Wozzeck van Alban Berg ist so ein starkes Stück, dass es kaum zu zerstören ist. Die Aufführung in Opera Ballet Vlaanderen ist absolut sehenswert, aber es fehlt dennoch eine Portion dramatischer Kraft.
Alban Bergs Oper Wozzeck bedeutet einen Meilenstein in der Geschichte des Musiktheaters. Das Stück wird im Dezember gerade hundert Jahre alt (Uraufführung u.d.L. von Erich Kleiber in der Berliner Staatsoper), wirkt aber immer noch zeitgenössisch. Die Oper skizziert in einer Reihe kompakter Szenen die Geschichte des Soldaten Wozzeck, der von seinen Vorgesetzten – dem Hauptmann und dem Doktor – missbraucht wird und von seiner Geliebten Marie betrogen wird. Er verliert den Verstand, kann seine Eifersucht nicht beherrschen und ersticht Marie am Teich. Während des Tanzes in der Kneipe wird der Mord entdeckt. Wozzeck flieht und ertrinkt. Das Kind von Marie und Wozzeck erfährt von seinen Freunden, dass seine Mutter tot ist.
Johan Simons hat das Theaterstück von Büchner, auf dem Alban Berg seine Oper basierte, bereits mehrmals inszeniert. Die Erwartung war daher, dass er den Wahnsinn und das Obsessive von Wozzeck in voller Heftigkeit auf der Bühne darstellen würde. Alban Berg sah 1914 das Theaterstück Woyzeck von Georg Büchner und war fasziniert von diesem Drama über einen armen Soldaten, der zum Opfer der Vertreter der sozialen Ordnung und der seelenlosen Hierarchie wird. Der Erste Weltkrieg unterbricht Bergs Kompositionspläne. Er verbringt drei Jahre in der österreichischen Armee und gerät dort in eine Situation, in der er sich so sehr mit dem Protagonisten von Büchners Drama identifiziert, dass die Komposition für ihn zu einer inneren Notwendigkeit wird.
Halluzinatives Bühnenbild, zu schwache Regie
Das Bühnenbild suggeriert einen befremdlichen Raum mit weißen Wänden und einer beklemmenden Atmosphäre. Was Wozzeck in dieser surrealen Welt erlebt, ist harte soziale Realität. Als Wozzeck in der ersten Szene den Hauptmann rasiert, sitzt dieser nicht hochmütig auf einem Friseurstuhl, sondern in einer banalen Plastikwanne auf dem Boden, wodurch die Demütigung der Szene eher als Karikatur wirkt als als Sarkasmus. Auch das Sich-Missbrauchen-Lassen für medizinische Experimente durch den Doktor kommt nicht wirklich zur Geltung. Eigentlich fehlt der Aufführung von Szene zu Szene eine ergreifende Spannung. Es gibt keine Steigerung, keine Abstufung zum bestürzenden Schluss. Der Tambourmajor wirkt überhaupt nicht wie eine überwältigende Figur, der Marie nicht widerstehen kann. Die Szene in der Kneipe, in der Margret das Blut auf Wozzecks Arm entdeckt, versinkt in Verwirrung. Bei der Sicht der Ohrringe, die Wozzeck erkennen lassen, dass Marie ihn betrügt und seinen Sicherungen durchbrennen, zeigt Wozzeck kaum den wahnsinnigen Kurzschluss, der ihn Marie ermorden lässt. Stück für Stück verpasste Gelegenheiten, eine Oper, in der tatsächlich jedes Detail zählt, zu einem schaurig beißenden Theaterstück zu machen. Selbst die Schlussszene entbehrt des Apokalyptischen von Wozzecks nächtlichem Versinken im Teich unter einem visionären Mond. Und das „Hop hop"-Thema, das sonst die Saisonslosung von Opera Ballet Vlaanderen ist, ist ein enttäuschendes Ende, in dem der „Bub" von Marie und Wozzeck ein bestürztes „Mädel" ist, und das Schaukelpferd irgendwo hinten im Bühnenbild verloren liegt.
Sublime Orchesterinterpretation
Was die Aufführung auf ein höheres Niveau hebt, ist die Orchesteraufführung unter Dirigent Alejo Pérez. Man hört in jeder Passage, in jedem Detail, dass dieser Dirigent die gegen die Spätromantik und Atonalität anlehnende Partitur nicht nur in- und auswendig kennt, sondern sie auch liebt. Die Art und Weise, wie er mit seinen Instrumenten jede Tonalität, jedes Detail im Text in Klang umsetzt, ist einzigartig und bewunderungswürdig. So unterstützt er den beklemmenden Inhalt des Stücks und die Vokalpartien der Sänger. Denn auch sie leisten eine beachtliche Leistung mit dieser alles andere als einfachen Partitur, die regelmäßig in Sprechgesang wechselt. Robin Adams hat einen weichen Bariton, der viel Farbe in die Details bringt und vor allem ein „menschlicher" Wozzeck ist, dem es als Schauspieler leider an Wirkung fehlt, um auch den Wahnsinn in seiner Figur zu erleben. Magdalena Anna Hofmann beherrscht ihre Partie als Marie stimmlich. Schade um die dumme Stoffpuppe, die sie als Kind herumschleift, denn ansonsten macht sie einen selbstbewussten Eindruck. Auch Lotte Verstaen brachte als ihre Freundin Margret eine schöne Darstellung.











