Fauré: Vioolconcert in d, op. 14 (Allegro) - Masques et Bergamasques op. 112 - Élégie op. 24 (für Cello und Orchester) - Pelléas et Mélisande op. 80 (Suite) - Ballade in Fis, op. 19 (für Klavier und Orchester) - Pavane op. 50 - Berceuse op. 16 (für Violine und Orchester)
Es ist am 4. November d.J. genau 100 Jahre her, dass der 89-jährige Gabriel Fauré in Paris starb. Grund genug also, 2024 zum Gedenkjahr auszurufen, was dieses neue Album etwas ganz Besonderes gebracht hat: das überlieferte Allegro aus dem nie vollendeten Vioolconcert in d-moll, das als opus 14 zu Buche steht. Den langsamen Mittelsatz, ein Andante, hat der Komponist noch in seinem Sterbejahr den Flammen übergeben. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Beide Teile erlebten 1880 ihre Uraufführung durch den belgischen Violinisten Ovide Musin, dem das Stück gewidmet war (und der es vielleicht in Auftrag gegeben hat). Auf Spotify bin ich auf nur eine frühere Aufnahme gestoßen, mit dem Violinisten Philippe Graffin und dem Ulster Orchestra unter der Leitung von Thierry Fischer, 2002 vom britischen Label Hyperion veröffentlicht, mit darüber hinaus noch einer Reihe von ‚seltenen französischen Werken für Violine und Orchester', wie der Albumtitel lautet. Ausgezeichnete Aufführungen übrigens. Aber da ist nun Renaud Capuçon, der nicht nur die Solopartie übernimmt, sondern auch das Orchestre de Chambre de Lausanne dirigiert, dessen künstlerischer Leiter er seit 2021 ist. Und gesagt muss werden: Er zeigt noch einen Hauch mehr Raffinement, wie das auch für dieses Kammerorchester aus Lausanne gilt, dessen künstlerischer Leiter er seit 2021 ist. Was für dieses Allegro gilt, gilt gleichermaßen für einen großen Teil des Gesamtwerks von Fauré: romantisch und sensitiv, aber streng reguliert, mit Ausdruck und Formgebung schön im Gleichgewicht. Andere wichtige stilistische Merkmale sind ein gewisses Maß an Zurückhaltung, Verfeinerung und Intimität. Aber dieses Allegro ist auch aus einem anderen Grund interessant, denn die Anzahl der übrigen Werke für Soloinstrument und Orchester lässt sich an weniger als einer Hand abzählen: die Ballade in Fis-Dur op. 19 für Klavier und Orchester (ursprünglich ein Klavierwerk), die Fantasie in G-Dur op. 111 für Klavier und Orchester, die Elegie op. 24 für Cello und Orchester op. 24 und die Berceuse op. 16 für Violine und Orchester (ursprünglich für Violine und Klavier). Hinzu kommt, dass Fauré als Komponist eine klare Vorliebe für kleine Besetzungen hatte. Auf diesem Album sind auch die Opern 16, 19 und 14 vertreten. Mit einer Gesamtspieldauer von gut 71 Minuten wäre gerade noch Platz für die Fantasie op. 111 (ca. 14 Minuten) gewesen. Aber kein Streit darüber. Capuçon erweist sich in diesem Programm als idealer Interpret, leicht und hell, in fließendem Stil, aber gleichzeitig vollkommen präzise artikulierend, meisterhaft in seiner Erforschung von Schattenspiel, von Clair-obscur, empfindsam, bezaubernd, auch intuitiv, warm im Ton und mit seidigem Glanz. Merkmale, die sich auch im Kammerorchester wiederfinden, das hier ebenfalls optimal performt. Die Phrasen sind bis ins Detail ausgearbeitet, die Tempi und Temiwechsel perfekt gewählt und die melodische, harmonische und rhythmische Beschaffenheit schön gerahmt. Die beiden solistischen Gäste, die Cellistin Julia Hagen und der Pianist Guillaume Bellom, erweisen sich für dieses Programm als gleichermaßen gelungene Wahl durch ihren technisch brillanten und interpretativ evocativen Spielstil. Es strahlt so viel Charme aus, dass es den Hörer ständig in seinen Bann hält. Die Schlussfolgerung kann nicht anders lauten, als dass dies – trotz der unvermeidlichen ‚Evergreens' – ein äußerst willkommener Beitrag zum Fauré-Jahr 2024 ist.