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Rezensionen

Verstummte und andere Erinnerungen

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· 9 Min. Lesezeit
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Verstummte und andere Erinnerungen

Es ist jeden Sommer Pflicht, aber eine Art, die immer sprudelt: das Festival Midis-Minimes. Zwei Monate lang, für kleines Geld also und in guter Gesellschaft, ein wenig der unruhigen Stadt entfliehen. Dank einer eklektischen Programmierung und Themenwochen gewidmet Klavier, Gesang, Tanz, Duos und natürlich auch Streichquartetten bieten diese Nachmittage im Brüsseler Konservatorium für jeden etwas ... Der Beweis? Diese dreitägige Veranstaltung mit, ja, zwei speziellen Quintetten und einem meisterhaften Trio.

Könnten sich im belgischen Militär große kompositorische Talente verbergen? In diesem Fall dürfen sie sich zum Dienst melden und sogleich einen Karrierewechsel erwägen. Obwohl. Für einen gewissen Jean Cras war die Kombination von Marineoffizier und Tonsetzer eine bemerkenswerte mode de vie. Mehr noch: Er machte sich sowohl auf dem Wasser als auch mit seinen Partituren einen Namen. An Bord ist eine Regel nach diesem französischen Offizier benannt, die von Seeleuten in seinem Vaterland noch – nun ja – regelmäßig angewendet wird. Und auch sein Œuvre ist noch nicht von der Geschichte weggespült worden. Denn es ist genauso genial wie sein geometrisches Hilfsmittel, wie etwa das Streichquartett zeigt, das 1926 vollendet wurde. Einige Jahre zuvor hatte dieser Bretone bereits ein Quintett für Klavier und Streicher veröffentlicht (1922). Es war diese farbenfrohe Weltreise, wie der Komponist die vier Teile beschrieb, die das belgische Oxalys und Pianist Jean-Claude Vanden Eynden während dieses Nachmittagskonzerts unternehmen würden. Wie navigierten sie durch dieses erfrischende Werk, nachdem sie ihre Kajüte gegen das Podium eingetauscht hatten?

Der Wind blies jedenfalls günstig. Nicht nur spielte Oxalys im Koninklijk Conservatorium Brussel ein Heimspiel. Im September erscheint bei Passacaille auch eine Hommage des Ensembles an die Kammermusik von Cras. Zusammen mit La flûte de Pan und dem Quintett für Flöte und Harfe ziert auch das Klavierquintett die CD. Das bedeutet, dass die Musiker sich gründlich in dieses Stück vertieft haben und ihre Vision reif genug fanden, um sie festzuhalten. Um davon auch live Zeuge zu sein, ist natürlich äußerst erfreulich. Nur wenige Tage nach dem einzigen echten grand départ verließ auch diese musikalische Etappe in medias res: clair et joyeux, ohne Wolkchen am Himmel. An den Tasten wurde die Ungeduld mit Bravour dargestellt, ohne aufdringlich zu werden. Die Aufregung bei Vanden Eyndens Reisegenossen war mindestens genauso groß. Ihre Darlegung lieferte keine Schwärmerei, sondern zahlreiche, geschickt getimte Unisoni, verspielte Dialoge mit dem Pianisten und eine eindringliche Dynamik. Dass Cras kein robuster Seebär war, ist deutlich zu hören in der darauffolgenden langsamen Bewegung (Calme et paisible). Diese begann nicht ganz mit einem Telefon-Klingeln, auf humorvolle Weise an den Tasten reproduziert, sondern mit einer sehr ausgewogenen und herrlich träumerischen Einleitung durch die Streicher. Es stellte sich als Auftakt zu einer höchst originellen Welt voller subtiler Farbabstufungen heraus. Magisch waren die Akkorde, die unter anderem die Altistin hervorbrachte. Schwüle Exotik, das ist nicht das erste, das man von einem Militär erwarten würde. Die Tatkraft und heroischen Ausschweifungen des dritten Teils dagegen. Alerte et décidé ist auch, wie Oxalys durch die Noten flitzte, die raffinierten Pizzicati, die Cras gerne mochte, eingeschlossen. Und dann, in seinen eigenen Worten: enfin le retour, l'âme pleine de souvenirs affranchie par l'espace des petitesses de la vie. Die Erinnerung an diesen ausgelassenen Triumph ist tatsächlich noch lebendig. Dank der Ausführenden, die sich von der freudvollen Musik mitreißen ließen, aber zum Glück nicht verschlungen wurden.

"Ne pas tout donner"

Am nächsten Tag fuhren Cras und Oxalys noch ein zweites Mal aus während des Zomer van Sint-Pieter in Leuven, des Schwesterfestivals von Midis-Minimes. Das Trio Talweg machte dagegen die umgekehrte Bewegung und nahm dabei das zweite Klaviertrio von Mendelssohn mit (1845). Mit dem jungen Genie von Felix eröffnete das Festival dieses Jahr auch. Und der Komponist zeichnet zusammen mit Schwester Fanny und Sopranistin Sophie Karthäuser für noch einen der anderen Höhepunkte später in diesem Monat. Aber nur wenige werden leugnen, dass auch das zweite Klaviertrio zu Mendelssohns erfolgreichsten Werken gehört. Allerdings gibt es natürlich jenen ewigen Vergleich mit seinem Erstling: das brillante Zwillingswerk, das sowohl bei Kennern als auch bei Liebhabern immer schon mehr Beifall erhalten hat. Auch bei dem Künstler selbst? Das könnte durchaus sein. In einem Brief an Louis Spohr, seinen älteren Kollegen, dem das Opus 66 gewidmet ist, schlägt Mendelssohn tatsächlich einen klagenden Ton an: „Ich hätte die Ehre gern für ein etwas längeres Stück aufgehoben, aber dann hätte ich warten müssen, wie so häufig in letzter Zeit. Nichts scheint mir gut genug, und eigentlich auch nicht dieses Trio." Selbstkritik, das ist eine Sportart, in der kreative Geister oft besonders bewandert sind, und mit der sie die Nachwelt fast ebenso sehr überraschen wie mit ihren Talenten.

Weniger überraschend als vielmehr durchdacht war das Tempo, in dem das Trio Talweg den turbulenten Eröffnungsteil anging. Auf Fürsprache des Pianisten, dem eine herausfordernde, beinahe konzertante Rolle zuteil wird, machte sich das französische Trio beim Allegro energico e con fuoco nicht wie der Teufel davon, sondern glänzte stattdessen durch Sauberkeit und Raffinement. Letzteres äußerte sich unter anderem darin, wie der Cellist mehr als einmal durch das Klangbild brach und so die meisterliche Geschichtetheit dieser Komposition in Szene setzte. Neben der charakteristischen Intensität, die durch die Exposition geschickt gesteigert wurde, trugen die sanglichen Momente zu einer wohlwollendereren Expressivität bei. Diese kam im Andante besonders anmutig zum Ausdruck. Das romantische Flirten zwischen den drei Instrumenten war ein Vergnügen, zuzuhören. Oder wie eine Dame es auf Facebook in Großbuchstaben ausrief: „C'était ÉBLOUISSANT!" Im halsbrecherischen Scherzo (Molto allegro quasi presto) griffen die Stimmen zwar ziemlich ineinander, aber artikulatorisch war dies nicht immer die glücklichste Bewegung. In den Außensätzen jedenfalls, denn die Akzente im Trio sorgten dagegen für einen bemerkenswerten Kontrast. Dass an dem Engagement dieser drei Herren nichts auszusetzen war, bewiesen sie zur Gänze in der impulsiven Finalsatz (Allegro appassionato). Das bald perlende und dann wieder feierliche Passagenwerk von Descharmes wurde von seinen beiden Gefährten meisterhaft beantwortet. Das eine Orgelpunkt folgte auf das andere und mündete in eine energische Apotheose. „Le difficile, ce n'est pas de donner, c'est de ne pas tout donner", wusste die französische Schriftstellerin Colette. Mit viel Hingabe brachte das Trio Talweg diese Worte ihrer Landsmännin in die Tat um, und zwar bis zur Zugabe: das auch schon jubilierende Scherzo aus … doch das erste Trio von Mendelssohn.

Zarte Tränen der Glückseligkeit

Vielleicht spielte der flämische Festtag auch eine Rolle dabei, aber es war zweifellos vor allem das Programm, das während dieses dritten Konzerts für volles Haus sorgte. Die Organisation musste sogar noch Plätze auf der Bühne dazugeben. Und ob die Kombination des Quatuor Danel, der primus inter pares unter den belgischen Streichquartetten, und niemand Geringerem als Wolfgang Amadé Mozart, einer der absoluten Größen unter den Komponisten, eine himmlische Verbindung darstellte. Zumal sich auch noch der Klarinettist Jean-Luc Votano der Gruppe anschloss für ein wirklich ganz besonderes Stück. Denn während in Frankreich eine völlig andere Art von Revolution entfacht worden war, sorgte Mozart mit seinem Klarinettenquintett eigenständig für die Geburt eines neuen Genres (1789): ein Zeichen der Freundschaft für Logierbruder und begnadeten Bläser Anton Stadler (1753-1812) UND ein Werk, das nicht nur Musiker, sondern auch Kritiker in Ekstase versetzt. „Il invente de toute pièce une formation nouvelle, y trouve presque par miracle un équilibre parfait et laisse à la postérité un message d'une humanité, d'une tendresse et d'une perfection qui suscite toujours, plus de deux cents ans plus tard, l'émotion et l'infinie reconnaissance d'un public quasi universel", so klingt es voller Bewunderung bei Claude Jottrand im Programmheft. Diese Publikumsreichweite ist tatsächlich bis heute auf einem sehr hohen Niveau. Und die dreifache Botschaft? Diese wurde ebenso erhaben verkündet wie die Musik selbst.

Worte, geschweige denn Superlative reichen nicht aus, um zu beschreiben, welchen Eindruck das Larghetto machte. Weltberühmt ist das langsame Zwischenspiel aus dem Klarinettenkonzert (KV 622), aber dieses Satz ist mindestens genauso ergreifend. Wir setzen uns mit Tränen nieder, so glücklich wird ein Mensch von der Stille, die das Quatuor Danel kaum hervorbrachte, und von der ebenso endlosen wie herzerwärmenden Melodie, die Votano ertönen ließ. Dass das Ensemble das tentative Duett zwischen dem Primarius und der Klarinette als Zugabe erneut aufgriff, war somit ein geradezu göttliches Geschenk. Viel mehr hätte man dort eigentlich nicht hinzufügen müssen … Obwohl es natürlich noch drei weitere Sätze gab, um sich voll zu erfreuen. Das Allegro con variazoni zum Beispiel! In diesem Finalsatz, einem zuvor unerhörten Beispiel musikalischer Verschmelzung, zeigte Mozart fein an, dass sich die Klarinette leichter zum Streichquartett verhält als das Klavier. Etwas spitz klang die Lebensfreude sowohl im Thema als auch in den ersten beiden Variationen. Aber es waren die tiefergehendere dritte Variation, wunderbar auf der Bratsche phrasiert, und der letzte Glanzzug, die die einzigartige Atmosphäre des Larghetto zurückbrachten. Es wird Sie nicht wundern, dass diese fünf auch im Allegro und im Menuetto hohe Höhen erreichten, wie interessant die Unterhaltung zwischen den Protagonisten auch in diesem verträumten Prolog sein mag. Und das wiegende erste Trio des Menuetts, gehört das nicht zu den schönsten Fragmenten, die Mozart für Streichquartett geschrieben hat? Sich selbst also schnell (noch) einmal unten auf dieser Seite anhören. Denn an Zartheit, geschweige denn an Menschenfreundlichkeit gibt es in dieser rauen Welt niemals genug …


  • WER: Oxalys [Shirly Laub en Frédéric d'Ursel (Violine), Elisabeth Smalt (Bratsche), Amy Norrington (Cello) en Jean-Claude Vanden Eynden (Klavier)] – Trio Talweg [Romain Descharmes (Klavier), Sébastien Surel (Violine) en Éric-Maria Couturier (Cello)] – Quatuor Danel [Marc Danel en Gilles Millet (Violine), Vlad Bogdanas (Bratsche), Yovan Markovitch (Cello) en Jean-Luc Votano (Klarinette)]
  • WAS: Jean Cras (1879-1932) – Quintett für Klavier und Streicher | Felix Mendelssohn (1809-1847) – Klaviertrio Nr. 2 in c-Moll (opus 66) | Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Quintett für Klarinette und Streicher in A-Dur (KV 581)
  • WO: Koninklijk Conservatorium, Brussel
  • WANN: Dienstag 9., Mittwoch 10. und Donnerstag 11. Juli 2019
  • FOTOS: © BE Culture | Midis-Minimes | Klassiek Centraal
  • ORGANISATION: Festival Midis-Minimes

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