Was in diesen Aufführungen besonders auffällt, ist ihr kommunikativer Charakter, die Leichtigkeit, mit der dieses Duo phrasiert, artikuliert und nuanciert, einerseits dynamisch und kraftvoll, andererseits intim und lyrisch. Die langen Melodielinien werden sublim ausgearbeitet, aber auch die kräftigen Sforzati und Synkopen sind bei diesen beiden Topmusikern in den besten Händen. Kein Wunder also, dass ich bald in diesen so kontrastreichen Parcours hineingezogen wurde, von Beethovens ersten ernsthaften Erkundungen auf diesem Gebiet (die beiden Sonaten op. 5) bis zu den letzten mit ihren unfassbaren Regungen (die beiden Sonaten op. 102).
Es war ein langer Weg, von den drei von Bach komponierten Sonaten für Gambe und Cembalo BWV 1027-1029, den ersten vollwertigen Werken des Genres, zu Beethovens großartig angelegten Cellsonaten, die sich – es liegt auf der Hand – an einem diskografischen Reservoir von inzwischen ausgelassener Proportion erfreuen dürfen.
Beethoven schrieb nur eine begrenzte Anzahl von Stücken für Cello und Klavier: nicht mehr als fünf Sonaten (dagegen zehn Violinsonaten) und drei Variationswerke plus eine Bearbeitung für Cello und Klavier der Hornsonate op. 17. Aber sie reichen von Beethovens kreativ frühen bis zu seinen späten Jahren: op. 5 entstand 1796 (er hatte sich vier Jahre zuvor endgültig in Wien niedergelassen), op. 102 fast drei Jahrzehnte später, 1815.
Die Cellsonate in A, op. 69, vollendet 1808 und dem „Freiherr" Ignaz von Gleichenstein gewidmet, enthält so viel melodischen Reichtum, expressive Intensität und überraschende harmonische Wendungen, dass sie für jedes Duo ein wahrer Maßstab dafür ist, wozu es fähig ist oder eben nicht. Übrigens: Wie hätte diese Sonate 1809 geklungen, bei der Uraufführung durch den Cellisten Nikolaus Kraft und die Pianistin Dorothea von Ertmann (eine talentierte Schülerin des Komponisten, der er die Klaviersonate Nr. 28 op. 101 widmete)?
Das erste Werk, das ich auf diesem Doppelalbum hörte, war also op. 69, in der der französische Cellist Michel Strauss und der belgische Pianist Jean Claude Vanden Eynden so viel Flair, Charme, Virtuosität und Leidenschaft an den Tag legen, dass ich die „Repeat"-Taste des CD-Players betätigt habe, um mit der Partitur auf dem Schoß den gesamten Aufführungsprozess mehrmals hintereinander zu verfolgen, wobei ich immer wieder vom temperamentvollen Charakter dieser Aufführung, der technischen Beherrschung und dem strukturellen Einblick, den dieses Duo zeigt, beeindruckt wurde.
Worauf ein zweiter „Befähigungsnachweis" folgte, eigentlich viel mehr als das: das Adagio con molto sentimento d'affetto von op. 102/2, für mich ebenfalls ein Maßstab für Ausdruckskraft. Erneut wurde ich von der expressiven Tiefe beeindruckt, die die beiden Musiker hier erreichen, was mich sofort an jenen berühmten Ausspruch des Komponisten erinnerte, dass Musik eine höhere Offenbarung ist als alle Weisheit und Philosophie. Aber auch dass Musizieren ohne Leidenschaft unverzeihlich ist, eine „Sünde", die diesem großartigen Duo sicherlich nicht vorgeworfen werden kann!
Auch die drei Variationswerke (viel mehr als nur eine Ergänzung zu den fünf Sonaten) sind perfekt in ihrer Tonbildung, rhythmischen Prägnanz und Präzision, abwechselnd flamboyant und intim.
Daan van Aalst dokumentierte diese Produktion, die in Zusammenarbeit mit dem Königlichen Konservatorium Den Haag entstand, im Amare Studio 2 fehlerfrei.
Kurz gesagt, an wirklich allem ist erfüllt, um für dieses Doppelalbum warm zu laufen. Et'cetera konkurriert sich allerdings in diesem Fall selbst, denn auf dem gleichen Label erschien vor mehr als einem Jahrzehnt, ist aber immer noch erhältlich, dieses Werk von der Cellistin France Springuel und dem Pianisten Jan Vermeulen (zwar auf Fortepiano); und dann auch noch mit als nicht zu verachtender „Zugabe" die von Beethoven selbst für Cello und Klavier bearbeitete Hornsonate in F, op. 17 (das gesamte Set habe ich hier besprochen). Das meiner Meinung nach sicherlich einen Platz auf diesem neuen Album verdient hätte.