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Rezensionen

Doppelt und tief bewegt

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· 8 Min. Lesezeit
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Doppelt und tief bewegt

Mit nicht weniger als sieben Konzerten in neun Tagen fahren Alina Ibragimova, Nils Mönkemeyer, Christian Poltéra und William Youn derzeit durch Deutschland. Das neu zusammengesetzte Ensemble überschritt dabei auch kurz die Grenze und erfreute deSingel mit Klavierquartetten von Mozart, Brahms und … Mahler.

In der Pop- und Rockmusik nennt man so etwas eine Supergroup. Denn jedes Mitglied dieses unveröffentlichten Ensembles hat auch eine blühende Solokarriere UND, mindestens genauso wichtig, ist seit vielen Jahren als Kammermusiker tätig. So ist Geigerin Ibragimova Primaria des gepriesenen Chiaroscuro Quartet, stand Altist Mönkemeyer an der Wiege des Julia Fisher Quartett und ist Cellist Christian Poltéra Teil des Trio Zimmermann. Auf der Facebook-Seite des Pianisten William Youn lesen wir dann: „I love chamber music, always have and always will, and I am very glad that it plays such a big role in my life as a musician." Und so betraten an diesem Abend reichlich Talent, Erfahrung und Enthusiasmus die Bühne, um einen mitreißenden Vortrag daraus zu machen. Darüber hinaus war das Programm von gleich hoher Qualität. Die Quartette für Klavier(forte) und Streicher von Mozart und Brahms gehören ohnehin zur Spitze des Genres. Beide sind sogar in einer Kategorie für sich. Aber das Quartett begann mit einem Unikum: dem einzigen Kammermusikwerk von Mahler, das wir kennen.

Wer Gustav Mahler sagt, der denkt natürlich zunächst an singende Sinfonien und orchestrale Lieder. Als Komponist war das sein ganzes Leben lang sein Kerngeschäft. Aber wie es sich für einen lernbegierigen Studenten gehört, scheute er während seiner Jahre am Wiener Konservatorium das kammermusikalische Experiment nicht (1875-1878). Im Gegenteil, Mahlers erste Kompositionen waren fast ausschließlich Kammermusikwerke. Während seiner Ausbildung gewann der junge Gustav sogar zweimal einen Preis mit – nota bene – dem Eröffnungssatz und einem Scherzo aus einem Quintett für Klavier und Streicher. Diese Proben sind leider verloren gegangen, ebenso wie viele seiner anderen Arbeiten aus dieser Zeit. Oder das ist zumindest die Annahme. In den 1960er Jahren tauchte nämlich der erste Satz eines Klavierquartetts auf, das 1964 in New York erstmals öffentlich aufgeführt wurde. Die überzeugende Weise, in der dieser etwa zehn Minuten lange Klavierquartettsatz dramatische Kraft mit warmblütiger Lyrik verbindet, lässt bedauern, dass Mahler sich diesem Medium nicht weiter zugewandt hat. Ibragimova und ihr männliches Gefolge gaben davon eine ebenso eindringliche wie beschwörende Emanation. Zwischen den unheilvollen Akkorden im Klavier, mit denen Mahler einsetzt (Nicht zu schnell), und den verklingenden Pizzicati am Ende hörten wir einen Block aus Intensität. Ibragimova und Mönkemeyer trieben sich dabei entschlossen zu größtmöglicher Ausdruckskraft voran. „There has to be passion",

, und diese Leidenschaft war von Anfang an dieses Konzerts gut zu hören. Die Kadenz, die kurz vor der Koda in der ersten Violine auftaucht – ungemein rubato und leidenschaftlich – war zu diesem Punkt exemplarisch.

Manische Energie

In einem Brief an seinen Vater Leopold schrieb ein selbstbewusster Mozart am 7. Februar 1778: „[…] denn ich kann so ziemlich, wie sie wissen, alle art und styl vom Compositions annehmen und nachahmen." Und das war, was dachten Sie, keineswegs übertrieben. So zeigte sich erneut, als Wolfgang sieben Jahre später von Kollege und Verleger Franz Anton Hoffmeister gebeten wurde, drei Klavierquartette zu komponieren. Es war ein Genre, das zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckte. In den vorhandenen Beispielen hatten die Streicher noch eine untergeordnete Rolle. Als Mozart Mitte Oktober 1785 sein erstes Exemplar ablieferte – ein dreiteiliges Klavierkonzert in Taschenformat – wurde bald klar, dass diese Zeit vorbei war. Dass das Werk auf diese Weise außerhalb der Reichweite von Amateuren und Liebhabern lag, hatte Auswirkungen auf die Verkaufszahlen, in solchem Maße sogar, dass Hoffmeister seine Bestellung prompt stornierte. Aber wer dieses Klavierquartett heute hört, wird immer wieder von der großen Spielfreude bezaubert, die diese Musik auslöst. So auch heute Abend. Wie Dirk Mommertz, Pianist des Fauré Quartett, im folgenden Video darlegt: Kammermusik ist die höchste Form der Kommunikation. Und der erste Satz (Allegro), ebenso wie das vierte Streichquintett (KV 516) und die vierzigste Sinfonie (KV 550) in der Molltonart Sol, liefert ein wundersames Beispiel dafür. Der konstante Dialog, bald ernsthaft und bald funkelnd, den die vier Musiker so führten, klang sehr spontan, alles andere als theatralisch. Sie reagierten gewandt aufeinander, was besonders in der wunderschönen Durchführung zu verfeinerten Zusammenspiel führte. Youn entpuppte sich dabei als ein Pianist mit Sinn für Balance und klare Intonation. Auch im sanftmütigen Andante koppelte das Quartett Raffiniertheit mit Beherrschung und Einfühlungsvermögen. Hier und da wurde die Partitur mit subtiler Verzierung geschmückt. Die Aufmerksamkeit für dynamische Nuance machte es ganz perfekt. Jeder Hauch von Routine blieb schließlich auch im melodischen Finale weg (Allegro moderato). Es schien stattdessen, als würde das Publikum die Musik zusammen mit den Ausführenden zum ersten Mal entdecken: voller Frische, manchmal mit einem etwas herberen Klang, aber immer Zeugnis von unverkennbarem Genie. Das Herz liebt alle schönen Dinge. Und so spricht Mozart direkt zu uns, berührt er uns tief in der Seele.

Die Kammermusik von Brahms ist gewöhnlich schwerer verdaulich. Sie gibt ihre Geheimnisse nicht so schnell preis, liegt manchmal schwerer im Ohr, aber bietet gerade deshalb umso mehr Befriedigung, wenn die vielen Noten genau an ihren Platz zu fallen scheinen. In solchen Momenten schwingt es manchmal herrlich aus. Wie im bewegten Finale seines dritten (und letzten) Klavierquartetts zum Beispiel. Dennoch ist die Grundstimmung dieses Werkes nicht dazu geeignet, einen fröhlich zu stimmen. „Sie dürfen auf dem Titelblatt ein Bild anbringen, nämlich einen Kopf mit der Pistole davor. Nun können Sie sich einen Begriff von der Musik machen!", schrieb ein einigermaßen ironischer Brahms 1875 an seinen Verleger Fritz Simrock. Anlass für dieses suizidale Kokettieren war seine unmögliche Liebe zu Clara Schumann, mit der sich der Komponist sein Leben lang mehr oder weniger auseinandersetzen musste, und die in opus 60 auf stürmisch dramatische Weise vertont wird. Dies verschaffte diesem Klavierquartett den Beinamen Werther, nach Goethes tragischem, aber im 19. Jahrhundert immens populärem Romanfigur. Niemand anderes als Clara selbst zeigte sich besonders erfreut über das Endergebnis, hatte aber auch ihre Vorbehalte: „Über das Quartett habe ich noch viel gedacht, die drei letzten Sätze sind mir tief in's Gemüth gedrungen, aber, dürfte ich mir erlauben es zu sagen, ich finde den ersten nicht auf gleicher Höhe stehend, es fehlt mir darin der frische Zug." Der weitgehend düstere erste Satz ist tatsächlich alles andere als ein Witz (Allegro non troppo). Und doch war die fast manische Energie, mit der das Quartett die Zuhörer überflutete, ein Genuss zum Anhören. Während Youn besonders fest durchgriff, ließen Ibragimova und Co. die Saiten seufzen und schneiden. Dieser Kampf setzte sich ungehindert im darauffolgenden Scherzo (Allegro) fort. Nur verlief sich der Pianist hier anfangs in seinem rau artikulierten Getrommel. Auch seine Mitspieler waren nur zu gerne zur rauhen Tour bereit: Der Kontrast zum Mozart vor der Pause hätte nicht größer sein können. Der Anfang des zarten Andante war dann das Signal, um vollends die herrliche „Mara" Stradivarius von Poltéra zu genießen, obwohl seine Mitstreicher ihre Partien mit genauso viel Gefühl phrasierten. Im Allegro comodo wurde etwas zu deutlich sicher gespielt. Der Pianist setzte mit der schwankenden Hauptfigur ziemlich gemächlich an, wodurch das Finale nicht richtig flitzte. Doch es dauerte nicht lange, bis auch hier die rauen Kanten akzentuiert wurden. Aber trotz all des Tumults blieb das Klangbild geschlossen. Es folgte begeisterter Applaus, und der war doppelt und dreifach verdient.

Am nächsten Morgen, so erzählte Poltéra nach dem Konzert in der Künstlerfoyer, musste die neu zusammengesetzte Gruppe schon unbeschönigt früh wieder auf die Straße in Richtung des süddeutschen Göppingen. Dass es keine Zugabe mehr gab, war also durchaus verständlich. Aber auch ohne Zusatzgabe passt es, in dieser einen Vers von Vestdijk zu paraphrasieren: Und niemand trauert … der bei diesem Konzert anwesend war.


  • WAS: Gustav Mahler (1860-1911) – Klavierquartettsatz in a | Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) – Quartett für Klavier und Streicher Nr. 1 in g (KV 478) | Johannes Brahms (1833-1897) – Quartett für Klavier und Streicher Nr. 3 in c (opus 60)
  • WER: Alina Ibragimova (Violine), Nils Mönkemeyer (Viola), Christian Poltéra (Cello) und William Youn (Klavier)
  • WO: deSingel, Antwerpen
  • WANN: Donnerstag 4. April 2019
  • FOTOS: © Sussie Ahlburg | Irène Zandel | Neda Navaee
https://www.facebook.com/310270902396373/videos/495905087896759/
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