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Rezensionen

Jean-Philippe Rameau und die majestätische tragédie lyrique "Zoroastre"

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· 6 Min. Lesezeit
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Jean-Philippe Rameau und die majestätische tragédie lyrique "Zoroastre"

Das Chœur de Chambre de Namur und das Barockorkester Les Ambassadeurs-La Grande Ecurie waren zu Gast in der deSingel zu einer besonderen Aufführung von Zoroastre, tragédie lyrique von Jean-Philippe Rameau (1683-1764), dem wichtigsten französischen Opernkomponisten des achtzehnten Jahrhunderts.

Besonders, denn die Opern von Rameau werden in unseren Konzertsälen und Opernhäusern nicht so häufig aufgeführt. Die hohen Anforderungen, die an die Ausführenden dieses Repertoires gestellt werden, sind sicherlich ein wichtiger Grund dafür. Bei diesem Konzert wurden diese Anforderungen zweifellos erfüllt, sowohl was das Orchester, den Chor als auch die Solisten betrifft.

Als Opernkomponist könnte man Rameau einen Spätblüher nennen. Er ist vor allem für seine Werke für Cembalo bekannt. Er trat während seines Lebens zunächst hauptsächlich als Cembalist und Organist auf, und in dieser ersten Phase besteht sein Werk dementsprechend vor allem aus Cembalomuzik und religiöser Musik (Motetten und Kantaten). Er war bereits fünfzig Jahre alt, als seine erste Oper Hippolyte et Aricie aufgeführt wurde. Von da an produzierte er eine ganze Reihe von opéra-ballets, tragédies lyriques und pastorales. Seine Opern bedeuten einen Fortschritt in der Entwicklung der Oper, da er mehr Aufmerksamkeit auf die innere Charakterisierung seiner Charaktere legt, nicht nur auf die dramatische Handlung. Er kann mit dem komischen Aspekt umgehen – man denke nur an Platée, von dem die Flämische Oper vor etwa zwanzig Jahren eine urkomische Aufführung unter der Regie von Laurent Pelly und unter der Leitung von Marc Minkowski brachte. Das opéra-ballet-Genre wurde dank des Einsatzes von Denkmälern des Barock wie William Christie wieder zum Leben erweckt.

Zoroastre ist die vierte tragédie lyrique, die Jean-Philippe Rameau schrieb. Das Libretto stammt von Louis de Cahusac, einem Mann, der nicht nur zu den höheren Kreisen in Clermont gehörte, sondern auch Großmeister der „La Grande Loge de France" war. Die Abfolge von erbitterten Konfrontationen zwischen Gut und Böse, verkörpert durch Zoroastre und Abramane, könnte auf die Freimaurer-Verbindung zurückzuführen sein. Er soll auch einer der wenigen Mitarbeiter von Rameau gewesen sein, die mit dem schwierigen Charakter des Komponisten umgehen konnten.

Die Hauptfigur Zoroaster (oder Zarathustra) ist ein persischer Religionsreformer aus dem siebten Jahrhundert vor Christus. Der Kern seiner Lehre ist die Dualität zwischen Gut und Böse. Im Libretto wird dieser Kampf natürlich im Rahmen einer Liebesaffäre ausgearbeitet, wobei die Geschichte dadurch ziemlich gezwungen wirkt. Zoroastre ist der Vertreter von Oromasès, dem Wesen und dem Gott des Lichts. Sein Gegenspieler ist der Zauberer Abramane, Diener von Arimane, dem Geist der Finsternis. Das Werk hatte bei seiner Uraufführung 1749 kaum Erfolg, was Rameau dazu veranlasste, 1756 eine zweite Fassung vorzustellen. Es wurden Charaktere gestrichen und hinzugefügt, aber vor allem erhielten die Liebeswirren mehr Aufmerksamkeit. Der Machtkampf zwischen Zoroastre und Abramane geht mit ihrer Rivalität um die Liebe zu Amélite einher. Die Chancen auf Liebeserfolg werden durch böse Geister vereitelt oder durch gute Geister geschützt. Eine Schlüsselfigur in den Konflikten ist Erinice, die ebenfalls in Amélite verliebt ist. Es gibt auch allegorische Partien, die Rache, Wut, Hass und Verzweiflung verkörpern. Letztendlich siegt Zoroastre. Als Abramane droht, Amélite zu töten, ruft er den Himmel an und Abramane und sein Gefolge werden vom Blitz getroffen. Im Tempel des Lichts werden Zoroastre und Amélite vereint. Ihr Sieg wird ausgelassen gefeiert.

In dieser konzertanten Aufführung bekamen wir die noch außergewöhnlich selten aufgeführte Originalfassung von 1749.

© Gabriel Balaguera

© Gabriel Balaguera

Virtuosität überall


Schon von der Ouvertüre an fällt sofort der Farbenreichtum des Orchesters auf. Der warme Klang der Fagotte – die eine große Rolle in der Partitur spielen als Klang des Düsteren – die brillanten Streicher. Da wir die Version von 1749 hören, sind es die Oboen, die mit ihren präzisen Tönen für die zarten Passagen zuständig sind. Und natürlich die Traversflöte (Anna Besson), die schlicht eine wunderbare Leistung zeigt und im ersten Teil des Abends eine überwiegende Rolle spielt, sehr oft als instrumentale Partnerin von Amélite. Der Continuo-Teil wird auch sublim verkörpert durch drei Cellisten, Kontrabass und Cembalo. Sie machen darüber hinaus die Übergänge von Rezitativ zu Arie oder Chorpassage nahtlos fließend. Auch wenn das Libretto nicht völlig von einer gewissen Weitschweifigkeit freizusprechen ist, fängt die Orchestrierung diesen Nachteil so gut wie ganz auf. Dirigent Alexis Kossenko spielt dabei eine wichtige Rolle dank seiner Beherrschung der wechselnden Palette zwischen sehr dramatischen Seiten und sublim-kontemplativen Passagen. Vibrierende Streicher, schnell fallende und steigende Tonleitern in den Holzbläsern, wechselnde Dynamik, ständig setzt das Orchester den Gegensatz zwischen Gut und Böse kontrastvoll in Szene. Es ist ein echtes Klangbrett von Zartheit und Melancholie gegenüber Passagen von gewalttätigen Ausbrüchen von Wut, Hass und Rache. Die Dame am Schlagwerk (Marie-Ange Petit) verdient sicher eine besondere Erwähnung. Mit ihren sehr diversen Instrumenten überrascht sie mit den bizarrsten Klängen, nicht nur um die "Kräfte der Finsternis", sondern auch allerlei emotionale und buchstäbliche Stürme darzustellen.

Macht das Orchester einen überwältigenden Eindruck, ist der Chor nicht weniger beeindruckend. Die Chorpassagen (acht Soprane, der Rest Countertenor, Tenor und Bass) legen theatralisch die Verbindungen zwischen den Auftritten der Solisten und sorgen wie ein griechischer Chor für Kommentar.

Les Ambassadeurs unter Alexis Kossenko. | © Caroline Doutre

Bei den Solisten sticht Reinoud van Mechelen hervor. Nach seinem Auftritt bei Opera Vlaanderen als Ferrando in Mozarts Cosí fan tutte zeigt sich hier, dass seine Stimme ideal für dieses französische Barockrépertoire ist, in dem er als haute-contre die gesamte Spannweite der Vokallinie mühelos bewältigt und darüber hinaus eine perfekte Diktion hat. Wie hoch die Noten auch sind, die Klangfarbe bleibt sanft und angenehm (z.B. Beginn 2. Akt "A mes tristes regards" um nur ein Beispiel zu nennen). Er erhält schöne Gegenrede von seiner Geliebten Amélite, gesungen von Jodie Devos. Auch sie hat keine Schwierigkeiten mit den erforderlichen hohen Noten und es gelingt ihr, durch einfache Gesten und vor allem durch Stimmfarbe ihre Figur zum Leben zu erwecken. Ihr Ton ist nasaler und weniger streichelnd als in ihrer kürzlich aufgeführten Mignon-Interpretation in der Opéra Royal de Wallonie, passt aber ausgezeichnet zum elegischen Stil dieser Rameau-Partitur. Als der negative Faktor im Spiel packt Véronique Gens uns bei der Kehle. Die Art, wie sie die Bühne betritt, lässt ihre hasserfüllte Rolle im Spiel wie selbstverständlich spüren. Ihre schöne volle Sopranstimme mit intelligenter Phrasierung und, wo angebracht, einige kratzbürstige Bruststimmentöne, ergänzen die Charakterzeichnung. Die vierte große Rolle ist dem echten "Schurken", dem Bariton Tassis Christoyannis zugeteilt, der – wenn auch manchmal mit etwas zu matter Stimme – aber mit bedrohlicher Autorität den Aggressor Abramane Gestalt gibt. Die kleineren Partien (manchmal Solisten aus dem Chor) passen homogen zum Ganzen.

Um die Erfahrung des (langen) Abends in zwei Worten zusammenzufassen, möchte ich gerne Professor Ignace Bossuyt zitieren: ein "faszinierendes Hörabenteuer"

WAS : Zoroastre (1749), Jean-Philippe Rameau

WER : Véronique Gens, Jodie Devos, Reinoud Van Mechelen, Tassis Christoyannis, Gwendoline Blondeel, Marine Lafdal-Fran, Mathias Vidal, David Witczak, Choeur de Chambre de Namur und Les Ambassadeurs-La Grande Ecurie unter Alexis Kossenko

WO : deSingel

WANN : 28-4-2022

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