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Rezensionen

Demyashkin erobert die Kirche, aber nicht ganz den Thron

W
· 4 Min. Lesezeit
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Demyashkin erobert die Kirche, aber nicht ganz den Thron

Wenn du diese CD auflegst, ohne alle Hintergrundinformationen gelesen zu haben, spürst du sofort, dass hier etwas Besonderes im Gange ist. Dmitry Demyashkin entscheidet sich dafür, sein Programm nicht chronologisch zu bringen: Ravel eröffnet, Liszt folgt, Debussy schließt ab. Auf dem Papier eine bemerkenswerte Wahl, aber die Logik dahinter funktioniert hervorragend, besonders wenn die Werke der drei Komponisten nahtlos ineinander übergehen.

Die drei Teile von Gaspard de la nuit von Maurice Ravel (1875-1937) atmen sofort die richtige Atmosphäre. Die Akustik der Hofkirche St. Leodegar in Luzern erweist sich dabei keineswegs als Hindernis: Trotz des Nachhalls bleibt alles klar, jeder Anschlag ist hörbar. Ondine bewegt sich und glitzert, wenn auch manchmal etwas zu explizit, Le Gibet erhält die nötige Stille, und Scarbo führt mit seiner Launenhaftigkeit die Spannung weiter, allerdings verliert das Spiel bei hohen Geschwindigkeiten stellenweise etwas an Schärfe. Das CD-Booklet erklärt diesen explizitereren, härteren Anschlag: Demyashkin wollte die Kirchenakustik gewissermaßen erobern, seinen Klang nicht von dem Raum aufsaugen lassen. Ein verständlicher Ansatz, aber meiner Meinung nach wird dieser Ansatz regelmäßig störend. Es machte mich an manchen Stellen sogar etwas nervös.

In der Sonate in b-Moll von Franz Liszt (1811-1886) bringt er sein Spiel mit ordentlicher Bravour. Über eine halbe Stunde folgt ein intensives Parcours, das nie langweilt und dich von der ersten Note an fesselt. Dort, wo die härteren Anschläge tatsächlich störend wirken, trifft er die lyrischen Passagen wohlüberlegt und zurückhaltend. Es gibt keinen genauen Moment oder Takt, dem man dies vorwerfen könnte – vielmehr ein wiederkehrendes Gefühl, dass der Anschlag hier und da etwas zu viel Kraft erhält für das, was der Augenblick verlangt. Die himmlischen melodischen Linien, die in eine andere Welt zu reichen scheinen, klingen zwar überzeugend und treffend, und über den Rhythmus ist deutlich nachgedacht: Beschleunigungen werden organisch aufgebaut, nicht einfach zum Effekt eingesetzt. Dennoch bleibt ein uneinheitlich positiver Eindruck haften. Es lässt mich fragen, ob diese Werke nicht besser in einem gewöhnlichen Studio aufgenommen worden wären. Ich bin jedenfalls neugierig, wie diese Interpretation bei einem Konzert wirken würde.

Dann fließt Liszt organisch in Debussy über – einer der stärkeren Momente der CD. Während Liszt noch stark von Bewegung und Spannung ausgeht, öffnet Claude Debussy (1862-1918) eine andere Hörerlebniswelt: leichter, transparenter, farbenfroher. In Reflets dans l'eau füllen diese Töne den Raum auf ganz andere Weise als bei Liszt, mit schön aufgebautem Schweigen und einer sicheren Registerwahl. Hommage à Rameau bringt wieder etwas mehr Gewicht und klingt hier besonders überzeugend, mit einer Tragheit, die sich genau richtig anfühlt. In Mouvement jedoch, dem abschließenden Stück, kehrt der zu explizite Anschlag störend zurück: Wo dieses Teil leicht und rhythmisch witzig aufgehen sollte, spielt Demyashkin stellenweise zu kräftig durch, und das beeinträchtigt den feinen, transparenten Schluss, den Debussy hier eigentlich verlangt.

Dass der Raum eine so große Rolle spielt, ist kein Zufall: Die Aufnahme wurde nachts in der Hofkirche gemacht, wenn die Kirche völlig zur Ruhe kam, und es wurde bewusst für eine natürliche Aufzeichnung ohne künstliche räumliche Effekte gewählt. Die CD erscheint in Luxusformat: Neben der normalen CD erhältst du auch eine Pure Audio Blu-ray mit unter anderem Stereo, 5.1 DTS-HD MA, Dolby Atmos und Auro-3D. Nette Gimmicks für diejenigen, die darauf stehen, aber persönlich hätte ich eine Videoaufnahme viel interessanter gefunden – wenn nur, um zu sehen, wie diese kraftvollen Anschläge live in diesem Kirchenraum aussehen.

Was mich weiter stört, ist die begrenzte Spieldauer von kaum drei Viertelstunden. Für eine Veröffentlichung, die sich so deutlich auf die Atmosphäre der Nacht profiliert – durch das gewählte Repertoire selbst, aber auch durch die nächtliche Aufnahmesession in der Kirche – hätte sich eine Ergänzung mit anderem nächtlichen Klavierrepertoire angeboten: Denke an Chopins Nocturnes, Griegs Nocturne aus den Lyrischen Stücken oder Schumanns Nachtstücke.

Eine fesselnde Aufnahme zwar, die als Konzept funktioniert und mich trotz meiner Bedenken von Anfang bis Ende zu fesseln weiß. Dennoch werden die großen Namen hier nicht von ihrem Thron gestoßen: Denke an Michelangeli's legendäre Gaspard de la nuit, an Argerich oder Zimerman in der Liszt-Sonate, oder an Michelangeli und Gieseking in Debussys Images. Dafür fehlt es Demyashkin manchmal noch an diesem bisschen mehr Leidenschaft, Feuer und Stille, das eine Aufführung vom Außergewöhnlichen ins Unvergessliche hebt.

Besprochene CD

Sacred Impressions

Dmitry Demyashkin

Label
Line-In Spatial Records · LISRO126
Erscheinungsdatum
8 Mai 2026
Anhören Spotify Apple Music
Vollständige Angaben →

Titelliste

  1. 1 Gaspard de la nuit, M. 55: I. Ondine
  2. 2 Gaspard de la nuit, M. 55: II. Le gibet
  3. 3 Gaspard de la nuit, M. 55: III. Scarbo
  4. 4 Piano Sonata in B Minor, S. 178
  5. 5 Images, Book 1, L. 110: I. Reflets dans l’eau
  6. 6 Images, Book 1, L. 110: II. Hommage à Rameau
  7. 7 Images, Book 1, L. 110: III. Mouvement
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