2006 führte Musikrezensent Erik Voermans ein Interview mit dem Komponisten Klaas de Vries. Dies anlässlich seines Chorwerks Stimmen-Engführung, ursprünglich vorgesehen für ein den Dichtern Friedrich Hölderlin und Paul Celan gewidmetes Musikfestival in Berlin. Der RIAS Kammerchor hatte das Werk in Auftrag gegeben, doch mangelnde ausreichende Probenzeit verhinderte die Aufführung. Es blieb bei Bedauerungen. Die Uraufführung fand jedoch bald darauf statt, in der Amsterdamer Concertgebouw am 21. Oktober 2006, durch Cappella Amsterdam unter der Leitung von Daniel Reuss im Rahmen der NTR ZaterdagMatinee. Jan Zekveld hatte am 1. März desselben Jahres Platz für Kees Vlaardingerbroek als künstlerischen Direktor gemacht.
Im Gespräch zeigte sich De Vries nicht von seiner optimistischsten Seite. Er fand es sehr schwierig, als Komponist in der Gesellschaft zu funktionieren. Dass überall daran herumgezerrt wurde, dass alles, was komplizierter war als ein Ausruf oder ein Einzeiler, sich verteidigen musste und dies auch in der Klassischen Musik deutlich zu bemerken war. Dann gab es die Orchester und Rundfunkanstalten, die absagten, mit der ZaterdagMatinee als großer Ausnahme. Selbst in den Zeitungen gab es viel weniger über niederländische Musik zu lesen als früher. Woher kam das? Wollten die Menschen diese Musik wirklich nicht mehr hören? War es Zaghaftigkeit? Er erhielt in den letzten Jahren Kompositionsaufträge hauptsächlich aus dem Ausland: ‚Mit meinen Stücken passiert in den Niederlanden ü-ber-haupt nichts.'
De Vries sah es auch bei dem, was er die ‚intellektuelle Elite' nannte. Schriftsteller und Essayisten, die sich auf große Themen wie Krieg und das Aufeinanderprallen von Kulturen konzentrierten, wobei es manchmal um Kunst ging, aber dann meist um Literatur und nie mehr um Musik. ‚Das war bei jemandem wie George Steiner anders. Aber die heutige Elite spricht über Popmusik. Ich finde, dass die Proportionen verloren gegangen sind. Vielleicht müssen wir wieder in den Untergrund gehen. Oder auf die Barrikaden.' So De Vries.
2013 fand ein Folgeinterview statt. De Vries, inzwischen 68, machte kein Hehl daraus: dass sein Publikum sehr klein war, selbst in der modernen Musik. Wenn er meinte, etwas sehr Zugängliches komponiert zu haben, stellte sich immer wieder heraus, dass er sich darin geirrt hatte, weil die Menschen es trotzdem zu schwierig fanden. Seine endgültige Schlussfolgerung: dass er für sich selbst komponierte, mit der einzigen für ihn dabei relevanten Frage: funktioniert es? ‚Aber selbst wenn es funktioniert, ist das noch keine Garantie für Erfolg. Wenn du Erfolg haben willst, musst du in die Richtung von Einaudi gehen, aber ich weiß nicht, ob das noch etwas mit Musik zu tun hat.'
Auf dem neuen Album Two Sonatas laufen mehrere Wege zusammen. Zum einen ist da Jan Zekveld, der Initiator, der zur Einleitung Folgendes über die Klaviersonate von Klaas de Vries erzählt:
‚Die Klaviersonate von Klaas de Vries lag mehr als dreißig Jahre lang in meinem Schrank. Einmal hatte der englische Pianist Rolf Hind auf Anfrage der BBC eine Aufnahme für ein Projekt gemacht, das in Three great pianosonatas of our century mündete, nicht weniger als das. Die anderen Stücke [waren] von Carter und Barraqué. Klaas schien sein Interesse an der Sonate, die in der niederländischen Klavierliteratur ihresgleichen nicht hat, im Laufe der Jahre fast verloren zu haben. Es hätte ja niemand spielen können, weder interpretatorisch noch technisch. Der erste Satz mit seinen wundersamen Pausen, der zweite mit seinen Kaskaden von Figuren, bis zur äußersten Steigerung von Dynamik und Tempi, eine Hölle.
Die Sonate reizte mich weiterhin und als ich Pianist Bobby Mitchell begegnete, versäumte ich nicht, das Stück unter seine Aufmerksamkeit zu bringen. Er erklärte sich nach sorgfältiger Überlegung sogar bereit, es spielen zu wollen, dachte, dass er dafür ein Jahr bräuchte.
Während dieser Zeit gab es unzählige Sitzungen und Proben mit dem Komponisten, Takt für Takt jedes Detail minutiös durchgegangen, das Wie und Warum jeder Note durchleuchtet, die kleinste Nuance abgewogen. Auch in Klaas' Geist kam die Klaviersonate in all ihrer Extremität wieder zum Leben. Darüber hinaus war mir nie bewusst geworden, wie sehr dieses Stück für den Komponisten ein nicht weniger extremes Modell gehabt hatte, Beethovens letzte Klaviersonate op. 111. Wie visionär, zeitgemäß, bis zum heutigen Tag. Und dort wurde meine Idee geboren, beide Werke mit einem besonders originellen und unkonventionellen Musiker aufzunehmen, Bobby, der sich darüber hinaus in beiden Bereichen auskennt, dem modernen Konzertflügel für De Vries und dem Hammerklavier für Beethoven. Gerade die Wahl eines Klaviers aus Beethovens Zeit, ein Conrad Graf von ca. 1827, konnte noch deutlicher machen, fast greifbar, wie sehr der Komponist die äußersten Grenzen seines Instrumentariums und Spielers herausfordert. In diesem Kontext wollte ich die Klaviersonate von Klaas de Vries zum Klingen bringen.'
Für diejenigen, die jene turbulenten, wenn nicht wilden Zeiten nicht oder kaum mitgemacht haben: Über Jan Zekveld und die vielen Rollen, die er im Musikgeschäft gespielt hat, gibt es im Internet viel zu lesen, besonders in der de Volkskrant und Trouw. In der NRC wurde er als ‚eigenständig, kreativ und kompromisslos' charakterisiert, dieser sehr erfolgreiche künstlerische Leiter der ZaterdagMatinee von 1983 bis 2006, mit einer Unterbrechung von einigen Jahren, in denen er künstlerischer Direktor des Koninklijk Concertgebouworkest war, wo er 1996 abtrat.
2006 verließ Zekveld die ZaterdagMatinee. Sein Nachfolger, Kees Vlaardingerbroek, betrat bei seinem Antritt am 1. März 2006 ein gut vorbereitetes Bett, denn die Programmierung für die Saison 2006-2007 war bereits unter Zekveld zustande gekommen. Die Bilanz zu diesem Zeitpunkt: über 1300 Matinees, von denen Zekveld fast die Hälfte programmiert hatte. In diesem letzten Jahr hatte Zekveld die bereits erwähnte Stimmen-Engführung von Klaas de Vries programmiert.
Zekveld ist in die vaterländische Musikgeschichte vor allem als künstlerischer Leiter und Programmierer eingegangen, in welchen Funktionen er vielen Organisationen und Instituten (darunter auch das Muziekcentrum für den Rundfunk) gedient hat. Weniger bekannt sind seine Auftritte als Pianist, auch zusammen mit Klaas de Vries als Pianoduo in der Zeit 1965-1972. Two Sonatas gilt als Hommage an diesen alten Studienkollegen zu dessen achtzigsten Geburtstag.