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Rezensionen

Entdecken Sie Beethoven, beginnen Sie bei seinen Zeitgenossen

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· 16 Min. Lesezeit
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Entdecken Sie Beethoven, beginnen Sie bei seinen Zeitgenossen

Das ist ungefähr der Ausgangspunkt bei dieser in mehrerer Hinsicht überraschenden CD-Box des Schweizer casalQuartett. Denn so bahnbrechend, eigenwillig oder originell auch die kompositorischen Pfade, die er in seinem Leben beschritt, ohne nähere Umgebung, Vorgänger, Mitbegründer und Adepten hätte auch Beethoven eine andere Art von Revolution in der Musik entfesselt.

26. Januar 1851. Insoweit etwas je fertig ist, legt Carl Czerny (1791-1857) die letzte Hand an ein Streichquartett in As an. Es war nur eines von vielen, vielen hunderten Stücken, die er hinterließ. Der Vielschreiber steht heute dennoch weniger als Komponist denn als Pädagoge in den Büchern: ein gefragter Klavierlehrer, der selbst als Teenager einige Jahre von Beethoven Unterricht erhielt und einen Franz Liszt die Kniffe des Handwerks lehrte. „[…] he preferred to dedicate his art to the advancement of others rather than to place himself at the center of attention", schreibt Markus Fleck in der umfangreichen Erläuterung, die zu Beethovens Welt 1799-1851 gehört. Grund genug, so muss sich der Bratschist des casalQuartett gedacht haben, um ein zusätzliches Scheibchen zu ihrer fünfteiligen CD-Box hinzuzufügen, das sich ausschließlich dem selbstlosen Czerny widmet. Für diese Hommage klopfte das Quartett tatsächlich in Washington an. Das Autograph eines der mehr als dreißig Streichquartette, die der Mann unveröffentlicht hinterließ, wurde aus den Sammlungen der Library of Congress ausgegraben. Dieses Quartetto Nr. 28 in der Tonart As ist eines von insgesamt drei Weltersteinspielungen, die dank dieses Projekts zu hören sind.

Im vergangenen, verfluchten annus covidius stellte der Jubilar Beethoven bereits alle seine Kollegen in den Schatten – oder das war jedenfalls die ursprüngliche Absicht. Der Ansatz des casalQuartett ist insofern willkommen wie interessant: das Fest-Kind Ludwig als Prisma, um auf durchdachte Weise ein breiteres Spektrum an Komponisten ins Rampenlicht zu rücken. Beethoven beansprucht in dieser Serie von Aufnahmen immer noch die Hauptrolle, wird aber dabei von vergessenen Zeitgenossen wie Adalbert Gyrowetz (1763-1850) und Peter Hänsel flankiert. Die Musikgeschichte erweist sich als unbarmherziger Gefräßiger, denn auch diese beiden Herren lieferten jeweils mit einigen Dutzenden Streichquartetten einen umfangreichen Beitrag zum Genre. Und doch erscheinen die hier ausgewählten Werke erstmals auf CD. Während seines Lebens fanden Gyrowetz' Schrifterzeugnisse dagegen gerne Absatz. In Wien, wo der Böhme – geboren als Vojtěch Matyáš Jírovec – es zum Vizekapellmeister des „kaiserlichen und königlichen" Kärntnertortheater brachte. Aber auch anderswo in Europa, ohne es richtig zu bemerken. „For example, Gyrowetz had to experience that after arriving in Paris in 1789 […] he met a publisher who made excellent business with his music, but who neither knew him personally nor had ever corresponded with him." Es ist nur eine von vielen fesselnden Erlebnissen, auf die dieser Weltenbummler avant la lettre in seiner Autobiografie zurückblickt und auf die im CD-Buch verwiesen wird.

Erfolg hat viele Väter

Aber im Fall sowohl von Gyrowetz als auch von Beethoven, und im weiteren Sinne bei so ziemlich jedem, der zusammen mit ihnen an Streichquartetten arbeitete, ragt eigentlich ein Komponist heraus, dessen Einfluss nicht überschätzt werden kann. Sein Name war ein berühmtes Gütesiegel, auf das Verleger und Edelleute ausgiebig zurückgriffen. Und das hatte Konsequenzen. Denn je näher man sich Joseph Haydns Stil näherte, desto größer war die Chance auf kommerzielle Verwertung, etwas, das auch Gyrowetz – wieder er! – erfahren durfte. Glücklicher war dagegen die gleichzeitige Bestellung, die der musikliebende Mäzen und damals noch reiche Fürst Franz Lobkowitz (1772-1816) Ende des 18. Jahrhunderts sowohl bei Haydn als auch bei Beethoven aufgeben würde. Das Ergebnis dieser Doppelbestellung – „eine Art Künstlerwettstreit zwischen dem weltbekannten Wiener Klassiker und dem jungen, ehrgeizigen Aufsteiger aus dem Rheinland", wie Fleck sagt – färbt die erste CD von Beethovens Welt. Der Revolutionär & seine Rivalen. Damit vergrößert das casalQuartett den Blick auf das Jahr 1799. Gyrowetz' mehr als hörenwertes Streichquartett in D (Opus 47 Nr. 3) wird gefolgt von den Erstlingen aus beziehungsweise Opus 77 und 18. Wer sich nur von Zahlen leiten lässt, sieht Beethoven glänzend aus diesem vermuteten Zweikampf hervorgehen. Endergebnis: 2-6. Aber Haydns „magere Ausbeute" war in mehr als einer Hinsicht relativ. Nicht nur forderte Die Jahreszeiten ein anderes, großgeistiges Werk seine Aufmerksamkeit. Der Geltungsdrang des späten Sechzigers war nach den sechs Stücken des Opus 20, 33, 50, 64 und 76 – um nur eine Handvoll Sammlungen zu nennen – auch nicht mehr so groß. Beethoven dagegen wollte sich gerne in einem für ihn neuen und zugleich respektierten Medium beweisen. Er schonte sich keine Mühe, um die Fackel seines alten Lehrers zu übernehmen, dabei dankbar die Mittel nutzend, die Lobkowitz ihm zur Verfügung stellte.

26. August 1801. „Unter den neuen hier erscheinenden Werken zeichnen sich vortreffliche Arbeiten von Beethoven aus", lobte die Allgemeine musikalische Zeitung dessen erste Streichquartette. Gleichzeitig gab das Wochenblatt einen Warnschuss ab, indem es ausdrücklich auf den hohen Schwierigkeitsgrad dieser Musik hinwies. „Drei Quartette geben einen vollgültigen Beweis für seine Kunst: doch müssen sie öfters und sehr gut gespielt werden, da sie sehr schwer auszuführen und keineswegs populair sind." Heute stehen die Anforderungen, die Beethoven so beispiellos sorgfältig stellte, einer präzisen und zugleich differenzierten Aufführung nicht mehr im Wege. So hat das integere casalQuartett im Quartett in F (opus 18 nr. 1) ein Auge und Ohr sowohl für den Pointillismus, mit dem der Komponist den ersten Satz dieses Werkes belebt (Allegro con brio), als auch für die dynamische Spannung, die dann durch das Helldukel des subtil phrasierten und sorgfältig ausbalancierten Adagio affettuoso ed appassionato aufgerufen wird. Neben der Einfühlung macht auch ein großes gegenseitiges Engagement in den folgenden zwei Sätzen den wesentlichen Unterschied aus. Mit einer bisweilen zügigen Artikulation bringen die Musiker im spielerischen Scherzo allerlei kurze und weniger kurze Motive an die Oberfläche (Allegro molto). Bald sorgfältig zeitlich abgestimmt und dann wieder scharf und prägnant klingt schließlich die Art und Weise, wie das Quartett sich im abschließenden Allegro ohne Gnade ins Wort fällt. Die stürmische, manchmal sogar regelrecht raue Dialektik, die Beethoven in diesem Finale vorschreibt, bleibt im Streichquartett von Gyrowetz aus. Aber das macht seine Musik nicht weniger ansprechend oder fesselnd. Zusammen mit ihm zeigt das casalQuartett, wie Einbettung persönliche Entfaltung nicht im Wege stehen muss. Dafür bieten die lebhaften äußeren Sätze genug Beispiele von Erfindungsreichtum (Allegro). Ebenso viel Können, Absprache und positive Energie zeigt das Schweizer Ensemble in Haydns Quartett in G auf (opus 77 nr. 1), wie das ausgelassene Menuett und der würzig gestrichene letzte Satz bezeugen (Presto). Ja, auch im Alter konnte Haydn noch immer verspielt aus der Ecke kommen. Und beiläufig mehr als eine empfindliche Saite rühren. Hören Sie sich doch einmal die glänzenden Harmonien aus dem Adagio an. Der eindrucksvollste Moment aus diesem langsamen Satz ist übrigens – Zufall oder nicht – ab 1:06 in folgendem Promotionsvideo zu hören.

Besser spät als nie

Mag Peter Hänsel (1770-1831) denken, nachdem von ihm endlich ein Streichquartett auf CD veröffentlicht wurde: ein schönes Geburtstagsgeschenk für diesen Altersgenossen von Beethoven, der gute zwei Wochen vor Ludwig in Schlesien geboren wurde. Er macht seinen überraschenden Einzug auf der zweiten CD, auf der im Jahr 1806 Halt gemacht wird. Hänsel war nicht nur ein vortrefflicher Violinist. Als Schüler von – wiederum! – Haydn entwickelte er auch eine klare Vorliebe für das intime Werk und die Kunst des Streichquartetts im Besonderen, die er in Paris bei Ignaz Pleyel weiter kultivieren würde. „The direct contact with the musical culture of France", bemerkt Markus Fleck, „had a decisive effect on the final development of Hänsels creative aesthetics." Aber ebenso verarbeitete „der grosse Unbekannte" andere Stilelemente in seiner Musik. Auf diese Weise taucht im Quartett in C (opus 20 nr. 3) eine unterhaltsame Polonaise auf, dort wo man das übliche Menuett erwarten würde – eine Hommage an Elżbieta Lubomirska (1736-1816), die polnische Prinzessin, die sich in Wien niedergelassen hatte und bei der er als Konzertmeister fest angestellt war? Das siegreiche Allegro con brio, mit dem Hänsel dieses Werk eröffnet, hinterlässt mit seinem virtuosen Feuerwerk und zahlreichen Läufen noch nicht wirklich einen denkwürdigen Eindruck. Anders wird es im glänzenden langsamen Satz. Das Adagio ma non troppo, mit seinen sorgfältigen Monologen, feinen Dialogchen und – vor allem – einer wunderbar artikulierten, barocken harmonischen Verzögerung in der Cello, erzeugt allerdings tatsächlich einen bleibenden emotionalen Effekt. Von solch unerwartet ergreifender Offenheit wird man natürlich begeistert. Ebenso vom gewandten Zusammenspiel im freudigen Finale (Allegro molto). Obwohl keineswegs radikal, verdient der rehabilitierte Hänsel definitiv einen Platz in Beethovens Welt.

27. Februar 1807. "Auch ziehen drey neue, sehr lange und schwierige Beethovensche Violinquartetten, die Aufmerksamkeit aller Kenner an sich." Und die Allgemeine musikalische Zeitung fügte noch folgende Bedenken hinzu: "Sie sind tief gedacht und trefflich gearbeitet, aber nicht allgemein fasslich – das 3te aus C dur, etwa ausgenommen, welches durch Eigenthümlichkeit, Melodie und harmonische Kraft jeden gebildeten Musikfreund gewinnen muß." Heute werden alle drei Werke aus Beethovens opus 59 in einem Atemzug bewundert, so schwer verständlich diese in ihrer Zeit auch waren. "Sein heutiger Ruhm beruht nicht so sehr auf den Kompositionen, mit denen er damals das Publikum erfreute, sondern gerade auf denjenigen, in denen er es herausforderte", bestätigt Oxford-Musikwissenschaftlerin Laura Tunbridge in Beethoven. Ein Leben in neun Kompositionen (Unieboek | Het Spectrum, 2020). Die Razumovsky-Quartette waren übrigens nicht nur eine Herausforderung für die Zuhörer. Auch die Ausführenden wurden außergewöhnlich auf die Probe gestellt. Zum Glück für Beethovens heroischen Experimentiergeist gab es da einen Ignaz Schuppanzigh (1776-1830) und seine professionellen Streicherkollegen, um als Resonanzboden zu fungieren. Aber ob beispielsweise die Konfrontation mit dem hektischen Finale des letzten Quartetts (Allegro molto), der wahnsinnige Orgelpunkt der ganzen Triptychon, für die Musiker wirklich so angenehm zu spielen war ... Zum Glück für uns weiß das casalQuartett mit Beethovens genialen Launen und innovativer Tonsprache umzugehen, die das Quartett in C (opus 59 Nr. 3) so großartig machen. Nicht nur, weil sie sich am Ende kräftig zusammenreißen und so ein schwindelerregendes Tempo erzeugen, sondern ebenso wegen des geschlossenen Klangbildes, das in der rätselhaften Einleitung geformt wird, oder der viel bedachteren und anmutig akzentuierten Flüssigkeit, die das Kollektiv durch das mitreißende Andante con moto quasi allegretto zu halten versteht. Während sich in Wien eine keineswegs lautlose erste Revolution im Streichquartettgenre vollzog, erhob Luigi Boccherini (1743-1805) in Madrid seinen Schwanengesang an. Von dem unvorstellbaren Elend, das den Komponisten in seinen letzten Lebensjahren heimsuchte, ist im sonnigen Quartett in F (opus 64 Nr. 1) keine Spur zu entdecken. Von Erneuerungsdrang ebensowenig. "It is the work piece that has been polished to a shine", das zugleich Symbol für eine entschwundene Epoche steht. Mit ihrer Politur leistet das casalQuartett wiederum keine halbe Arbeit, sondern ein Triptychon, das sich durch Präzision, Ausdruckskraft und ein swingender Allegro vivo auszeichnet.

Fragen sind willkommen …

Haben Sie schon einmal von Johann Simon Mayr gehört? 1825 wäre die Antwort mit Sicherheit zustimmender gewesen als heute. Der gebürtige Bayer zog als Zwanzigjähriger über die Alpen, suchte und fand sein Glück in Bergamo und wuchs auf bemerkenswerte Weise zum allseits beliebten "Vater der italienischen Oper" (1763-1845) heran. Nebenbei warf sich Mayr in seinem Adoptivland auch als eifriger Impresario für die Wiener Klassik auf. So brachte er bei seinem Mitbürger und Schützling Gaetano Donizetti (1797-1848) das Streichquartett unter die Aufmerksamkeit. Mit Erfolg, denn auf diese Weise fand der Belcanto seinen Weg zum Genre und zur dritten CD aus Beethovens Welt. Ob der grenzenüberschreitende Maestro ein großer Bewunderer des großen Anteils an theatralischer Flair war, den Donizetti dem Medium injizierte, ist höchst zweifelhaft. Dafür war sein Ärger und sein Neid darüber, wie Rossini e tutti quanti nach dem Kongress von Wien (1814-1815) die hiesige Oper mit ihren Spielereien erobert hatten, noch zu frisch. Mit seinem eleganten und leicht beißenden Allegro, den einfachen doch süßlichen Mittelsätzen und einer ansteckenden Apotheose direkt aus der Bühne ist Donizettis siebzehntes (und vorletztes) Quartett in D ein charmanter Publikumsmagnet. Nach diesen verlockenden Melodien kann man leicht einen ganzen Tag lang hören, besonders wenn sie so aufmerksam und ungezügelt aufgeführt werden wie hier. Andererseits stehen diese leichtfertigen Spielereien nahezu vollständig in Widerspruch zu den avantgardistischen und wiederum revolutionären Neue Bahnen, die Beethoven in seiner letzten Lebensphase mit dem Streichquartett einschlug.

29. März 1827. Twitter, Instagram, TikTok und Co. sind noch ferne Zukunftsmusik. Selbst ohne soziale Medien bringt Beethoven etwa 20.000 Anhänger auf die Beine, um ihn zum Währinger Ortsfriedhof zu begleiten. Auch Czerny und Gyrowetz waren an jenem Donnerstag dabei. Während Mayr –

– eine Kantate zu seinem Andenken schrieb, trugen sie zusammen mit unter anderem Hummel und Schubert ihren illustren Kollegen, Mentor oder Idol zum Grab. Beethoven und Schubert brüderlich auf derselben Scheibe hat immer etwas Ergreifendes. Auch etwas von einer Richtigstellung, zumal es Kaffeesatzleserei ist, ob beide Komponisten je die Gelegenheit hatten, sich über ihre Werke auszutauschen. In dem Fall von Schuberts „Der Tod und das Mädchen" wäre daraus zweifellos ein Lobgesang hervorgegangen, so vermutet Fleck: „Hätte Beethoven dieses Quartett gekannt, hätte er mit Sicherheit seinen Author treffen wollen, hätte er in ihm den einzig wahren Gleichgesinnten seiner Zeit erkannt und dessen Kunst seine tiefste Verbundenheit ausdrücken wollen." Doch kommt diese Verbundenheit weniger deutlich zum Ausdruck, wenn man das berühmte vierzehnte Streichquartett in d (D810) auf Beethovens opus 135 folgen lässt. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Form – sein ultimatives Quartett, abgeschlossen im Oktober 1826, ist bei weitem das kürzeste des späten Zyklus, und insofern nicht vergleichbar mit dem umfangreichen Schmerzensschrei aus Schuberts Krisenjahr 1824. Auch inhaltlich gibt es bemerkenswerte Unterschiede. Zwischen dem fast unerreichbaren Drama des geplagten „Schwammerl", wie es in der erstaunlichen Variationsreihe des Andante con moto mit ergreifender Intensität ausgefochten wird, und der vollkommenen Gelassenheit des beruhigten Lento assai, cantante e tranquillo, woraufhin sein gereiftes Vorbild augenzwinkernd ausrief: „Es muss sein!". Welches Lied soll das Quartett casalQuartett bei Ihrer Beerdigung spielen, lieber Beethoven? Ein „schwer gefasster Entschluss" drängt sich auf.

Früh begonnen, halb gewonnen

Das muss Felix Mendelssohn (1809-1847) gedacht haben, als er sich als frühreifer Draufgänger an sowohl eine Oper (Die Soldatenliebschaft), mehrere Streichsinfonien, Konzerte als auch Kammermusik wagte. In diesem Zusammenhang werden mit dem Oktett (opus 20, 1825) und anschließend der Konzertouvertüre zu A Midsummer Night's Dream (opus 21, 1826) immer wieder dieselben zwei berühmten Werke angebracht. Die Krönung dieser wohlklingenden Coming-of-Age-Geschichte folgte allerdings ein Jahr später mit dem beeindruckenden Streichquartett in a. Während die breite Öffentlichkeit die fünf späten Quartette Beethovens unverständlich links liegen ließ, ging das Multitalent Mendelssohn mit seinem opus 13 auf sehr ingeniöse Weise damit in Dialog. Das Ergebnis versetzt in Erstaunen und schließt als Eröffnung der vierten CD nahtlos an diese Erkundung von Beethovens Welt an. Für seinen ersten Wurf im Genre greift Mendelssohn auf das (Liebes)lied Frage (opus 9 Nr. 1) zurück, das in der langsamen Einleitung paraphrasiert wird und auf die wiederholte Frage „Ist es wahr?" hinausläuft. Diese Einleitungen zum schwülen Allegro vivace werden ein wiederkehrendes Motto, das genau wie das „Muss es sein?" aus dem Finale von Beethovens letztem Streichquartett durch die Partitur eine Antwort erhält. Dies verleiht diesem Versuch einen zyklischen Charakter, etwas, das der Autor im ausführenden Adagio non lento zusätzlich hervorhebt, indem er das Originallied erneut zitiert. Das wirbelnde Presto, das diesem vorausgeht, ist nur einer der Höhepunkte, mit denen das casalQuartett dem Zuhörer fest und spitz appelliert. Auch in den vorhergehenden Bewegungen finden deren Empathie und Engagement wunderbar Widerhall. Wie in den kontrastierenden Rhythmen des Intermezzo zum Beispiel: ein sinnlicher Ohrwurm mit lebhaftem Zwischenteil (Allegretto con motoAllegro di molto). Vielleicht eroberte Mendelssohn so viele Herzen, weil er zeigte, dass auch im Spielerischen wahre Schönheit steckt.

1842. „Haydns, Mozarts, Beethovens Quartette, wer kendte sie nicht […]?", so fragte sich Robert Schumann (1810-1856) in der Neue Zeitschrift für Musik rhetorisch. „Ist es gewiß das sprechendste Zeugnis der unzerstörbaren Lebensfrische ihrer Schöpfungen, daß sie noch nach einem halben Jahrhundert alle Herzen erfreuen, so doch gewiß kein gutes für die spätere Künstlergeneration, daß sie in so langem Zeitraume nichts jenen vergleichbares zu schaffen vermochte." Und so nahm der Komponist noch im Sommer desselben Jahres den Handschuh auf, dabei auch inspiriert durch das Trio von Streichquartetten, das Mendelssohn einige Jahre zuvor geschrieben hatte (opus 44) und dem Schumann seine eigene Trilogie des opus 41 letztendlich widmen würde. Darüber hinaus ließ er seine romantischen Ergüsse am 13. September seiner Liebsten Clara vorspielen. Ihr Enthusiasmus über dieses einzigartige Geburtstagsgeschenk drückte sie im Familientagebuch aus: „[...] ich kann über die Quartette Nichts sagen als daß sie mich entzückten bis in's Kleinste. Da ist Alles neu, dabei klar, fein durchgearbeitet und immer quartettmäßig." Aber wie klar oder fein konstruiert auch immer, die Sprache des dritten Streichquartetts in A erzählt doch keine einfache Geschichte. Dafür sorgen nicht nur die turbulente Variationsreihe (Assai agitato) und die Wendepunkte aus dem belebten Finale (Allegro molto vivace). Mindestens genauso heikel sind der Spannungsaufbau und die ausgesponnen zarte Lyrik, die die sehnende Einleitung (Andante espressivo) und das darauffolgende Eröffnungsteil (Allegro molto moderato) voraussetzen. Keine leichte Aufgabe also, wie das casalQuartett ohne Stockungen Schumanns widerspenstige Ader zu treffen versteht. Oder wie entschlossen und zugleich solide das Adagio molto vorbeischreitet. Mit einer Tiefgründigkeit, die exemplarisch für diesen ganzen Tauchgang in Beethovens Welt ist.

In seiner Einleitung zu Beethoven, einem besonders lesenswerten Beitrag von Jos van der Zanden zur Serie Elementaire Deeltjes von Amsterdam University Press (2016), schreibt der niederländische Musikwissenschaftler dessen Größe dem kontinuierlichen Kampf mit seiner Umgebung, mit sich selbst und mit dem Leben zu. „Wäre Beethoven 1802 gestorben, hätte er dennoch Platz in den Geschichtsbüchern gefunden als einer der Größten seiner Zeit, ein würdiger Ebenbürtiger von Mozart und Haydn", so lesen wir auch noch etwas weiter unten (S. 17). Aber der unberechenbare Ludwig sang es zum Glück länger aus, lange genug um diesen andauernden Kampf mit einem künstlerischen Staatsstreich beizulegen. Dank dieser sowohl hörenswerten als auch lehrreichen Begegnungen mit neun, teilweise weitgehend vergessenen Komponisten aus Beethovens Umfeld, demonstrieren Felix Froschhammer, Rachel Späth und die Gebrüder Fleck auf überzeugende Weise, was dieser musikalische Coup für das Streichquartett genau implizierte. Wie unser Protagonist für das Genre zweimal eine neue Zukunft schuf, wo andere sich davon abschrecken ließen. Oder inspirieren ließen. Integrale Aufnahmen aller Beethoven-Quartette gibt es mehr als genug, zumal der Festumzug seines 250. Geburtstages bereits vorbei ist. Möchten Sie gerne etwas mehr – viel mehr – Kontext, dann bietet das casalQuartett mit dieser großartigen Entdeckungsreise durch Beethovens Welt 1799-1851 ein wahrhaft herrliches Kaleidoskop.


  • WAS: Beethovens Welt 1799-1851. Der Revolutionär & seine Rivalen
  • WER: casalQuartett [Felix Froschhammer & Rachel Rosina Späth (Violine), Markus Fleck (Viola), Andreas Fleck (Cello)]
  • AUSGABE: Solo Musica (SM 283) in Zusammenarbeit mit Südwestrundfunk (SWR)2
  • FOTO: © David Guyot & Beethoven-Haus Bonn
  • WEBSITE: http://casalquartett.ch/
  • BESTELLEN: JPC
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