Am 26. April trat Le Mystère des Voix Bulgares in BOZAR auf der großen Bühne auf. Neben Rosenöl und bulgarischem Joghurt ist der berühmte Frauenchor eines Bulgariens am meisten ausgezeichneten kulturellen Exportprodukte.
Der Schweizer Musikproduzent Marcel Cellier entdeckte vor einem halben Jahrhundert die rauen Stimmen der Sängerinnen und brachte 1975 das erste Album mit dem Chor heraus, das er „Le Mystere des Voix Bulgares" nannte, ein absoluter Bestseller. Der französischsprachige Name wurde seitdem immer beibehalten.
Zusammen mit Stromae
Der Chor gab in einem halben Jahrhundert Tausende von Konzerten auf der ganzen Welt. Chormitglieder arbeiteten auch mit verschiedenen bekannten Popkünstlern wie Kate Bush, U2 und kürzlich mit Stromae zusammen. Außer in Brüssel war der Chor in unserem Land bereits zu Gast in Brügge, Gent und der Abtei von Villers.
Der Saal Henri Leboeuf war gut gefüllt. Natürlich waren viele Bulgaren anwesend, um die Stimmen ihres Landes zu hören. In unserem Leben leben Zehntausende von Bulgaren. In den letzten zehn Jahren haben etwa eine Million Bulgaren ihr Land verlassen und sind in die ganze Welt ausgewandert, besonders nach Westeuropa, die USA und Kanada. Eine echte bulgarische Diaspora. Auch wenn sie weit weg von ihrer Heimat leben, bewahren sie ihre Sprache und Kultur.
Der Chor sang sein übliches Repertoire traditioneller Gesänge, eingeleitet durch den Dirigenten. Volkslieder über das Leben, die Natur, die Liebe, fröhliche und auch traurige Lieder über Krankheit und Trauer. Manchmal sang der ganze Chor, manchmal nur zwei, drei oder vier Sängerinnen. Es wird nicht ästhetisch schön gesungen, die Stimmen sind nicht gerundet, es klingt eher nasal, manchmal zwischen Singen und Schreien. Ein raher, archaischer Ausdruck aus dem tiefsten Balkan.
Komplex für westliche Ohren
Es ist Volksmusik und gleichzeitig auch Kunstmusik, mit den typischen Dissonanzen und oft komplexen Rhythmen, charakteristisch für die bulgarische Volksmusik. Es ist eine Tradition von Gesang und Tanz, die in Bulgarien auch heute noch von Generation zu Generation weitergegeben wird. Unregelmäßige Taktarten klingen in unseren westlichen Ohren ungewöhnlich und komplex, werden aber auch bulgarischen Kindern mit der Muttermilch vermittelt. Liebhaber von Bartók kennen es vielleicht aus seinem Fünften Streichquartett „scherzo alla bulgarese", in der komplexen Taktart 4+2+3 Achteln!
Der Chor bot nicht nur eine wunderbare musikalische Aufführung, sie waren wie immer in ihrer typischen Tracht gekleidet. Visuell war es also auch ein Fest. Das Konzert war relativ kurz, ohne die Variation, die sie sonst oft bringen, wobei die Volkslieder mit orthodoxchristlichen Gesängen und zeitgenössischen Kompositionen abgewechselt werden. Bereits nach knapp einer Stunde wurde das letzte Lied vom Dirigenten Gancho Gavazov angekündigt. Insgesamt klang es auch nicht so homogen wie sonst. Nun ja, ein Chor kann auch mal einen schlechteren Tag haben.