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Rezensionen

Von Zhejiang nach Berlin: junge Musiker zwischen Tradition und Zukunft

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· 10 Min. Lesezeit
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Von Zhejiang nach Berlin: junge Musiker zwischen Tradition und Zukunft
© MUTESOUVENIR / Kai Bienert, Werner De Smet

Mittwoch, den 5. August, war ein besonderer musikalischer Tag. Nicht nur stand abends ein Konzert des Orchestra of the Zhejiang Conservatory of Music aus China auf dem Programm von Young Euro Classic, auch tagsüber war bereits überall Musik zu hören. Unter der Säulengalerie des Konzerthauses brachten verschiedene Kammermusikbesetzungen des Orchesters nachmittags abwechslungsreiche Werke. Trotz der brütenden Hitze blieben viele Menschen stehen, um diese jungen Musiker bei der Arbeit zu sehen und ihrer herzerwärmenden Art des Musizierens zuzuhören. Es war eine erste Begegnung, die sofort neugierig machte, was dieses Orchester abends auf der großen Bühne zu hören geben würde.

Das Orchestra of the Zhejiang Conservatory of Music ist eine noch junge Formation. Die Orchesterakademie wurde erst 2020 gegründet und bringt Studenten aus China und dem Ausland zusammen. Vom Konservatorium und dem Zhejiang Symphony Orchestra erhalten sie eine stark praxisorientierte Ausbildung. In den fünf Jahren seit ihrer Gründung haben sie ein beeindruckendes Repertoire aufgebaut, darunter alle neun Sinfonien von Beethoven. Ihr Auftreten in Berlin ist daher mehr als ein Besuch bei einem europäischen Festival: es ist eine bewusste Vorbereitung auf das internationale Orchesterleben.

Nach den Auftritten unter der Säulengalerie hatte ich die Gelegenheit, mit dem Posaunisten Yu Fan und der Konzertmeisterin Danfeng Shen über das Orchester und das Programm zu sprechen. Auch der Pianist Sun Yutong gab mir einen aufschlussreichen Einblick in das Klavierkonzert, das er an diesem Abend spielen würde. Yu Fan wies darauf hin, dass chinesische Komponisten und Musiker ihre Musik zunehmend außerhalb Chinas hören lassen möchten: Das Orchester bringt in Berlin neben Bruckner auch zwei chinesische Kompositionen mit, um die zeitgenössische chinesische Musikkultur zu zeigen und gleichzeitig den Dialog mit der westlichen Tradition zu führen. Danfeng Shen betonte, dass der Aufenthalt in Europa für die jungen Musiker darüber hinaus mehr bedeutet als nur aufzutreten: Auch die Begegnung mit europäischen Kollegen, die Erfahrung des Konzerthauses und das Musizieren innerhalb eines internationalen Festivals nehmen sie nach China mit.

Aber besonders die darauffolgende Probe gab einen besonderen Einblick in die Arbeitsweise hier. Unmittelbar nach den Kammermusikauftritten begann die Orchesterprobe, und ich machte zum ersten Mal wirklich Bekanntschaft mit den beiden chinesischen Werken auf dem Programm. Der erste Eindruck war der eines reichen und intensiven Klangerlebnisses. Dirigent Zhang Yi wusste genau, welche Farbe er vor Augen hatte, und beriet sich bei der Akademischen Festouvertüre sorgfältig mit der Komponistin Zhang Ying. Passages wurden immer wieder gespielt, bis das gewünschte Gleichgewicht erreicht war. Yu Fan verglich dieses Zusammenspiel mit einem Puzzle: „Wir müssen das immer größer machen und schließlich das ganze Werk zusammenbringen." Was ich während der Probe sah, war daher keine unverbindliche Vorbereitung auf das Konzert, sondern eine diszipliniierte Suche nach dem richtigen musikalischen Ergebnis.

Eine farbenfrohe Ouvertüre

Dieser Einsatz zahlte sich abends sofort in der Aufführung der Akademischen Festouvertüre von Zhang Ying (°1983) aus. Das Werk war anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Zhejiang Conservatory of Music geschrieben worden und erlebte während dieses Konzerts seine deutsche Uraufführung. Der Titel bezieht sich selbstverständlich auf Brahms, aber musikalisch wählt Zhang Ying einen ganz eigenen Weg. Ihre Partitur ist aus verschiedenen ineinander verflochtenen Schichten aufgebaut und schöpft unter anderem aus chinesischen musikalischen Quellen.

Das Ergebnis liegt leicht im Ohr, ist aber keineswegs einfach. Hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit der melodischen Linien verbirgt sich eine sorgfältig aufgebaute Partitur, in der die verschiedenen Orchestergruppen ständig aufeinander reagieren. Es gibt Momente, die an die reichen Orchesterklangwelten von Carl Orff oder John Williams erinnern, aber Zhang Ying schreibt eindeutig eine eigene Sprache. Unter der Leitung von Zhang Yi erhält das Orchester ein klares Profil und die verschiedenen Instrumentalgruppen klingen besonders schön aufeinander abgestimmt.

Das Orchester setzt sich mit großer Überzeugung für das neue Werk ein: Das hört man nicht nur in den massiven Passagen, sondern auch in den vielen solistischen Momenten. Die instrumentale Beherrschung ist hier bemerkenswert groß und die Musik klingt frisch, selbstbewusst und wird mit sichtbarem Vergnügen gespielt. Was während der Probe noch ein Werk im Entstehen war, erweist sich während des Konzerts als eine Partitur, in der sich die jungen Musiker eindeutig zu Hause fühlen.

Eine Begegnung zwischen zwei musikalischen Welten

Mit Er Huang von Chen Qigang (°1951), der am 8. August seinen 75. Geburtstag feiert, erhält diese Begegnung zwischen Traditionen anschließend eine viel intimere und zugleich tiefere Form. Der Komponist wurde in China ausgebildet und zog 1983 nach Paris, wo er der letzte Schüler von Olivier Messiaen wurde. Seitdem bewegt sich sein musikalisches Leben zwischen China und Europa. In Er Huang kommen beide Welten hörbar zusammen: melodische Erinnerungen an die klassische Pekingoper werden mit einem Idiom verbunden, in dem der Einfluss von Messiaen nie weit entfernt ist. „Chinesische Musik kommt aus unserem Blut," erzählte mir Yu Fan an diesem Tag. Eine einfache Formulierung, aber sie erklärt sofort, warum diese Musik während der Aufführung so selbstverständlich wirkt.

Es ist eine faszinierende Partitur, und ehrlich gesagt war dies für mich die erste Begegnung mit Musik von Chen Qigang – eine Entdeckung, die sofort nach mehr verlangt. Besonders die Art und Weise, wie Klavier und Orchester zueinander finden, ist bemerkenswert. Sun Yutong beginnt mit einer sanften, feinfühligen Anschlagtechnik, wobei jeder Ton sorgfältig abgewogen wird. Anschließend entsteht ein Dialog mit den Kontrabässen, später übernehmen andere Streicher das Gespräch. Die pianistischen Passagen erhalten neben sich nicht nur eine begleitende Orchesterklangreflexion – es ist, als würde jede Orchestergruppe auf ihre eigene Weise auf das reagieren, was der Pianist erzählt.

Sun Yutong überzeugt dabei sehr: sein Engagement für das Werk ist in jeder Note hör- und fühlbar. Er beschränkt sich nicht darauf, das virtuos umzusetzen, was die Partitur verlangt, sondern scheint ständig über die musikalische Entwicklung nachzudenken. Zwischendurch tauchen Erinnerungen an die chinesische Musiktradition auf, die von den Streichern übernommen werden und sich manchmal zu mitreißenden Dialogen entwickeln. Auch die Orchesterpalette ist beeindruckend. In bestimmten Momenten platzt der Klang mit Becken, Glocken, Xylophon und Celesta auf, während das Klavier dabei völlig hörbar bleibt. Die großen Eruptionen erhalten dann wieder ein Gegengewicht in Passagen, in denen die Musik langsam dünner wird und schließlich fast zu verblassen scheint.

Gerade darin liegt die große Stärke von Er Huang: nichts klingt zufällig. Die Transparenz der Partitur, die sorgfältig abgewogene Orchestrierung und die Spannung zwischen der chinesischen melodischen Erinnerung und dem von Messiaen beeinflussten Idiom machen es zu einem besonders fesselnden Werk. Man wird davon sogar gerührt. Es ist Musik, die nicht versucht, zwei Kulturen gegeneinander zu stellen, sondern sie einfach zusammen erklingen lässt. Dass auch die Ausführenden darin vollständig mitgehen, macht das Erlebnis umso stärker. Sun Yutong beweist sich hier als ein engagierter Solist und das Orchester zeigt, dass es eine zeitgenössische Partitur mit großer Intensität und Feinfühligkeit angehen kann. Ich kann nur hoffen, dass Er Huang auch bei uns jemals auf einem Konzertprogramm erscheint.

Eine andere musikalische Landschaft

Nach der Pause folgt der große Sprung: von zeitgenössischer chinesischer Musik zur Zweiten Sinfonie von Anton Bruckner (1824-1896). Eine mutige Wahl für das Debüt bei Young Euro Classic, denn die Zweite gehört nicht zu Bruckners am häufigsten aufgeführten Sinfonien. Die jungen Musiker gehen die Herausforderung überzeugend an: praktisch jedes Detail ist hörbar, die Holzbläser leisten besonders starke Arbeit und auch die Kontrabässe bekommen eine schöne Rolle. Selbst die zweiten Violinen, die in vielen Aufführungen etwas in den Hintergrund treten, bleiben bemerkenswert präsent. Die Hingabe, mit der das Orchester diese Musik spielt, verdient bewundert zu werden.

Trotzdem bleibt nach der Aufführung eine gewisse Vorsicht. Nicht weil die Noten nicht da wären – im Gegenteil, praktisch alles ist vorhanden –, sondern weil der große musikalische Atem Bruckners weniger selbstverständlich zum Leben erwacht. Um Gustav Mahler zu paraphrasieren: das Wesentliche von Musik steht nicht ausschließlich in den Noten. Zhang Yi hält das Ganze fest in der Hand, aber seine Interpretation bleibt zu beherrscht. Der erste Satz, Moderato, wird bemerkenswert schnell genommen und auch das Andante bekommt wenig Raum für die meditativen, fast sakralen Qualitäten, die in dieser Musik stecken können. Bruckner muss absolut nicht langsam oder schwer gespielt werden, aber seine Musik muss atmen können.

Das wird besonders im Schluss des ersten Satzes und in der Finale spürbar, wo die Musik manchmal fast den Charakter eines Marsches bekommt, der zu einem allzu effektvollen Ende getrieben wird. Bruckner war Organist und seine Sinfonien haben, selbst wenn sie üppig und monumental werden, ein ganz eigenes Verhältnis zu Raum, Resonanz und Stille. Gerade diese Qualität sollte in einer nächsten Begegnung mit seiner Musik noch stärker gesucht werden.

Dabei hilft die gewählte Kammerorchesterbesetzung nicht immer: in manchen Momenten sind die Streicher dem Bläsergewalt gegenüber relativ begrenzt vorhanden, wodurch das Gleichgewicht weniger selbstverständlich wird. Auch die Wahl der Fassung von 1877 macht die Aufgabe nicht einfacher. Ich selbst bevorzuge die ursprüngliche Fassung, die Erstfassung von 1872, die mir reicher und spannender vorkommt und mehr Möglichkeiten für Kontrast und Entwicklung bietet. Die spätere Fassung, die hier aufgeführt wurde, verlangt daher umso mehr nach einer starken interpretativen Vision, die die großen Spannungsbögen aus einem klaren musikalischen Gedanken heraus zu tragen weiß. Genau da blieb diese Aufführung etwas zu sehr an der Oberfläche.

Es wäre jedoch ungerecht, diese Bruckner-Aufführung vor allem von dieser Kritik aus zu betrachten. Für ein junges Orchester, das sich in kaum wenigen Jahren einen großen Teil des klassischen und romantischen Repertoires angeeignet hat, bleibt es eine beeindruckende Leistung, diese Zweite Sinfonie so treffend umzusetzen. Der Unterschied zu den chinesischen Werken lag vor allem darin, dass dort eine starke künstlerische Beteiligung und eine selbstverständliche Affinität zum Idiom spürbar waren. Bei Bruckner war vor allem die sorgfältige Beherrschung des musikalischen Materials überzeugend; der nächste Schritt besteht darin, dort eine noch persönlichere interpretative Vision zu verbinden.

Das Publikum reagierte außergewöhnlich begeistert. Der Saal des Konzerthauses war bis oben hin gefüllt und wiederum fiel die auffallend junge Zusammensetzung auf, mit sogar sehr vielen Kindern. Nach den einzelnen Sätzen erklang bereits Applaus, was bei Bruckner ungewöhnlich ist. Vielleicht ist auch das ein Zeichen dafür, was Young Euro Classic erreichen möchte: Musik, die nicht als Museumsstück betrachtet wird, sondern als lebendige Erfahrung.

Auf dem Weg zu einer eigenen Stimme

Und genau darin liegt letztendlich der Wert dieses Konzerts. Der interessanteste Gegensatz war nicht der zwischen China und Europa, sondern der zwischen Musik, die ihre Stelle im internationalen Konzertsaal noch erobern muss, und einem Repertoire, das seit Jahrhunderten Teil der europäischen Tradition ist. In der Akademische Festouvertüre von Zhang Ying und besonders in Er Huang von Chen Qigang zeigte sich, wie reich zeitgenössische chinesische Musik sein kann, wenn sie von Musikern gespielt wird, die sie eindeutig von innen heraus verstehen.

„Wir müssen sie zusammenbringen," sagte mir Yu Fan über die zwei musikalischen Welten, die dieses Programm zusammenbrachte, denn „letztendlich leben wir in derselben Welt." Vielleicht ist das die schönste Zusammenfassung dieses Abends: Das Orchestra of the Zhejiang Conservatory of Music kam nach Berlin, um chinesische Musik erklingen zu lassen, aber auch um sich mit einem Repertoire zu messen, das außerhalb seiner eigenen Kulturtradition entstanden ist.

Dieses Konzert war eine Momentaufnahme einer jungen Generation, die volles Unterwegsein ist. Das technische Handwerk ist vorhanden, ebenso wie die Disziplin, die Neugier und der Enthusiasmus, um neue musikalische Welten zu entdecken. Was heute bereits stark überzeugte, war die Qualität dieser jungen Musiker. Aus dieser Qualität kann eine immer persönlichere musikalische Stimme entstehen. Und genau deshalb schmeckt dieses Konzert vor allem nach mehr.

Details

Wer
Orchestra of the Zhejiang Conservatory of Music o.l.v. Zhang Yi met Sun Yutong, piano
Wo
Konzerthaus, Berlin
Gesehen am
5 August 2026
Bildnachweis
MUTESOUVENIR / Kai Bienert, Werner De Smet
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