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Rezensionen

Die Zukunft hat eine Vergangenheit

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· 5 Min. Lesezeit
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Die Zukunft hat eine Vergangenheit

Sie ist picture perfect und kann gekonnt mit vier Saiten umgehen. Was braucht ein Meloman dann überhaupt noch mehr, um nach Hasselt zu eilen? Eine abwechslungsreiche Playlist mit neben Bach und Philip Glass auch Arvo Pärt, Uno Helmersson und einem gewissen Peter Gregson trägt in jedem Fall zur Spannung bei. Bericht über einen Timelapse zwischen Barock und Minimalismus auf der dritten Ausgabe des Nordic night(s) Festivals.

Keeping classical music in the mix at the forefront of contemporary art: Es ist ein edles Anliegen, das Mari Samuelsen gerne mit ihren zierlichen Schultern unterstützt. Aber wie macht man das dann? Im Fall der norwegischen Violinistin, indem sie bewusst eine Brücke zu Musik aus Filmen und populären Fernsehserien schlägt und sich von zeitgenössischen Komponisten wie Ólafur Arnalds, Jóhann Jóhannsson und Max Richter inspirieren lässt. Mit einem vagen Containerbegriff werden die musikalischen Windungen dieser Herren zur Post-Klassik gezählt. Dünne Streicher, quasi-improvisatorische Pianorillen und eine großzügige Portion Elektronik liefern den idealen Soundtrack für diejenigen, die Atmosphäre und Stille suchen. Das Album Nordic Noir, das Samuelsen im vergangenen Jahr auf dem Decca-Label veröffentlichte, passt perfekt in dieses Bild. Es wurde sofort in die Spitze der norwegischen Hitlisten katapultiert. Aufnahmen mit klassischer Musik, die bei einem breiteren Publikum gut ankommen: Sie sind selten und daher zu schätzen.

Auf Nordic Noir figurieren Komponisten wie Uno Helmersson und Arvo Pärt, die auch auf der vielfältigen Playlist des heutigen Abends standen. Dennoch war das Konzert alles andere als eine einfache Wiederholung dessen, was Sie und ich auch zu Hause auf CD hätten hören können. Natürlich durfte Helmerssons fesselnder Timelapse nicht fehlen. Es ist der Hit des Albums und nach Samuelsens eigenen Aussagen auch ihr Lieblingslied. Kein Wunder also, dass es auch noch einmal als Zugabe gespielt wurde. Aber ansonsten waren es alles Nummern, die nicht auf der Platte zu finden sind. So eröffnete Samuelsen, allein im intensiven Scheinwerferlicht, mit der berühmten Chaconne von Bach. Schon ein unerwarteter Anfang. Wer sich auf anderthalb Stunden Easy Listening eingestellt hatte, wurde also schnell enttäuscht. Paradoxerweise ließ unsere anmutige Blondine es alles so mühelos aussehen. Ihre Finger huschten auf magische Weise über die Saiten. Eine durchdachte Artikulation behinderte niemals den natürlichen Fluss des Stückes. Und was kann man über den sublimen Klangkörper sagen, den Samuelsen aus ihrer Duke of Edinburgh Stradivarius hervorbrachte. Nackt und gleichzeitig so komplex: Dies ist Barockmusik, die Welten vom Minimalismus entfernt ist, der noch folgen würde.

Einsamer Engel

Speziell für diese dritte Ausgabe von Nordic night(s), einem viertägigen interdisziplinären Kunstfestival, das den kulturellen Dialog zwischen dem Norden und unserer Region intensivieren möchte, brachte die CCHA Mari Samuelsen mit Casco Phil in Kontakt. Das belgische Kammerorchester unter der Leitung von Ben Haemhouts feierte Anfang dieses Jahres seinen zehnten Geburtstag und begleitete aufmerksam, einschließlich delikater Phrasen, Sinn für Ausdruck und vor allem ein feines Ohr für dynamische Nuance. Ein frühes Highlight war auf diese Weise das hypnotisierende Echorus von Philip Glass (1995) – einer von Samuelsens Lieblingskomponisten – in dem sie zusammen mit Konzertmeister Maximilian Lohse und dem Ensemble einen sich immer intensiver werdenden Paarungstanz aufführte. Eine ähnliche mehrstimmige Verflechtung, wenn auch in einer etwas intimeren Dimension, ereignete sich auch während der Aufführung von Bachs fünftem Präludium und Fuga aus dem ersten Buch des Wohltemperierten Klaviers (BWV 850) und der darauffolgenden Invention (BWV 784). Aber der erste echte Gänsehautmoment lag bereits hinter uns. Dafür zeichnete ein gewisser Peter Gregson verantwortlich: ein schottischer Cellist Anfang dreißig, der kürzlich die Suiten von Bach in ein kühnes neues Gewand steckte, sich aber auch nicht zu schade ist, selbst Stücke zu schreiben. Sein Sequence (Four), in dem Samuelsen bemerkenswerterweise die magnetisierende Rolle des Synthesizers übernahm, bleibt durch die gefühlvolle Art, wie Casco Phil seinen Auftritt machte, im Gedächtnis. Kommt repetitive Ambient durch die Natur der Sache manchmal kalt und berechnet rüber, so war dies hier ganz und gar nicht der Fall.

Skandinavier haben kein Monopol auf nordische Musik. "Man hört die Wesensmerkmale zum Beispiel auch in der Arbeit von Komponisten aus den baltischen Staaten […]". Samuelsen illustrierte ihre Worte aus dem Programmheft mit Werken des Letten Pēteris Vasks und des Esten Arvo Pärt. Lonely Angel (2006), Vasks poetische Meditation für Violine und Streichorchester, verbindet gespenstisches Grübeln mit zeitloser Einfachheit und wurde nicht nur sehr verhalten gespielt, sondern auch feinfühlig begleitet. Eine ähnliche spirituelle Losgelöstheit klang teilweise auch in Fratres (1977) an, obwohl Pärt durch die Gaußsche Anordnung seiner genialen Variationsreihe die Musiker ausdrücklich dazu auffordert, auf einen energiegeladenen Höhepunkt hinzuarbeiten. Durch die Kombination aus geschmeidiger Bogenstrichführung und schneidender Tonbildung wurde die Spannung mehrfach erhöht. Ebenso faszinierend war es festzustellen, wie das Ensemble nach und nach die Ruhe wiederfand. "Fratres is a work I feel very close to. It's under my skin", bezeugt Samuelsen. Und nach dieser Interpretation vermutlich auch bei vielen Zuhörern.

Das Konzert endete mit Jóhann Jóhannssons Good Night, Day: ein melancholischer Abschluss und gleichzeitig eine ergreifende Würdigung des Isländers, der in diesem Jahr unerwartet verstorben war. Das Publikum dankte den Musikern mit einer stehenden Ovation. (Post-)Klassik hat eine aufregende Zukunft. Und eine ebenso mitreißende Vergangenheit. So viel steht nach diesem Abend sicher fest.


  • WAS: Nordic Noir + minimalistic baroque – Werke von unter anderem Jóhann Jóhannsson (1969-2018), Philip Glass (°1937), Uno Helmersson (°1977), Peter Gregson (°1987) Arvo Pärt (°1935) und … Johann Sebastian Bach (1685-1750).
  • WER: Mari Samuelsen (Violine) | Casco Phil u.L.v. Ben Haemhouts
  • WO: Kulturzentrum Hasselt (CCHA)
  • WANN: Freitag 26. Oktober 2018 – im Rahmen von Nordic night(s), dritte Ausgabe des multidisziplinären Festivals zur Ehre des (Hohen) Nordens
  • FOTORECHT: © Kaja Bruskeland & Tom Herbots

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