Drei Abende sind vorbei, das Finale des KEW Viool 2019 ist zur Hälfte vorbei. Haben wir bereits einen möglichen Gewinner gehört? Kann eine erste vorsichtige Prognose aufgestellt werden? Für mich nicht nötig, es geht nicht um Fußball und ja, auch dort gibt es die Ergebnisse, falls sie nicht 'manipuliert' sind, nicht im Voraus zu kennen. Lassen wir die endgültige Bewertung der Jury. Unsere Bewertung wird sein, was sie ist, sie wird die Jury nicht beeinflussen. Gut so, denn wenn es etwas gibt, das nicht kann noch darf, ist es, die Jurymitglieder zu bewegen, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Es geht letztendlich um das, was jeden rührt, beseelt: die Musik.
Kandidat 5: Seiji Okamoto (Japan, geb. 21.06.1994)
Das erste, das bei diesem jungen Mann auffiel, war sein nicht ganz reiner Einsatz beim vorgegebenen Werk. Es bleiben doch noch viele Violinisten übrig, die mit den richtigen Tönen in den höchsten Noten kämpfen. Ein ewiges Problem? Abgesehen von dieser Bemerkung war seine Bogenbeherrschung deutlich. Seine rechte Hand lenkt die Musik mit schönen Phrasierungen, keine störenden Schnauzklinken beim Einsatz, schöne Bewegungen.
Diese kommen teilweise auch in seiner Interpretation des Concerto in d Op. 47 von Jean Sibelius zur Geltung. Teilweise, denn der Eindruck entsteht, dass er zeitweise ein Opfer des Wettkampfstresses ist. Was ihm zu eigen ist, ist seine männliche Interpretation, die zu dieser Komposition passt. Er könnte ziemlich weit vorne im Wettbewerb landen, wäre er korrekter im Spiel, denn wo er das vorgegebene Werk anfing, Unreinheit, nahm diese in Sibelius überhand. Zu viele Ungenauigkeiten und das könnte ihm sauer aufstoßen. Schade, denn er überzeugte mich, dass er mehr konnte, nur kam es heute nicht ganz heraus. Ach ja, so läuft es bei Wettbewerben.
Foto: © Seiji Okamoto
Kandidat 6: Iona Cristina Goicea (Rumänien/Deutschland, geb. 6.11.1992)
Sie beginnt das vorgegebene Werk, Fidl, mit Kraft und Virtuosität. Das ist stark, denn sie übermannt fast ihre männlichen Gegenspieler. Sie ist athletisch in der Interpretation dieses Werkes, sehr technisch, aber unzureichend musikalisch. Charaktervoll, eine robuste Dame, wenn ich es so sagen darf. Das macht ihr Spiel beeindruckend, aber das ist kein Synonym für Schönheit. Diese vermisse ich, wo sie doch in dieser Komposition steckt, die Feinfühligkeit, die die Violine so ziert, höre ich nicht.
Und, Standing Ovation hin oder her, ich höre diesen feinen Klang, der die Violine zum schönsten aller Instrumente macht, auch nicht in ihrer Interpretation des ersten Violinkonzerts von Dimitry Shostakovich. Sie spielt warm in der Tiefe, sicher im Bogen, durchlebt, sie ist violinistisch wie das Werk überhaupt ist, ursolide Kraft und Überzeugung, aber sie rührt nicht, sie verblüfft wohl. Es ist ihre Kraft und Reife, die das Publikum zum Aufspringen und mit Bravrufen zu bejubeln bringt. Wird die Jury auch so reagieren?
Foto: © Sheena Haywood

