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Rezensionen

Illusion gepaart mit Ergriffenheit

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· 6 Min. Lesezeit
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Illusion gepaart mit Ergriffenheit

The Rake's Progress in De Nationale Opera in Amsterdam zieht deutlich die Karte des Gefühls. Sie beginnt damit, dass Anne Trulove vor dem geschlossenen Vorhang leise und traurig auf die Bühne kommt und einen kleinen Blumenstrauß sanft niederlegt. Die Szene wird am Ende der Aufführung wiederholt und hat unterdessen an Bedeutung und Kraft gewonnen. Der Kreis schließt sich und zwischen beiden Momenten erleben wir die Eskapaden des „Taugenichts" Tom Rakewell.

Igor Stravinsky ließ sich für seine Oper von den Gemälden von William Hogarth inspirieren, und zwar während eines Besuchs im Chicago Art Institute am 2. Mai 1947. Sie wirkten auf ihn wie eine Reihe von Szenen aus einem Theaterstück. Er wollte sie als Thema für eine englischsprachige Oper verwenden, für die er bereits Pläne hatte, seit er acht Jahre zuvor in Amerika angekommen war. Der Dichter Wystan Hugh Auden und der Autor Chester Kallman schrieben das Libretto. Die Uraufführung fand am 11. September 1951 im Teatro la Fenice in Venedig statt. Stravinsky selbst dirigierte die „prima assoluta" mit dem Orchester der Scala und die Rolle der Anne wurde von niemand Geringerem als Elisabeth Schwarzkopf gesungen. Die Aufführungen waren eher ein „social event" als ein künstlerischer Erfolg und die Reichen betraten das Theater über einen Kanaleingang in Gondeln.

The Rake's Progress von Igor Stravinsky ist die bizarre Geschichte von Tom Rakewell, einem jungen Mann, der mit einem lieben und einfachen Mädchen vom Land verlobt ist. Ihr Vater möchte zunächst die Garantie, dass er seine Tochter Anne nicht einem Taugenichts anvertraut. Tom nimmt das Leben auf die leichte Schulter, möchte aber dennoch die Welt zu seinen Füßen haben. Er lässt sich von Nick Shadow, einer betrügerischen Figur und einer Art Mephisto, einfangen, der ihn in einem Jahr vernichtet. Nach den Verführungen des perversen Stadtlebens und einer arrangierten und fehlgeschlagenen Ehe mit einer Dame mit Bart, Baba the Turk, fordert Nick Shadow Rechenschaft. Tom gibt sich noch nicht geschlagen und gewinnt das Kartenspiel, von dem sein Leben abhängt. Nick Shadow bemächtigt sich dann seines Verstandes. Tom wird wahnsinnig und verbringt seine Tage in einer Irrenanstalt, wo Anne ihn ein letztes Mal besucht.

Große weiße Entdeckung

Den Brüdern Simon McBurney und Gerard McBurney, Regisseur und Dramaturg, gelingt es, die ganze Oper als eine Illusion darzustellen, einen Traum, der bald idyllisch, aber auch falsch und pervers ist. Sie gehen buchstäblich von einem „weißen Blatt" aus. Wenn der Vorhang aufgeht, sehen wir die Szene als eine große weiße Box. Eine wunderschöne Projektion bescheint die Wände mit einer Naturszene wie auf einem Gemälde von Constable. Es ist das Bühnenbild des ländlichen Ortes, wo Vater Trulove, seine Tochter Anne und Tom eine mögliche Heirat der Verliebten besprechen. Während der gesamten Oper ist diese Box, die sich als Papier herausstellt, das Bühnenbild, das durch Beleuchtung und Projektion die Lage der verschiedenen Szenen darstellt. Eine glänzende Entdeckung. Nick Shadow betritt die Bühne, indem er sich „durch das Papier reißt" und so geschieht es mit allen anderen Charakteren. Die materiellen Verlockungen der Stadt werden mit Projektionen von Londoner Wolkenkratzern und Börsentabellen dargestellt. Für die Verlockungen des perversen Geschäftslebens mit Alkohol und Sex steht ein großes weißes Bett im Zimmer. Sogenannte Geschäftsleute und Prostituierte (m/w) springen herum. Ein lebendiger Tumult, der Tom verwirrt und in seinen Bann zieht. Baba kommt in einer weißen Luxuslimousine an und ihr Zimmer ist wie ein Schlossgemach des achtzehnten Jahrhunderts, in dem all ihre extravaganten Souvenirs nicht nur an den Wänden, sondern auch von der Decke hängen. Man hat nicht genug Augen, um alles zu sehen und zu verfolgen. Das Kartenspiel, bei dem Nick Shadow Toms Leben von den Karten abhängig macht, bekommt durch vier Karten mit einer Hand durch den Boden eine schauderhafte Spannung. Tom wählt jedes Mal richtig und spart sich so sein Leben, aber Shadow entzieht ihm den Verstand. Als Wahnsinniger verbringt er seine Tage in dem sauberen, leeren weißen Zimmer.

Reine Liebe versus listige Verführung

Jeder Auftritt von Julia Bullock, die in ihrer Liebe zu Tom standhält, ist ein Moment der Zärtlichkeit und Hoffnung. Trotz seines Verrats bleibt sie ihm treu. Bullock zeigt eine ergreifende Anne Trulove, die – immer aus dem Zuschauerraum kommend – sich sozusagen dem Zirkus fernhält, in den sich Tom hat verwickeln lassen. Ihr schöner Sopran klingt warm und von Herzen: eine gewinnende Frau und Sängerin, die Verkörperung der reinen Liebe. Paul Appleby ist entwaffnend in seiner Naivität und seinem Heroismus. Man kann ihn nicht als eine negative Person sehen, sondern eher als ein Opfer, das unwissentlich mit sich spielen lässt. Sein Drang nach Freiheit und Reichtum bringt ihn auf den falschen Weg. Sein Stimmtimbre ist schön, beherrscht und voller Kraft. Seine Energie ist proportional zu dem Tempo, in dem er seinem Untergang entgegengeht. David Pittsinger bringt einen aufrichtig glaubwürdigen Vater auf die Bühne, einen geradlinigen Mann mit dem Herzen am rechten Fleck. Baba the Turk wird meisterhaft von Countertenor Andrew Watts gesungen. Er bietet eher eine würdevolle und elegante Interpretation als ein Monster oder eine lächerliche Gestalt. Und dann ist da natürlich noch die entscheidende Partie des Nick Shadow: ein Yuppie, der die Welt zu seinen Füßen hat und die Menschen um seinen Finger wickelt. Der strahlende Bariton von Kyle Ketelsen ist so beweglich wie seine Tricks. Seine Mimik ist grinsend und verführerisch. Es gelingt ihm ausgezeichnet, die wirklich negative Figur zu verkörpern.

Ivor Bolton unterstützt aus dem (angehobenen?) Orchestergraben sehr nuanciert die Sänger in ihren oft rhythmisch schwierigen Gesangspartien, die regelmäßig an Dissonanz und Sprechgesang grenzen. Ein äußerst sorgfältiger Dirigent, der auch das Nederlands Kamerorkest durch die mal verspielte, mal angespannte Partitur leitet. Es sind schöne Details zu hören, zum Beispiel von den Bläsern (Fagott, Trompete) und dem Cembalo. Alles sehr präzise getaktet und das szenische Juwel musikalisch vollendet. Großes Lob auch für den Chor und die Statisten und natürlich auch für Keira, das niedliche Hündchen von Baba! Eine Aufführung, in der illusionäre Vorstellung mit herzerwärmender Zärtlichkeit auf einem Untergrund der Tragik einhergeht.


  • WAS: Igor Stravinsky (1882-1971) | The Rake's Progress
  • REGIE: Simon McBurney
  • STIMMEN: David Pittsinger, Julia Bullock, Paul Appleby, Kyle Ketelsen, Andrew Watts, Hilary Summers, Alan Oke, Evan Hughes
  • ORCHESTER: Nederlands Kamerorkest, Koor van de Nationale Opera u.L.v. Ivor Bolton
  • WO: De Nationale Opera, Amsterdam
  • WANN: Sonntag 11. Februar 2018 – Vorstellungen noch bis 21. Februar
  • FOTOCREDIT: © Monika Rittershaus
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