Das alte Zentrum von Leuven wurde Mittwochabend kurzzeitig durch rhythmisches Hämmern und die Verwendung einer schweren Schleifscheibe aufgeschreckt. Es wirkte, als würde die stattliche Sint-Geertruikerk unter dem Vorschlaghammer fallen. Aber in Wirklichkeit klang dort das Großes Duett für Cello und Klavier von Galina Ustvolskaya, aufgeführt im Rahmen von Festival 20·21.
Die Russin Ustvolskaya (1919-2006) verdankt ihren Ruhm einer raffinierten Version des Individualismus, der durch ein selbstgewähltes Einsiedlerdasein und kompromisslose Beziehungen zu anderen geprägt zu sein scheint. Ihr komplexer Charakter wurde auch durch den Komponisten Dmitri Schostakowitsch geprägt, bei dem sie Komposition studierte. Er lobte sie für ihre absolute Ehrlichkeit und bewunderte sie letztendlich so sehr, dass er ihr regelmäßig unvollendete Kompositionen zur Beurteilung schickte. Später verwendete er auch Material aus ihrem Klarinetttrio in seinen eigenen Werken (u.a. im Fünften Streichquartett). In einem Brief an sie schrieb er, dass sie nicht von ihm beeinflusst worden war, sondern umgekehrt. Er hat sie mindestens einmal zum Heiraten aufgefordert – vergeblich.
Wie fast alle ihre russischen Kollegen litt Ustvolskaya nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst unter den Anforderungen der sowjetischen Machthaber. Diese hatten in einer Resolution festgelegt, dass Komponisten Musik schreiben mussten, die Heroismus und Fortschritt ausstrahlte – also ein musikalischer Pep Talk für die Arbeiterklasse. Von außen wirkte es, als würde sie dieser Forderung nun und dann nachgeben. Ihre wahre Natur entfaltete sich erst in der „Tauwetterperiode" der sechziger und siebziger Jahre. Nach einer Phase spiritueller Reinigung wählte sie konsequent ihren eigenen Weg. Ihr Einsiedlerdasein ermöglichte es ihr, alle äußeren Einflüsse auszuschließen. Zurück blieb eine rohe, durchlebte Reinheit, bestehend aus Klangexplosionen, harten Schlägen, Lawinen von Akkordclustern, aber mit der Präzision messerschaft Laserstrahlen. Fortissimo mit schwindelerregenden Ausblicken gegenüber extremen Pianissimi von beruhigender Intimität sichern ein einzigartiges Drama, original und unmittelbar erkennbar.
Das flämische Trio Khaldei stand gestern Abend vor der Herausforderung, das Großes Duett für Cello und Klavier so erklingen zu lassen, wie es sein muss – hart und unerbittlich, aber auch sanft und mysteriös. Auf ausdrückliche Anweisung der Komponistin hatten sich die beiden Musiker auf „größtmögliche" Entfernung voneinander auf der Bühne installiert. Die Interpretation der Pianistin Barbara Baltussen und des Cellisten Francis Mourey zielte darauf ab, das Duett so sehr wie möglich wie einen Streit erklingen zu lassen. Moureys Wutausbrüche – seine Füße stampften mit – grenzten an Hysterie. Er wechselte seine Bögen pro Register wie Stichwaffen. Baltussen setzte unmenschliche Kraft ihrer Unterarme ein, um mit dröhnenden Klangblöcken und donnernden Clustern ihr Recht durchzusetzen. Es war Hochleistungssport.
Eine andere Form von Hochleistungssport, diesmal im Teamverband, zeigte Trio Khaldei in Ustvolskayas Klarinetttrio, mit Benjamin Dieltjens auf Klarinette. Der Eröffnungsteil Espressivo wird oft als politische Metapher interpretiert. Eine suchende Melodie auf Soloklarinette wird durch ein unheilvolles Motiv im Klavier unterbrochen, das seinerseits zu zunehmender Dissonanz führt. Geiger Pieter Jansen und Klarinettist Dieltjens machten geschickt Eins-zwei-Kombinationen innerhalb der Polyphonie, in der die einzelnen Teile sich imitieren, umwickeln und kommentieren. Besonders in Dolce spielte Dieltjens mit angenehmer Wärme, unterstützt durch doppelte Register in der Violine und seidig Fragmente im Klavier. Trio Khaldei und Benjamin Dieltjens zeigten, dass Ustvolskaya auch Zusammenspiel zu großer Höhe bringen kann, etwas, das unter der Gewalt ihrer anderen Kompositionen etwas aus dem Blickfeld zu geraten droht.
Die Programmgestalter dieses Konzerts – mit dem wunderlich anmutenden Titel Genadeloos – haben sich entschieden, mit Bartóks Klänge der Nacht (aus Im Freien) für Klavier zu beginnen, eine träumerische Geschichte über eine Sommernacht in freier Natur. Es wurde ohne Unterbrechung zwischen den Werken von Ustvolskaya wiederholt. Dadurch wechselte das Hörerlebnis: erst als Präludium, dann als Zwischenspiel und schließlich als Verlängerung des Klarinetttrios. Dasselbe Stück aber immer in verändertem Kontext. Glaube es oder nicht: du hörst immer etwas anderes.
WAS: Genadeloos, Festival 20·21
WER: Trio Khaldei (Barbara Baltussen [Klavier], Pieter Jansen [Violine], Francis Mourey [Cello]), Benjamin Dieltjens [Klarinette]
WO: Sint-Geertruikerk, Leuven
WANN: Mittwoch, 27. September 2023




