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Rezensionen

PUCCINI TOSCA - Eigensinnige Inszenierung konsequent umgesetzt

L
· 4 Min. Lesezeit
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PUCCINI TOSCA - Eigensinnige Inszenierung konsequent umgesetzt
© De Munt /

Giacomo Puccini sieht 1889 in Mailand das Bühnenstück Tosca von Victorien Sardou mit der Topschauspielerin des Moments, Sarah Bernhardt. Die sensationellen Effekte von Victorien Sardous Schauerstück über die römische Diva und ihren geliebten Künstler, die im Rom um etwa 1800 Opfer des autoritären Regimes des Polizeikommissars Scarpia werden, faszinieren den Komponisten. Er sieht das Stück nochmals in Firenze und entschließt sich im November 1895, darauf eine Oper zu komponieren. Die römische Umgebung und Atmosphäre scheint ihm zudem einen Überfluss an musikalischen Chancen zu bieten.

Der brutale Mord an Pasolini und die zwielichtige Rolle des jungen Giuseppe Pelosi bilden eine wichtige Nebeneintrige in der Inszenierung von Tosca durch Rafael R. Villalobos. Es ist weniger weit hergeholt, als es auf den ersten Blick scheint, zumindest wenn es so konsequent und mit logischer Kühnheit ausgearbeitet ist, wie dieser Regisseur es tut. Er knüpft seine Regie an Motive an, die in der Oper vorkommen: Rom, Sadomasochismus, Widerstand gegen ein dominantes Regime, Freiheit des Künstlers. Der Künstler Pier Paolo Pasolini ist als offener Vertreter der Homosexuellenszene 1975 Opfer von Homohass am Strand von Ostia geworden. In der Auffassung des Regisseurs ein ebenso grausames Verbrechen sadistischen Machtsmissbrauchs wie die Grausamkeit, der Cavaradossi und Tosca im historischen Rom zum Opfer fallen.

In jedem Akt sind die Anspielungen auf die Homosexuellenwelt daher auch überaus deutlich vorhanden. Dennoch hindern sie meist nicht daran, die Essenz des veristischen, leidenschaftlichen Dramas von Puccinis Tosca mitzubekommen. Im ersten Akt kannst du in der Kirche Sant' Andrea della Valle, wo Cavaradossi das Porträt der Maria Magdalena malt und das Te Deum gesungen wird, nicht der Anblick der Ministrantenjungen und sofort den Neigungen zu „grenzüberschreitender" Verhaltensweise des Küsters entgehen. Vor dem Beginn des zweiten Akts gibt Regisseur Rafael R. Villalobos eine zusätzliche Szene in der Loge mit einem langen Dialog zwischen Pasolini und seinem Freund, der als eine Art Manifest seiner Lebenseinstellung als Künstler und sanftmütiger Mensch interpretiert werden kann, ein starker Kontrast zur Brutalität und Beklemmung des zweiten Akts. Dank der Schauspielkunst der Scarpia- und Tosca-Darsteller wird die Spannung auf beklemmende Weise aufgebaut, besonders ab Vissi d'arte, vissi d'amore, dem Moment also, in dem Tosca beschlossen hat, dass Scarpias Kuss sein Todeskuss wird. In diesem Akt wird die Gay Scene manchmal mit allzu großer Gier und zu explizit dargestellt, aber es bleibt dennoch stimmig mit der gewählten Vision. Vom dritten Akt ist das Schlussbild des „Sterbens" von Tosca ein so poetisches Bild, dass es kaum ungerührt lassen kann. Auch in dieser Hinsicht bleibt es noch treu gegenüber Pasolini, besonders mit dem Zitat: „ich bin zwar ungläubig, aber ich bin ein Ungläubiger, der sich nach dem Glauben sehnt". Dieses Zitat und auch andere historische Fakten werden oft – auch das wieder sinnvoll – als eine Art „Zwischentext" zwischen den Szenen projiziert.

Gelungenes Gesamtspektakel

Das relativ abstrakte Bühnenbild mit einer Evokation von Kirchenbögen bildet im ersten Akt das Interieur der Kirche ab. Das Gemälde, an dem Cavaradossi arbeitet, wird darin herabgelassen und das Bild der Madonna fehlt keineswegs. Im Palastsaal von Scarpia werden die Bögen mit Aktporträts gefüllt. Im dritten Akt macht besonders die Beleuchtung die unheilvolle Leere noch bedrohlicher. Leah Hawkins spielt ihr Image als Diva von ihrem Auftritt in der Kirche schön aus. Ihre Schauspielleistung ist besonders überzeugend, ihre stimmliche Leistung etwas weniger. Bei zu viel Kraft wird die Stimme manchmal mit einem hässlichen Rachenklang oder Vibrato beeinträchtigt und das berühmte Vissi d'arte hätte mehr Nuance verdienen können. Aber als dramatische Sopranistin sorgt sie für eine ergreifende Interpretation bis zum beklemmenden Schluss. Gleiches bei Lucio Gallo. Als Scarpia ist ihm die Grausamkeit auf den Leib geschrieben, aber die stimmliche Kraft zeigt hier und da etwas Verschleiß. Stefano La Colla ist mit seiner leuchtenden Tenorstimme ein überzeugender Cavaradossi, der mit ergreifenden Tönen in E lucevan le stelle Abschied vom Leben und von der Liebe nimmt. Dirigent Jordan de Souza spornt das Orchester zu Feinfühligkeit und Detail an, um Puccinis besonders reich gefärbte Orchestration zu realisieren, was die Aufführung zu einem absolut beeindruckenden Gesamtspektakel macht.

Details

Wer
Jordan de Souza, dirigent, Rafael R. Villalobos, regisseur, Leah Hawkins, Stefano La Colla, Lucio Gallo, Li Huanhong, Paolo Orecchia, Sean Van Lee Symfonieorkest en koor van de Munt
Wo
Koninklijke Muntschouwburg, Brussel
Gesehen am
28 Juni 2026
Bildnachweis
De Munt /
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