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Rezensionen

Jung Europa findet seine Kraft in Rachmaninov

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· 5 Min. Lesezeit
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Jung Europa findet seine Kraft in Rachmaninov
© MUTESOUVENIR / Kai Bienert

Das Konzert des European Union Youth Orchestra (EUYO) ist eine der schönsten Traditionen der Young Euro Classic und zieht regelmäßig einen vollen Konzertsaal an. Jahr für Jahr bringt das Ensemble junge Musikerinnen und Musiker aus den 27 EU-Mitgliedstaaten zusammen, ausgewählt aus Tausenden von Kandidaten. Unter Dirigenten wie Bernard Haitink, Vladimir Ashkenazy und Ivan Fischer hat das EUYO einen Ruf aufgebaut, der weit über den eines gewöhnlichen Jugendorchesters hinausgeht. Unter der Leitung von Elim Chan und mit der spanischen Geigerin María Dueñas als Solistin bestätigte das Ensemble diesen Ruf am Montag, 3. August im Konzerthaus Berlin, obwohl die Qualitäten der beiden Programmteile bemerkenswert unterschiedlich waren.

Verfeinertes Orchester, gemischter Eindruck

Das Konzert öffnete mit dem beliebten Violinkonzert von Johannes Brahms (1833-1897), einem Werk, das hohe Anforderungen an Solistin und Orchester stellt. Das EUYO ließ sofort hören, wie intensiv am Zusammenspiel gearbeitet worden war: der Orchestersound war schön ausgewogen, die verschiedenen Sektionen hörten scharf aufeinander und die zahlreichen solistischen Passagen wurden mit großer Subtilität gebracht. Dennoch klang der erste Satz anfangs etwas brav; das Orchester schien noch nicht bereit, sein volles Gewicht in die Waagschale werfen zu wollen, etwas, das sich in den folgenden Passagen schnell änderte, wenn die jungen Musikerinnen und Musiker mehr Raum bekamen, um ihre Kraft und Spielfreude zu zeigen.

María Dueñas verfügt zweifellos über eine beeindruckende Technik, was sich unter anderem aus der von ihr selbst geschriebenen Kadenz zeigte. Persönlich fand ich diese jedoch etwas langatmig: die Virtuosität war reichlich vorhanden, aber der musikalische Spannungsbogen konnte mich nicht ganz fesseln. Auch weiterhin blieb meine Wertschätzung für ihre Interpretation einigermaßen ambivalent. Ihr Spiel war treffend und ihr Ton schön, konnte mich aber inhaltlich nicht ausreichend berühren.

Das Orchester kam allmählich stärker in den Vordergrund. Besonders im langsamen Teil fiel die Klarheit des Zusammenspiels auf. Die Hörner und Holzbläser klangen makellos, über allem ein phänomenales Oboen-Solo, das den Saal zum Schweigen brachte. Brahms wurde hier breit angelegt, meiner Meinung nach sogar etwas zu breit, aber gerade dadurch fiel die Beschleunigung zum Ende hin umso stärker auf. Auch das Finale bekam nach einer gewagten Pause vor dem Einsatz eine schöne Freiheit, wobei sich Solistin und Orchester sichtbar der Musik hingaben und die Freude am gemeinsamen Musizieren spürbar wurde.

Eine ganz andere Seite von Dueñas zeigte sich in dem zurückhaltenden Das kleine Mädchen singt, einem traditionellen norwegischen Lied, notiert von Johan Halvorsen (1864-1935). In dieser Zugabe war von keiner Bravour die Rede: mit einer einfachen, warmen Intensität konnte sie mich mit diesem Lied zutiefst berühren.

Über sich selbst hinaus

Nach der Pause änderte sich die Atmosphäre vollständig. Mit der Zweiten Sinfonie von Sergei Rachmaninov (1873-1943) zeigte das umfangreiche EUYO, wozu es fähig war. Bereits ab den ersten dunklen Streichertönen des ersten Satzes war klar, dass uns etwas Großes bevorstand. Der drohende Anfang bekam eine große Intensität, ohne dass Elim Chan die Musik zu früh zu einem Höhepunkt trieb. Diese Erwartung wurde im Laufe der Sinfonie reichlich erfüllt.

Was besonders verblüffte, war die Transparenz des Orchesterklangs. Trotz der umfangreichen Besetzung und der reichen, oft überlappenden Orchestrierung blieb fast jedes Detail hörbar. Auch die verschiedenen Soli wurden vorzüglich gebracht. Chan behielt sowohl die große Architektur als auch die kleinsten Details im Auge, so dass die vielen Stimmen in der Partitur ihren Platz bekamen, ohne dass das Ganze seinen Zusammenhang verlor.

Der zweite Satz wurde flott gespielt, mit einem schönen Ohr für die lyrischen Details. Die Musik bewegte und atmete ständig weiter, ohne sich in einer übertriebenen romantischen Breite zu verlaufen. Der dritte Satz war der Moment, in dem diese Aufführung wirklich über sich selbst hinausging. Die Musik wuchs langsam zu ihrem Höhepunkt heran, und die gut berechnete Beschleunigung schien zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr nur musikalisch zu sein: es war, als würde das Herz schneller schlagen, was es wahrscheinlich auch bei vielen Konzertbesuchern tat. Gerade in dieser Entwicklung zeigte Chan ihre große Beherrschung des Orchesters: nirgends erzwang sie die Spannung, sondern baute sie immer weiter auf, bis die Entladung unvermeidlich wurde.

Auch für das Finale wurde ein Moment der Ruhe gelassen. Danach brach die Musik in Energie und Spielfreude los. Rachmaninov hat sein Orchester keineswegs geschont und scheint es manchmal mit einer Fülle von Noten überfluten zu wollen, aber Chan wusste auch diese musikalische Überflülle perfekt zu kanalisieren. Die verschiedenen Linien blieben hörbar und das Finale bekam eine enorme Geschwindigkeit und Überzeugungskraft. Die jungen Musikerinnen und Musiker spielten mit einer Präzision, die ständig im Dienst des Ausdrucks blieb, und mit einer Spielfreude, die den Saal mühelos mitnahm.

Es war wahrlich eine verblüffende Aufführung. Während Brahms hauptsächlich die Qualität des Orchesters hören ließ, fiel bei Rachmaninov jedes Puzzlestück an seinen Platz: die enorme Orchesterbesetzung, die technische Beherrschung, die feinsinnigen Soli, das Gespür für Details, die großen Linien des Aufbaus und vor allem der gemeinsame Atem, mit dem dieses junge Ensemble die Sinfonie Gestalt gab. Young Euro Classic will jungen Musikern ein Podium geben und gleichzeitig zeigen, welche Zukunft die klassische Musik in Europa hat. Das EUYO machte diese Ambition an diesem Abend mehr als wahr.

Der ausgelassene Applaus erhielt eine schöne Fortsetzung mit Nimrod aus den Enigma Variations von Edward Elgar (1857-1934). Das Orchester spielte das Werk verhalten und mit langem Atem und bot genau die Ruhe, die nach der enormen emotionalen Entladung von Rachmaninov notwendig war. Ein verhaltenem Abschied von der Musik, aber noch lange nicht vom Abend.

Musikalisches Fest

Danach geschah etwas, das mindestens so sympathisch war wie die außergewöhnliche Aufführung selbst. Das Orchester stand auf und die jungen Musiker begannen, spielerisch durcheinander zu laufen, während Amparito Roca von Jaime Texidor (1884-1957) für einen ansteckenden musikalischen Abschluss sorgte. Die Musiker teilten ihr Spielvergnügen sichtbar miteinander und mit dem Saal. Auch Elim Chan ließ sich in das musikalische Fest einbeziehen. Es war ein spontaner und entwaffnender Abschluss eines Konzerts, in dem diese jungen europäischen Musiker nicht nur ihr technisches Niveau zeigten, sondern vor allem auch, wie viel Spaß sie am gemeinsamen Musizieren haben.

Details

Wer
European Union Youth Orchestra o.l.v. Elim Chan met María Dueñas, viool
Wo
Konzerthaus, Berlin
Gesehen am
3 August 2026
Bildnachweis
MUTESOUVENIR / Kai Bienert
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