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Rezensionen

Glänzende 'Faust' von Ballet Vlaanderen

V
· 8 Min. Lesezeit
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Glänzende 'Faust' von Ballet Vlaanderen

Ballet Vlaanderen bekommt Uraufführung: zum ersten Mal darf dieses moderne und innovative Meisterwerk von einem anderen Ensemble als dem monegassischen Haus aufgeführt werden.

Faust entstammt dem Geist des deutschen Autors Johann Wolfgang Goethe. Die Geschichte ist inspiriert von dem Alchemisten des 16. Jahrhunderts und Praktiker der schwarzen Magie, Johann Faust, einem ehrgeizigen Gelehrten, der im Austausch für unbegrenztes Wissen und weltliche Freuden seine Seele dem Teufel (Mephistopheles) verkaufte und die von dieser Person abgeleitete Faust-Legende.

Goethe konnte sich schwer mit der klassischen und christlichen Lehre abfinden und vertrat für seine Zeit eine unkonventionelle Denkweise. Das Faust-Motiv hat sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem wichtigen Motiv in der westlichen Literatur entwickelt und brachte viele literarische, künstlerische, filmische und musikalische Werke hervor. Das Adjektiv „Faustian" impliziert eine Situation, in der eine ehrgeizige Person, bar jeder Integrität, ihr Ziel in ihrer Suche nach Wissen und Erkenntnissen erreichen will und dabei die Grenze überschreitet.

Maurice Béjart, Sohn des Philosophen Gaston Berger, beschäftigte sich gerne mit Spiritualität, Religionen und Philosophie. Mit diesem Rüstzeug schuf er 1964 das Ballett Faust auf Musik von Hector Berlioz, in dem der ambivalente Geist des Menschen im Mittelpunkt steht. Choreograf Jean-Christophe Maillot wagte sich einige Jahrzehnte später auch an dieses schwierige und fesselnde Thema, entschied sich aber für Eine Faust Symphonie von Franz Liszt und sein Bruder Bertrand Maillot komponierte noch eine zusätzliche Einleitung. Das Werk wird live vom Antwerp Sympony Orchestra unter der Leitung von Dominic Grier aufgeführt.

Choreograf Jean-Christophe Maillot

Jean-Christophe Maillot ist der aktuelle künstlerische Direktor von Les Ballets de Monte-Carlo, ein Name mit Widerhall in der Tanzwelt. Er hat über achtzig Werke zu seinem Namen: von großen erzählenden Balletten bis zu kürzeren Choreografien. Ein reiches Oeuvre, das die Vielfalt, aber auch die Tradition des Tanzes umfasst. Seine Ballette werden weltweit von den wichtigsten Häusern aufgeführt. Mit dem abendfüllenden Ballett Faust aus 2008 brachte Jean-Christophe Maillot nicht nur eine Hommage an Maurice Béjart, er gewann damit in jenem Jahr auch den prestigeträchtigen Prix Benois de la danse für beste Choreografie. Das Ballett wurde sofort einer der Aushängeschilder von Les Ballets de Monte-Carlo. Choreograf Jean-Christophe Maillot erhielt kürzlich den Life Time Achievement Award, einen der renommiertesten Preise in der klassischen Ballettenwelt, für seine umfangreiche Karriere. Seine Arbeit zeigt jedes Mal eine einzigartige Mischung aus Showmanship, Aufrichtigkeit und künstlerischer Virtuosität.

Ballett Faust

In Liszts Faust-Symphonie finden wir, genau wie bei Goethe, drei Hauptfiguren: Mephistopheles, Faust und Marguerite. Maillot fügte eine vierte Figur hinzu: den Tod, für den er eine visuelle Identität schafft. Eine schwarze androgyne Figur mit eleganten langen Fingern wie Tentakeln. Eine fesselnde Figur. Er schuf diese Rolle maßgeschneidert für die belgische Ballettstarsébastien Tassin. Sie begann ihre Weltkarriere in Antwerpen. 1991 wechselte sie zu Les Ballets de Monte-Carlo unter der künstlerischen Leitung von Jean-Christophe Maillot. Die Begegnung mündete in eine künstlerische Partnerschaft, die mehr als zwanzig Jahre andauerte. Jetzt war sie für die Einstudierung bei Ballet Vlaanderen zuständig. Hier verkörpert Drew Jacoby abwechselnd mit Nini de Vet diese fesselnde Rolle, Principal Nancy Osbaldeston tanzt abwechselnd mit Juliet Bernett die Rolle der Marguerite, Faust ist ein Steckenpferd von Principal Wim Vanlessen und Claudio Cangialosie und Méphistopheles: Sébastien Tassin.

Inszenierung

In der Eröffnungsszene ist eine gigantische Sanduhr zu sehen. Die Zeit, die wie Sand zwischen unseren Fingern entgleitet. Auch das zarte Silhouet eines liebreizenden Mädchens. Haben wir noch eine Fülle von Zeit, oder wird die Zeit, die uns bleibt, quälend subjektiv? Bertrand Maillot komponierte einen schaudererregenden Sound für die Eröffnungsszene, beeindruckend und bedrohlich. Der Tod schreitet diagonal langsam über die Bühne. Nicht der Mann mit der Sense, sondern eine mysteriöse Figur. Keuchende Geräusche ertönen, wie der heiße Atem des Todes im Nacken jedes Sterblichen. Der Sound transformiert sich allmählich in eine Kombination aus elektronischen Klängen und Fragmenten der symphonischen Partitur von Liszt. Acht Männer tanzen zu zweit, als die Verbindung von Geist und Körper, bewegen sich in koordinierten Strukturen. Sie werden von Teufeln bedrängt, angeführt von Mephistopheles. Diese weichen kurz vor dem herannahenden Tod zurück, aber ihr Trieb, Menschen in ihre Gewalt zu bringen, gewinnt die Oberhand. Die Tänzer schöpfen sozusagen die Vibration aus der Musik. Die Beleuchtung ist phänomenal: verändert sich ständig in Kreisen, Quadraten, Trapezen, die die Handlung zentralisieren. Die Teufel nähern sich den Männern, reißen die Paare, eine Zweiheit, auseinander. Die Verlockungen des Mephistopheles sind zunächst erschreckend für Faust, aber die Aussicht auf Macht und Vergnügen ist zu groß. Der ewige Konflikt zwischen Gut und Böse. Der Teufel, gefräßig und manipulierend, bringt sogar einen riesigen Thron mit, als Symbol der Macht, und bald entsteht ein Riss im Widerstand. Faust weicht nach. Später wird ihm die Rechnung präsentiert. Der Himmel auf Erden wird Faust präsentiert. Er darf aus einer Fülle von schönen, liebreizenden Mädchen wählen, gekleidet in hauchfeine Kleidchen mit einem Kreuz vorne als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Faust begehrt Marguerite.

Im zweiten Teil geschieht das Unvermeidliche. Links hängt ein Baum kopfüber mit einem Apfel am äußersten Ast. Das Irdische Paradies revisited. Ein surrealistisches Bild, das Werke von Magritte oder Dalí hervorruft. Marguerite ist davon sehr fasziniert. In dem Moment, in dem sie den Apfel pflücken will, erhebt sich der Baum in die Höhe. Unerreichbar. Das Schicksal, der Fluch von Adam und Eva wird kurzzeitig aufgeschoben. Rechts steht ein riesenhohes Kreuz, die geistige Grundlage von Gut und Böse, mit einem Bett darunter. Was an dieser Aufführung so schön ist, ist der Wechsel zwischen Gruppenszenen und dem Spiel zwischen zwei zentralen Figuren auf dieser immensen Bühne: Faust und Mephistopheles, Faust und Marguerite oder Marguerite und der Tod. Doch stehen sie nie verloren im Raum, weil ihr Spiel so intensiv und fesselnd ist. Mephistopheles bringt Faust mit Siebenmeilenstiefeln zur Aktion oder führt ihn weg, so als würde er Zeit und Raum beherrschen. Die Detaillierung ist erstaunlich. Der Tod ist ein permanenter Begleiter, regiert von ferne unser Tun und Lassen. Marguerite sitzt auf dem Bett und der Tod steht zentral auf der Bühne. Der Tod gibt Bewegungen vor, die wie Elektroden in Wellen durch den Raum von einer Person zur anderen gehen. Wie eine Marionette wird Marguerite bespielt. Oder anders: Der Tod beobachtet, steht selbstbewusst und sinnlich da, ein Bein leicht gebogen, der Oberkörper leicht gedreht, ein Arm in der Seite. Verführerisch wie eine Diva, um im rechten Moment zuzuschlagen, tödlich wie die schwarze Witwe. Dann geschieht das Unvermeidliche. Von Faust hochgehoben will Marguerite den Apfel pflücken. Sie kommen gerade zehn Zentimeter zu kurz, und dann kommt Mephistopheles zur Hilfe und hebt beide. Der Apfel ist gepflückt. Das Unvermeidliche ist geschehen. Hier wendet sich die Aufführung. Faust und Marguerite tollen wie verliebte Teenager über die Bühne, der Tod und Mephistopheles tanzen in euphorischen parallelen Bewegungen. Der Tod und Mephistopheles messen ihre Macht: sind manchmal Rivalen, dann wieder Kumpanen. Marguerite wird schwanger. Das Kreuz liegt gefallen gegen die Kulisse. Eine ratlose Marguerite verliert ihr ungeborenes Kind. Das ganze Kreuz färbt sich wie in einer Flutwelle rot, auch das Kreuz auf ihrem Kleid.

Als der Vorhang für den dritten Teil aufgeht, steht zentral ein weißer rechteckiger Tisch und an den zwei Seiten stehen Reihen weißer Stühle in Reihen aufgestellt. Wo haben wir das schon gesehen? Es gibt mehrere Anknüpfungspunkte: Ravels Bolero, während der Aktion auch Bilder aus Cabaret. Wir sind in einem Freudenhaus angekommen. Ein orgastisches Fest entrollt sich vor den Augen des Zuschauers: Es wird kopuliert, dass es eine Lust ist, in allen möglichen Variationen: Paare treiben es miteinander, Gruppensex, Analsex. Eine dämonische Szene, in der Dämonen und Menschen ihre Lust in einem hedonistischen Gemälde ausleben. Der Tod saugt Mund an Mund das Leben aus Faust. Die Schuld ist bezahlt. Die Aufführung endet mit einem ikonischen Bild. Eine meterhohe leuchtende Leiter fährt nach unten und der Tod klettert langsam nach oben: Stairway to Heaven. Aufgabe erfüllt. Der Tod hat immer das letzte Wort.

Maillot beschränkt sich nicht auf einen Stil. Diese Choreografie ist ein Dialog, in dem traditionelle Spitzentechnik und Avantgarde miteinander interagieren, gepaart mit starken Schauspielleistungen. Glänzend und reich gestaltet auf ganzer Linie.

„Faust" eine kraftvolle, teuflisch intelligente, intellektuelle und tänzerische Aufführung. Das zweite Ensemble hielt das Publikum zwei Stunden lang in seinen Bann mit diesem beeindruckenden Meisterwerk und wurde mit minutenlangem Stehen applaudiert. Das Hauptensemble mit Wim Vanlessen als Faust und Nancy Osbaldeston als Marguerite wird vielleicht eine intensivere und nuanciertere Interpretation ihrer Rolle geben, aber der Unterschied wird minimal sein. Mit diesem Ballett, in dem nicht nur einzigartige und anspruchsvolle Rollen für Solisten vorgesehen sind, sondern auch die ganze Kompagnie zeigen kann, was sie wert ist, beweist Ballet Vlaanderen erneut sein Maß an Exzellenz.


  • WAS: Ballett Faust von Jean-Christophe Maillot zur Musik von Franz Liszt
  • WER: Ballet Vlaanderen, Antwerp Sympony Orchestra u.L.v. Dominic Grier
  • WO & WANN: Stadsschouwburg Antwerpen, 20. bis 28. Januar 2018
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