Wer möchte denn ein Recital mit Dichterliebe von Robert Schumann verpassen? Einer seiner schönsten Liedzyklen. Und wer möchte Ian Bostridge verpassen, der ihn singt? Einer der besten Liedersänger des Augenblicks. Und wer möchte Brad Mehldau verpassen, der ihn am Klavier begleitet? Das ist doch eine ganz andere Frage. Ein Jazzpianist! Diese beiden zusammen in einem Liedrecital? Wie diese Kombination zustande kam, war ein Glückstreffer. Sich treffen, über Musik sprechen und über Schumann. Es entstand ein grenzüberschreitendes Projekt. Dichterliebe inspirierte Komponist Mehldau auch noch dazu, einen eigenen Liederzyklus für seinen Freund und Tenor Bostridge zu komponieren: The Folly of Desire. Also zusammen auf der Bühne. Der Amerikaner, wie immer sehr ernst, mit tiefgerunzelter Stirn an seinem Klavier, der Engländer, zerzaustes Haar und jungenhaft lässig. Für Folly of Desire, über die Torheit und vor allem die Grenzen der Sehnsucht, suchte Mehldau Texte zu dieser harten Thematik bei Dichtern wie William Blake, Shakespeare, Yeats und Cummings, aber auch bei Goethe und Brecht. Bostridge sang sie sehr artikuliert und so konnte man deutlich hören, wie eng die "MeToo"-Problematik bei dieser Textauswahl zentral stand. Bei Cummings z.B. "The boys I mean are not refined, they go by girls who buck and bite, they do not give a fuck for luck, they hump them thirteen times a night."
Und die Musik? Das ist schwerer zu situieren, muss auch nicht sein, sie klingt beinahe abstrakt und er spielt sie scheinbar unbewegt. Nur in Lullaby, auf einem Gedicht von W.H. Auden, konnte man noch gut die amerikanischen Wurzeln von Mehldau hören, fast wie eine jazzy Ballade.
Mit gleicher Ernsthaftigkeit begannen sie dann mit Schumanns Dichterliebe. Musikalisch doch eine ganz andere, romantische Farbpalette, aber textuell ebenso von der Tragik von Liebe und Leid. Bostridge klang oft hart und theatralisch, Mehldau eher gleichmäßig, mit verhaltenem Gefühl. Mit diesen Liedern will ich Menschen ergreifen, sagt er, und bin selbst auch ergriffen, wenn ich sie spiele. Eine solche Klavierpartitur ist für ihn eine Goldader zum Erkunden, mit sparsamen Noten und vielen Pausen und diese verhaltenen Intros und lange, stimmungsvolle Ausklänge liegen ihm perfekt. Die Begleitung dieses Liederzyklus allein ist schon ein Juwel für sich. Meisterhaft. Als Zugabe spielte das Duo glänzend ein paar Standards aus The American Songbook, mit Bostridge umgeschult zum Crooner, der Frank Sinatra in jenem weichen Song über "…. The wee small hours of the morning" in den Schatten stellte.
Ein eigenes Klavierkonzert
Zusammen mit dem Belgian National Orchestra brachte Brad Mehldau am nächsten Tag in belgischer Erstaufführung sein Klavierkonzert. Aber zunächst hörten wir eine Auswahl aus den Klavierpréludes von Claude Debussy. Werk eines Impressionisten, für Orchester bearbeitet von Spezialist Luc Brewaeys. Und das klang nicht nur befremdend in der Klangfarbe, sondern war voller wunderschöner Instrumentationseffekte.
Man könnte sagen, dass Mehldaus Klavierkonzert auch impressionistisch beginnt, aber schnell evoluziert es zu jenem typischen offenen amerikanischen Klang, der dich an Aaron Copland denken lässt, besonders bei den Bläsern. Und die Partitur für die Streicher erinnert dich an jene breiten Arrangements aus der Filmmusik. Und darin spielt Mehldau in seinem unnachahmlichen Stil, nicht virtuos, sondern sehr meditativ, Konstruktionen bauend mit einfachen Motiven, bedacht wie auch Thelonius Monk das so schön konnte. Einmal im Dialog mit der Harfenistin, dann wieder ein jazziger Lauf, viel Platz für das Orchester lassend und Fetzen, die ihn mit der Welt der klassischen Musik verbinden sollen.
Natürlich wieder stehende Ovation, endend in virtuosen Zugaben, auch mit jenem unvermeidlichen Blackbird aus seiner kürzlich erschienenen Beatles-CD.
Ein Spezialfall: Jazzman Brad Mehldau solo.
Am Samstag war der Saal wirklich vollgestopft diesmal, jung und alt. Sollte es denn doch mehr Jazzfans geben als Liebhaber der klassischen Musik? Aber ja, es geht um den Star, den "artist in residence", denn das Klara Festival machte ein dreitägiges Event daraus. Wie glücklich musst du denn nicht sein. Es zeigt seinen Starstatus, wie bescheiden er auch aussieht, auch in der Art und Weise, wie er sich demütig über die Tasten seines Klaviers beugt. Es ist ein schreibender Intellektueller, der mit breiter Neugier seinen eigenen Weg im pianistischen Universum sucht, langsam aus dem Jazz-Idiom herauswachsend oder dieses eher erweiternd? Er improvisiert problemlos durch eine Reihe von eigenen Kompositionen, u.a. einem wunderschönen Waltz for JB aus einem früheren Album. Aber er schöpft z.B. auch aus den Chansons von Leo Ferré, in denen die traurige Stimme dieses Franzosen melancholisch durchklingt. Und natürlich auch aus dem Repertoire der Beatles, der Fab Four aus seiner neuesten CD, und dann auch noch aus der Suite, die er während des Lockdown machte, mit u.a. jenem aussagekräftigen Titelsong "Remembering before all this." Brad Mehldau scheint sich an keinen Stil gebunden zu fühlen, nur interessiert in der Vielfalt der Klänge, die aus einem Klavier herauszuholen sind. Und besonders mit jenen hohen Noten ganz rechts und jenen dunklen ganz links, die auf dem Tastenboard zu finden sind. Vielleicht eine Enttäuschung für diejenigen, die kamen, um eine Reihe angenehmer Jazz-Standards zu hören. Nein, Mehldau erforscht besessen sein eigenes musikalisches Gehirn. Aber wenn er dann mit reiner Bluegrass-Musik aufwartet, hörst du wieder den brillanten Jazzpianisten am Werk. Auch wenn er Jimmy Hendrix, David Bowie, Bob Dylan und ja sogar Georges Gershwin spielt. Zweifellos immer noch ein ausgezeichneter improvisierender Jazzmusiker, der sein Publikum einmal sparsam, dann wieder rasendsnel über die Grenzen des Jazz hinweg mitnimmt.
WER: Brad Mehldau solo und mit Tenor Ian Bostridge; The Belgian National Orchestra unter der Leitung von Clark Rundell.
WAS: Brad Mehldau, The Folly of Desire und Pianoconcerto; Robert Schumann, Dichterliebe (opus 48); Claude Debussy, Auswahl aus Préludes, in einer Bearbeitung von Luc Breaeys.
WO: Klarafestival, Henry Le Boeuf zaal, BOZAR
WANN: 23.-24.-25. März 2023