***** Mit diesem Händel-Album befindet sich Philippe Jaroussky absolut in seinem ausgewählten Biotop. Im Mai dieses Jahres feierten wir hier den Countertenor noch in seiner jüngsten Aufnahme von Glucks Orfeo ed Euridice als „Eine Stimme rein wie der klare Himmel". Diese Händel-Aufnahme – die übrigens schon vor der Gluck-Oper veröffentlicht wurde, muss sich davor nicht verstecken.
Jaroussky wählte bewusst eine Reihe von weniger bekannten Arien aus Händel-Opern: eine interessante Wahl, denn so bekommen wir zumindest nicht die x-te Ombra mai fu aus Serse, sondern dafür die schöne, aber weniger populäre Arie des Arsamene, Sì, la voglio e l'otterrò – eine Partie, die bei der Uraufführung 1738 in London von einer Mezzosopranistin gesungen wurde. In seiner eigenen kurzen Einleitung zur Wahl der Arien erläutert Jaroussky, dass Countertenöre bisweilen Partien singen, die Händel ohne Bedenken den zur Verfügung stehenden Sängern anpasste. Jaroussky hat daher bestimmte Arien angepasst, um sie so bequem wie möglich zu singen. Wenn man das Ergebnis hört, kann man dagegen schwer etwas einwenden!
Der Klang von Jarousskys Countertenor ist im Laufe der Jahre honigsüß geworden, aber dann auch ein tiefintensiver Heidehonig. Die dünne Schärfe ist verschwunden, während er immer noch sehr eindringlich klingt. Darüber hinaus ist die Textgestaltung immer noch unwiderstehlich richtig. Boshafte Empörung in den Worten „braccio vile" (verächtlicher Arm) des Radamisto kann in einer anderen Arie mit ergreifender Sanftheit abwechseln, die die Lieblichkeit seiner betrauerten Geliebten beschwört (Ombra cara di mia sposa). Die Heftigkeit des Riccardo (Agitato da fiere tempeste) kontrastiert dann wiederum scharf mit der herrlich sanften Passage des Siroe (Son stanco), in der er seine Unschuld bekennt. Wechselnde Gefühle sind für Jaroussky Markenzeichen seiner Gesangskunst und Nährboden für die extreme Farbenpracht seiner Stimme mit fehlerlosen Trillern. Sein Ensemble Artaserse spielt voller Dynamik und voller Energie, aber immer in Harmonie mit der Emotion des Charakters.
Jaroussky endet seinen CD-Text mit der Hoffnung, dass der Hörer davon genießt, wie sie es genossen haben, das Programm zu spielen. Was mich betrifft: absolut keine eitle Hoffnung!
- WAS: The Händel Album
- WER: Philippe Jaroussky (Countertenor) & Artaserse
- AUSGABE: Erato 0190295774455