Diese erste Tanzaufführung der Saison '23-'24, eine Doppelvorstellung, könnte nicht unterschiedlicher sein. Während das Publikum hereinströmt, geht der Vorhang auf. In der diffusen Dunkelheit hüpfen etwa dreißig Bälle, von oben beleuchtet, auf und ab. Das unregelmäßige Aneinanderstoßen sorgt für einen staccato-Rhythmus. Ein intrigierender und vielversprechender Anfang.
New Ballet Mécanique
Die Absicht des amerikanischen Choreografen Richard Segal ist es, einen symbiotischen Tanz entstehen zu lassen, bei dem Klang und Bewegung auf der großflächigen Soundanlage des Schweizer Künstlers Zimoun eins werden. Was Segal und Zimoun verbindet, ist ihr Interesse am Mechanischen. Dies kann ein interessanter Ansatzpunkt sein, aber dessen Umsetzung ist eine andere Sache.
Wenn alle sitzen, kann das Publikum noch ein wenig vom Zauber des einzigartigen Ballschauspiels begeistert werden. Es ruft Assoziationen von Luftblasen hervor, die in der dunklen Raum aufsteigen. Ein Mann positioniert sich auf der Bühne. Eine schöne Erscheinung in goldener Beleuchtung. Ein griechischer Gott. Eine Frau in einem seltsamen Kostüm mit einem großen runden Kreis auf der Brust, ein Magnet (?), kreist um ihn herum. Nach und nach erscheinen mehr Tänzer auf der Bühne. Sie schieben sechs Würfel mit einem Meter Seitenlänge auf die Bühne. Das Schieben über den Boden wird verstärkt.
Es gibt keine Musik, die Klangpalette ist industriell. Die Würfel werden in einem Eckpunkt in labiler Balance an Stahlketten aufgehängt. Die Tänzer bewegen sich dazwischen. Oft versperren die Würfel jedoch den Blick darauf, was passiert. Hin und wieder fällt ein Würfel mit großem Lärm auf den Boden. Sie werden entfernt. An ihrer Stelle schiebt ein Tänzer ein leuchtend blaues Ölfass über die Bühne. Das Schieben sorgt wieder für einen anderen Klang. Die Anzahl der Ölfässer wächst. Auf den Fässern rollt eine Eisenkugel. Dies erzeugt ein summendes Tongeräusch, das auf lange Sicht Kopfschmerzen verursacht. Die Tänzer bewegen sich zwischen den Fässern. Es wird viel auf Spitzenschuhen getanzt, was wieder zur Vielfalt der Klänge beiträgt.
Die Kostüme von Flora Miranada, inspiriert von den Primärformen und den „Cut-outs" der Dadaisten mit Metall und papierähnlichen Schnörkeln, können nicht erfreuen. Ein schönes poetisches Bild ist, wenn die Szene mit einem hauchdünnen blauen aufgeblähten Tuch abgeschlossen wird. Wenn es hochgezogen wird, steht hinten auf der Bühne eine lange Holzkonstruktion, die auf und ab geht und wieder einen Klang erzeugt. All diese Requisiten und Dekorationselemente ziehen zu sehr die Aufmerksamkeit auf sich, während der Fokus auf den Tänzern liegen sollte. Etwas lächerlich ist es, wenn schließlich ein Tänzer einen Rock mit plastikglitzernden Pailletten übergeworfen bekommt, die auf und ab wippen. Es folgte ein matter Applaus.
[caption id="attachment_51310" align="aligncenter" width="7899"]
© OBV / Filip van Roe[/caption]
'Half Life'
Diese Choreografie der israelischen Choreografin Sharon Eyal, Co-Kreation Gai Behar - zusammen bilden sie ein multidisziplinäres Team - steht zum zweiten Mal auf dem Spielplan von Opera Ballet Vlaanderen. Die erste Bekanntschaft vor zwei Jahren war ein derart großer Erfolg, dass der künstlerische Direktor Jan Vandenhouwe es nochmals programmierte.
Sharon Eyal, eine Frau mit Adelstitel. Sie war Hausschoreografin bei der Batsheva Dance Company in Tel Aviv, wo auch ihre Karriere als 19-jährige Tänzerin begann, später für Ensembles unter anderem in Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Nordamerika. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Gai Behar gründete sie 2013 in Israel ihr eigenes Ensemble L-E-V Company. Sie arbeitet sehr bewusst und ausdrucksstark mit dem Körper. Eine Frau, die all ihre Erfahrungen sowohl geistig, körperlich als auch einfühlsam nutzt. Zusammen entwickelten sie eine eigene Richtung.
'Half Life' wurde 2017 für das Königlich Schwedische Ballett in Stockholm kreiert. Auf geniale Weise kombiniert sie Klassik mit Techno. Musik, die man in der Oper nicht erwarten würde, eher auf Tomorrowland. In 'Half Life' spürst du, wie die Energie fließt. Es erfordert von den Tänzern äußerste Konzentration und Fokus. Die Aufführung öffnet mit einer männlichen und einer weiblichen Tänzerin auf einer kahlen Bühne. Die Frau joggt an der gleichen Stelle, der Mann schwingt sein rechtes Bein mit einer Hüftbewegung im Takt eines pulsierenden Beats nach links vor.
Die Choreografie stützt sich stark auf Wiederholung. Sie sitzen wie gefangen in einer Zwangsjacke. Inzwischen schleicht sich eine kompakte Gruppe von Tänzern Zentimeter für Zentimeter auf die Bühne. Elektronische Musik ist der Puls ihrer Bewegungen. Bei Rhythmuswechsel schießen die beiden Tänzer wie eine Feder aus ihrer Krampf heraus und erobern den Raum. Sie werden in die Gruppe der sich bewegenden Tänzer aufgenommen, die sich als flüssiges Ganzes bewegt. Die Körper der Tänzer kleben zusammen zu einem Ganzen. In straffen Formationen bewegen sie sich über die Bühne, vollständig synchron zur Musik.
Was diese Choreografie so imposant und virtuos macht, ist der Minimalismus und die Intensität. Dass kleine gleichzeitige Bewegungen, mit äußerster Präzision ausgeführt, von Kopf, Schulter, Oberkörper, Händen, Beinen eine solche Wirkung haben können! Die Tänzer bewegen sich unisono wie ein lebender Organismus. Sie gehen auf und ab, schwenken nach links und rechts. Es erinnert an eine Amöbe, einen Organismus, der sich verändern kann.
Auf den beschwörenden Beats zeigen die Tänzer ungewöhnliche Formen von Körperlichkeit. Herrlich geschmeidige und biegsame Körper, die sie trotz äußerster Anstrengung unter Kontrolle halten. Ihre Gesten zeigen die stilisierte Präzision klassisch ausgebildeter Tänzer und eine natürliche und mühelose Anmut. Hin und wieder bricht ein Tänzer aus der Reihe aus, aber das Individuum wird bald darauf wieder vom Gesamten aufgesogen. Zum Ende hin wird die Formation aufgelöst und die Tänzer erobern die ganze Bühne. Dies ist der klassischste Moment der Choreografie. Die Tänzer führen eine Serie von entrechat-dix, federleichte Sprünge mit gekreuzten Füßen, auf. Die androgyn gekleideten Körper werden wie Skulpturen beleuchtet.
Die Struktur von 'Half Life' ist kontrapunktisch, aber die Präsentation wirkt futuristisch. Faszinierend und gleichzeitig magnetisierend. Eine High-Performance. Die gegenseitige Dynamik und Energie zwischen den Tänzern breitet sich zum Publikum aus. Eine hypnotisierende Aufführung mit einer fast ekstatischen Reaktion des Publikums, das am Ende der Vorstellung spontan aufsteht zu einer ausgelassenen stehenden Ovation. Eine beeindruckende und virtuose Leistung der Tänzer von Opera Ballet Vlaanderen in dieser anspruchsvollen Choreografie.
[caption id="attachment_51311" align="aligncenter" width="2560"]
© OBV / Filip van Roe[/caption]
WAS: Ballett 'New Ballet Mécanique' und 'Half Life' CHOREOGRAFIE: Richard Segal, Sharon Eyal ORGANISATION: Opera Ballet Vlaanderen GEZIENE VOORSTELLING: vrijdag 6 oktober 2023, 20 uur