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Rezensionen

Frohes neues Jahr Lenny

V
· 6 Min. Lesezeit
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Frohes neues Jahr Lenny

Das musste ich einfach mal loswerden: Ich hasse Konzerte und Aufführungen, die zu spät beginnen. Pünktlichkeit und Respekt gehen Hand in Hand. In deSingel versucht man, das streng zu handhaben. Dieses Neujahrskonzert begann pünktlich – ein schöner Anfang für ein neues Jahr, das Schule machen sollte.

Symfonie Orkest Vlaanderen begrüßt das Jahr festlich mit einer Hommage an Leonard Bernstein, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Ein Künstler, der sich nicht leicht einordnen lässt: Pianist, Komponist, Lehrer, Mentor und Inspirationsquelle für viele. Leonard Bernstein hatte auch die einzigartige Gabe, die breite Öffentlichkeit auf liebenswerte Weise in den Aufbau einer klassischen Komposition einzuführen. Er vereinte Provokation und Charme. Dirk Brossé hatte das Glück, Bernstein ein paar Mal persönlich zu treffen. Er war und ist fasziniert von seinem Talent und seiner Vielseitigkeit. Auch Brossé hat sein künstlerisches Talent nicht unter den Scheffel gestellt: Trompeter, erfolgreicher Komponist und geachteter Dirigent auf der internationalen Musikbühne. Hier ist sicherlich von Geistesver­wandtschaft die Rede.

Neben einer Auswahl aus Bernsteins Werken enthält dieses Neujahrskonzert auch Werke von Brossé selbst, die sich dem Thema FRIEDEN widmen – in dieser turbulenten Zeit. Dies als Würdigung der pazifistischen Ideale seines Idols Bernstein. Nach dem Attentat auf J.F. Kennedy, einen guten Freund des Komponisten, verkündete dieser in einer Rede: „Um sein Andenken zu ehren, werden wir noch schönere und noch interessantere Musik machen als Gegengewicht zu all der Gewalt." Mit der Zusammensetzung dieses Neujahrskonzerts machen Dirk Brossé und Symfonie Orkest Vlaanderen eine ernsthafte Aussage. Natürlich wurden die obligaten Walzer nicht vergessen, die zu einem Neujahrskonzert gehören wie Salz und Pfeffer zu einer Mahlzeit.

TEIL 1

Maestro Dirk Brossé betritt die Bühne nicht in steifem Anzug, sondern in einem locker sitzenden langen indischen Hemd, einer Kurta, die ihm viel Bewegungsfreiheit gibt. Vor der Pause wird das vielseitige Werk Bernsteins, bekannte und weniger bekannte Nummern, zu Gehör gebracht. Beginnend mit der funkelnden Candide Overture und Suite (1956), voller Variationen und Klangfarben. Gefolgt von Divertimento, das Bernstein 1980 anlässlich des hundertsten Jahrestags des Boston Symphony Orchestra komponierte. In einem experimentellen Ansatz stellte sich Bernstein die Aufgabe, eine Komposition um die Noten B (si) und C (do) zu entwickeln, die für Boston und Centennial stehen. Dies führte zu einer reichen und differenzierten Komposition, einer Abfolge einiger prägnanter Charakterstücke. Schwer zu spielen aufgrund der komplexen Struktur, aber Brossé führt das Orchester mit feinem Gespür hindurch. Manchmal rein, ätherisch und nostalgisch, aber auch mit volkstümlichen und fröhlichen Fragmenten. Danach ein Stück Filmmusik aus On the Waterfront in der Regie jenes anderen berühmten Amerikaners mit Nachhall, Elia Kazan. Filmmusik zu schreiben ist vielleicht eine der schwierigsten Disziplinen. Die Musik muss manchmal fast unbewusst vorhanden sein und manchmal die Handlung vorhersagen, unterstützen oder verstärken. Ganz im Dienste des Bildmaterials. Dirk Brossé wählte das großartige Presto Barbero, mit einer Transkription aus dieser Suite für Blechbläser, Schlagwerk und Klavier. Beeindruckend. Dann holt der Maestro die junge Sopranistin Katrien Baerts hinzu. Eine junge Frau mit bereits beachtlichen Referenzen. Sie erreichte unter anderem das Halbfinale des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs. Das erste Lied, das sie zum Besten gab, war I Feel Pretty aus West Side Story: jung, begehrt und geliebt, das inzwischen zum kollektiven Gedächtnis gehört. Aber wirklich glänzend war sie in der Arie Glitter and be Gay aus Candide. Darin verbirgt Cunegonde mit Lachen und gespielter Fröhlichkeit ihren Schmerz über den Krieg, der ihre Familie zerrissen hat. Katrien Baerts trillert wie eine Lerche, versteckt sich hinter einem Hauch von Verrücktheit, flirtet, sinnlich, schafft es mit großer Wendigkeit ihrer Stimme, die höchste Note zu erreichen, und wechselt mühelos von Euphorie zu Schmerz. Eine äußerst schwierige Partie, bei der sie mit größter Leichtigkeit beherrschte Stimmkontrolle demonstriert. Wie eine Perle in der Musik gefasst. Sie gewann das Publikum für sich. Eine Diva in spe.

TEIL 2

Der zweite Teil eröffnet mit der Philadelphia Overture, ein Werk, das Brossé 2010 als Geschenk an die Stadt Philadelphia anlässlich seiner Ernennung zum Music Director von The Chamber Orchestra of Philadelphia komponierte. Er fühlt sich dort wie ein Fisch im Wasser und schaffte es, die vielseitigen Facetten dieser pulsierenden kosmopolitischen Stadt in einer vibrations Farbpalette einzufangen: treibend, entspannend und aufheiternd.

Die Zusammensetzung dieses Neujahrskonzerts ist nicht ganz unverbindlich. 2018 ist auch das Ende des 1. Weltkriegs. Den Großen Krieg dürfen wir niemals vergessen. Hunderttausende junge Menschen, die ihr Leben gaben, damit wir frei wären. Ein Luxus, den nicht viele Menschen auf unserem Planeten genießen dürfen. Zeit zur Besinnung. Dirk Brossé komponierte 2015 zusammen mit Jef Neve und Frederik Sioen das Oratorium Distortion, a Hymn to Liberty. Jeder Komponist gab innerhalb seiner eigenen Sprache eine persönliche Interpretation zum Thema „Frieden und Freiheit". Brossé evoziert den rohen Schmerz einer Mutter. Katrien Baerts verkörpert auf ergreifende Weise I didn't raise my Boy. Eine Melodie so ergreifend wie die stummen Bilder von Käthe Kollwitz, die tiefe Traurigkeit und Niedergeschlagenheit einer Mutter, die ihr Kind verliert. Ein Trauma oder eine Wunde, die nicht heilt. Auch in dieser Gemütslage gelang es ihr, zu ergreifen und unter die Haut zu gehen mit ihrer Interpretation. Gefolgt von Peace: Musik als Pflaster auf der Wunde. Von Grauen und Gewalt zurück zu sichereren Gewässern und vorsichtig aufblühend mit Glauben an eine friedliche Zukunft. Dieses Neujahrskonzert endete mit vier Walzern: Straussiana von Erich Wolfgang Korngold. Dieser österreichische Komponist musste in der Zwischenkriegszeit nach Amerika fliehen. Er erlangte vor allem in Hollywood als Filmkomponist Ansehen. Anschließend The Age of Innocence von Elmer Bernstein, ein Neffe von. Der bekannte Waltz nr.2 von dem rebellischen Dmitri Schostakowitsch und als Schlusspunkt bog Dirk Brossé den Radetzky Mars von Johann Strauss sr. in den Radetzky Walzer um mit neuen kühnen Harmonien. Man findet immer wieder Anknüpfungspunkte mit der Marschversion, aber glatt nimmt die Komposition immer wieder eine andere überraschende Wendung. Ein großartiges Beispiel von Kompositionstechnik.

Dirigent, Solistin und das Symphonie Orchester Vlaanderen wurden mit minutenlangem Applaus belohnt. Es folgte noch eine geschmackvolle Zugabe des libanesischen Komponisten Gabriel Yard, ein kleiner Walzer aus der Filmmusik, die er für den Film Camille Claudel komponierte.

Sie können für dieses Neujahrskonzert noch eine Karte kaufen für die Aufführung am Sonntag, 21. Januar im Musikzentrum de Bijloke Gent und Sonntag, 28. Januar im CC De Spil Roeselare jeweils um 15 Uhr.


  • WAS: Neujahrskonzert Symphonie Orchester Vlaanderen
  • WER: Symphonie Orchester Vlaanderen unter der Leitung von Dirk Brossé mit Solistin Sopran Katrien Baerts
  • WO & WANN: deSingel, Antwerpen, 14. Januar 2018
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