditti String Quartet, die Berliner Philharmoniker, sondern auch an der Staatsoper Hannover.

Im Jahr 2010 gewann Veeroos mit einem Team von sechs Mitgliedern den Hauptpreis des von der Zeitgenössische Oper Berlin organisierten Wettbewerbs im Bereich des Musiktheaters Operare 2010. Im Jahr 2020 nominierte die European Composer and Songwriter Alliance (ECSA) Ma olen suur kuu su silmapiiril ('Ich bin der große Mond am deinem Horizont') für das Konzert im Rahmen des European Orchestra of Contemporary Composers (ECCO). Als Teil des sechzig Minuten dauernden Programms, das auf der Grundlage eines Referendums zusammengestellt wurde, wurde ihr Stück für die siebzehnte Online-Ausgabe ausgewählt, die im Februar 2021 von Joey Marijs von Slagwerk Den Haag aufgeführt wurde. Im Jahr 2023 erhielt Veeroos den Lepo Sumera Kompositionspreis.

Auf dem auf moderne und zeitgenössische Musik spezialisierten Musiklabel Kairos erschien kürzlich ein neues Album mit sieben Werken von Age Veeroos. Der Titel, Outline of the Night, verweist auf das gleichnamige Stück für Ensemble, das Veeroos im vergangenen Jahr vollendete.

Simon Cummings verfasste die ausgezeichnete Erläuterung. Natürlich kann man sich fragen, ob und wenn ja, inwieweit Musik dies benötigt, aber sicherlich im heutigen Bereich kann selbst eine nicht allzu umfangreiche Analyse wahre Wunder vollbringen. Wenn nur, um auditive Verständigung für Musik zu schaffen, die oft weniger leicht zugänglich ist.

Im Zentrum der Musik von Age Veeroos: nichts ist das, was es zu sein scheint. Oder vielleicht ist alles genau das, was es zu sein scheint. Dieses paradoxe Merkmal wird durch ihre Unfassbarkeit gepflegt, das für mich charakteristischste Merkmal ihres Komponierens. Dies im Gegensatz zu den von ihr gewählten „Subjekten". Es hat etwas Mysteriöses: diese Musik mit ihrem unweigerlichen Gefühl der Unantastbarkeit, wodurch es, diesem Begriff inhärent, nicht gut in Worte gefasst werden kann. Veeroos zeichnet sich durch die Symbiose von strahlender Energie und spannungsvoller, mehrdeutiger Rhetorik aus. Musik auch, die Mikrotonalität genauso leicht mit Elektronik verbindet, in der auch Spieltechniken erforscht werden und obsessiver Surrealismus genauso wie die Ausläufer der estnischen Volksmusik umarmt wird.

Viele zeitgenössische Komponisten setzen oft neues Klangmaterial ein, um eine ganz neue Hörerfahrung zu ermöglichen. Dies aus der Überlegung heraus, dass die traditionelle Klangwelt aus historischer Perspektive abgenutzt ist und daher unbrauchbar geworden ist.

Warum sollte dies bei Veeroos anders sein? Für sie sind neue Klänge - so viel wird auch aus diesem Album deutlich - kein Selbstzweck. Vielmehr ist es Musik, in der Hyperexpression als ihre wichtigste spirituell verwurzelte „Schriftsprache" widergespiegelt wird. Keine monolithischen Klangblöcke, sondern asketische Diffusion und (scheinbar?) intuitive Stille, aufquellend aus subtil gestalteten Klangskulpturen, die sich als frei schwebende Klangobjekte manifestieren.

Zeitgenössische Musik verlangt, nein fordert stark engagierte Musiker, die die komplexesten Stücke völlig zu eigen gemacht haben. Auf diesem Album kommt es perfekt zusammen: das intensive Engagement, die Spieltechnischen Fähigkeiten und die klaren Aufnahmen, die mehr zu bieten haben als nur das Sahnehäubchen. Denn es wird allzu oft übersehen: dass bereits von Anfang an die Aufnahme wesentlich bestimmend für das Endergebnis ist, wie vortrefflich die Musik und die Musiker auch sein mögen. Denn es ist die Qualität der Aufnahme, die Musik sozusagen aufschliesst und den Hörer daran teilhaftig macht. Auf diesem Album wird dies bis ins kleinste Detail verwirklicht.

Details

Wer
Michele Marelli, Maria Jönsson, Heigo Rosin, Musikfabrik, Ensemble U:, Ensemble for New Music Tallinn, There are no more four seasons, Arash Yazdani, Clement Power
Bildnachweis
Rene Jacobson
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