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Rezensionen

Mozart & Sinigaglia

A
· 6 Min. Lesezeit
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Mozart & Sinigaglia
© Berliner Philharmoniker BPHR 24048

Mozart: Vioolconcert nr. 1 in Bes, KV 207
Sinigaglia: Romanza in A, op. 29 - Rapsodia piemontese op. 26
Noah Bendix-Balgley (Violine), Berliner Phiharmoniker u.L.v. Kirill Petrenko


Es ist genau ein Jahrzehnt her, dass die Berliner Philharmoniker ein eigenes Musiklabel einführten, was auch Anlass gab, eine neue Serie von Aufnahmen herauszubringen, in deren Mittelpunkt Orchestermitglieder stehen, die eine solistischen Rolle erfüllen, und mit dieser ersten Veröffentlichung wird den Anfang der amerikanische, aus North Carolina stammende Violinist Noah Bendix-Balgley machen, der nach dem Gewinnen wichtiger Preise, darunter des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel und des Concours Long-Thibaud in Paris, und seiner ersten Anstellung als Konzertmeister beim Pittsburgh Symphony Orchestra seit 2014 diese Funktion bei den Berliner Philharmonikern inne hat.

Die Grundidee ist übrigens nicht neu: Ich brauche nur auf die von Channel Classics veröffentlichte Serie von Aufnahmen von mit dem Koninklijk Concertgebouworkest verbundenen Musikern (Ersten Konzertmeistern) in ihrer spezifischen Rolle als Solist hinzuweisen.

Dieses von den Berliner Philharmonikern veröffentlichte Album ist insofern interessant, als Mozarts Vioolconcert in Bes, KV 207 in der Diskografie bereits reich vertreten ist, sowohl in „traditionellen" als auch in „authentischen" Aufführungen. Keine neue Aufnahme, die sich davon losreißen kann, obwohl es zutrifft, dass Bendix-Balgley alle Solo-Kadenzen selbst geschrieben hat und dass diese Aufführung allein darin ihren einzigartigen Charakter gewinnt. Kadenzen, die nach Erfindungsreichtum und gutem Geschmack beurteilt ebenso von Mozart hätten stammen können.

Lange Zeit war angenommen, dass Mozart das Werk 1775 komponierte, er war damals 19, wohnte und arbeitete in Salzburg unter dem Joch des Erzbischofs Hieronymus von Colloredo (der von 1772 bis 1803 über das Bistum herrschte). Er war mehr als nur ein Amateurmusiker und erkannte bald Mozarts Talente, um ihm kurz darauf bei einem Arbeitsplatz und dem damit verbundenen Honorar zu helfen, mit Vater Leopold als zweiter Kapellmeister und Sohn Wolfgang als Konzertmeister (bis 1777) und Hoforganist (ab 1779). Colloredo genoss keinen besonders guten Ruf, ein von Machtswillkür erfüllter Despot, der den Einwohnern der Stadt und somit auch beiden Mozarts allerlei Regeln auferlegte, darunter die der Nüchternheit und Einfachheit. Auch bei der Dauer der Kirchenmusik legte er strikte Beschränkungen auf: Kompositionen auf diesem Gebiet durften nicht länger dauern als von ihm vorgeschrieben.

Unter diesen wenig ermutigenden Umständen entstand das Vioolconcert KV 207. Wissenschaftliche Untersuchung des überlieferten Manuskripts (Papier und Handschrift) führte vor einigen Jahren zu einer – wenn auch bescheidenen – Verschiebung des Entstehungsdatums: von 1775 auf 1773, also immer noch unter der Herrschaft von Colloredo, als Nachfolger von Sigismund Christoph von Schrattenbach, der von 1753 bis 1771 das Bistum unter seine Verwaltung hatte. Schrattenbach wird in der Literatur als wankelmütiger Schwärmer beschrieben, der seinen patriarchalen Status nicht mit einer gewissen Intelligenz verbinden konnte, der aber den beiden Mozarts sehr zugetan war, und das machte für sie einen großen Unterschied.

Das Vioolconcert entstand kurz nach Mozarts Rückkehr von einer Reise nach Italien und es wundert also nicht, dass in dem Stück typisch italienisch-virtuose Stilelemente zu finden sind. Aber es gibt auch bereits Passagen, die sogar Don Giovanni vorwegnehmen, halten die so aufgebauten Spannungen nie lange an, um dann Platz für strahlende Fröhlichkeit zu machen.

Natürlich strahlt das solistischen Spiel von Bendix-Balgley große Klasse aus (es sollte nicht anders sein, denn: Erster Konzertmeister bei einem solchen Spitzenorchester wird man natürlich nicht einfach so), aber mein größtes Interesse galt doch zwei Stücken von Leone Sinigaglia, die selten aufgeführt werden: die Romanza in a, op. 29 und die Rapsodia piemontese op. 26, beide entstanden in nahezu derselben Zeit: um die Jahrhundertwende, op. 29 1899 und op. 26 1900. Op. 29 wird hier zum ersten Mal von den Berlinern aufgeführt, während op. 26 nur einmal zuvor auf dem Pult stand, am 4. Januar 1907, mit Max Lewinger als Solist und August Scharrer als Dirigent.

Diese beiden opera sind nun zum ersten Mal festgehalten (es sei denn, es gibt „irgendwo" noch eine obskure Aufnahme – wer weiter stöbern möchte, findet u.a. auf Spotify mehrere Aufnahmen eines Teils des Werkes von Sinigaglia).

Ziemlich bemerkenswert, diese beiden Berliner Aufzeichnungen, denn selbst für Bendix-Balgley war Sinigaglia lange Zeit unbekannt, bis er dessen Musik entdeckte. Leone Sinigaglia (1868-1944) stammte aus einer in Turin (Torino) ansässigen jüdischen Patrizierfamilie und orientierte sich als Komponist vor allem an der Mitteleuropäischen Romantik. Er reiste nach München, Prag, Leipzig, Berlin, Paris, Brüssel und Amsterdam, um sich anschließend in Wien niederzulassen. Dort traf er Gustav Mahler, Josef Suk und schließlich Johannes Brahms, den er als den „größten lebenden Sinfoniker" betrachtete. Als Lehrer muss Antonín Dvorák jedoch den meisten oder bleibendsten Eindruck auf Sinigaglia gemacht haben, denn die böhmische musikalische Folklore wird in seiner Musik unverkennbar widergespiegelt. Es muss auch auf einem anderen Gebiet ansteckend gewirkt haben, denn als Sinigaglia nach fünf Jahren Aufenthalt in Wien in seine Heimat zurückkehrte, machte er sich daran, Hunderte von Volksliedern aus der Region Piemont (deren Hauptstadt Turin ist und wo er am 16. Mai 1944 starb) zu sammeln und zu bearbeiten. Die Rapsodie piemontese, deren eigentliche Widerspiegelung, ist nicht ohne Grund dem „verehrten Meister Dvorák" gewidmet.

Es ist diese tanzvoll-rhapsodische Komposition, die von niemand Geringerem als Fritz Kreisler häufig aufgeführt wurde, meist eingebettet in dessen eigene Kompositionen. Es war eine Zeit, in der solche Miniaturen en vogue waren, um später jedoch aus dem Blickfeld zu verschwinden. Das ist bedauerlich, denn auch diese Rhapsodie zeugt von großem Charme und handwerklichem Geschick.

Die orchestrale Farbpalette, mit der der Solist in der innig-lyrischen Romanza (von dem sonnigen A-Dur zum dunklen a-Moll) umgeben ist, hätte durchaus von Dvořák stammen können, aber die fast rustikale Atmosphäre, die das Stück (in A-B-A-Liedform) ausstrahlt, erinnert auch an so ein Werk wie Wagners friedvolles Siegfried-Idyll. Das friedvolle Werk schrieb Sinigaglia als Erinnerung an seinen verstorbenen Vater.

Auch für diese beiden Aufführungen nur Lob, dank der makellosen Intonation, glühenden Tongebung und bis ins Detail ausgearbeiteten Phrasierungen seitens des Solisten, neben dem äußerst raffinierten Orchesterspiel unter Chefdirigent Kirill Petrenko.

Allerdings habe ich Kritik an der sehr knapp ausgefallenen Spieldauer von 35 Minuten. Das geht heutzutage eigentlich nicht mehr, zumal wir uns bereits an etwa 80 Minuten gewöhnt haben. Der Verkaufspreis trägt dazu sicherlich nicht bei, denn dieser liegt bei etwa € 15,--. Aber allein in den beiden Werken von Sinigaglia gibt es diesbezüglich mehr als ausreichende Kompensation.

Details

Wer
Noah Bendix-Balgley (viool), Berliner Phiharmoniker o.l.v. Kirill Petrenko
Bildnachweis
Berliner Philharmoniker BPHR 24048
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