Mit ein wenig Fantasie sah es aus, als würde das Publikum hüpfend und tanzend aus dem großen Saal des Chassé Theater in Breda strömen. Die Gesichter strahlten und man sprach sich gegenseitig auf die großartige Apotheose an, die das Musikensemble dem Breda-Publikum beschert hatte.
War es drinnen Karneval gefeiert worden? Oder war etwas anderes im Gange? Die Antwort lässt sich nicht leicht erraten: Die Besucher hatten eine Oper angesehen. Eine Oper? Karneval? Fest? Vielleicht erraten Sie es bereits, denn welche Oper endet als tanzende Feier? Orphée aux enfers von Jacques Offenbach (1819-1880). Sie wissen ja, mit diesem berühmten Cancan. Und Opera Zuid machte aus dieser Oper im Chassétheater wirklich ein Fest.
In der Eingangshalle traf ich verschiedene Personen von Opera Barok, eine Initiative, die ich vor zehn Jahren startete, um gemeinsam mit Interessierten eine vollständige Barock-Oper (manchmal auch drei Stunden lang) auf DVD anzuschauen, die ich selbst einleitete. Sie waren alle überrascht. Eine von ihnen fragte mich sogar, ob diese Oper wirklich original sei. Die Geschichte und besonders die Inszenierung kamen ihr ziemlich übertrieben vor. Sie war es gewohnt, eine barocke Version des Orpheus-Mythos zu sehen. Oft begann ich die Saison mit einer Barock-Oper über Orfeus und Euridice: L'Orfeo von Claudio Monteverdi, La morte d'Orfeo von Stefano Landi, Orfeo von Luigi Rossi, La descente d'Orphée aux enfers von Marc-Antoine Charpentier, oder eine zeitgenössische Version wie beispielsweise die Reisopera (mit beweglichem Bühnenbild) oder Orfeo underground von Holland Opera, die sich in einer unterirdischen Parkgarage abspielt.
In all diesen Opern werden immer wieder die gleichen Themen behandelt wie die Musikalität, aber auch die Eitelkeit und Arroganz des Orpheus, die Opferrolle, die er sich selbst zuschreibt, die Frage, warum er sich umschaut, sowie die Frage, warum er sich überhaupt nicht umschauen darf, und die fragwürdige Rolle der Götter in diesem Mythos. Und was ist dabei die Rolle von Euridice? Bis zur heutigen Zeit haben sich unzählige Schriftsteller und Komponisten damit befasst, denken Sie an die Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke, The mask of Orpheus und The Corridor des im letzten Jahr verstorbenen Harrison Birtwisle bis hin zu einer Rockoper von Tito Schipa Jr. Seit der Entstehung der Oper durch eine Gruppe von Intellektuellen in Florenz (der sogenannten Camerata Fiorentina), die die griechischen Tragödien durch gesprochenen Gesang neu beleben wollten, sind laut Wikipedia etwa 75 Orpheus-Opern geschrieben worden! Und fast alle gehen von dem ursprünglichen Mythos aus, wie er von Ovid und Vergil überliefert wurde. Nicht so aber Jacques Offenbach! Er wollte anscheinend mit all diesen Mystifikationen um Orpheus und Euridice kurzen Prozess machen. Er beschloss, die Sache einfach umzukehren: kein Liebesverhältnis, sondern ein Hassverhältnis. Euridice will sich von Orpheus befreien und lässt sich bereitwillig von Aristheus verführen, der sich tatsächlich als der Gott Pluto entpuppt, der sie in die Unterwelt mitnimmt. Orpheus fühlt sich erhoben und befreit, hat aber die öffentliche Meinung nicht berücksichtigt. Diese findet, dass sich Orpheus wie ein abgewiesener Liebhaber verhalten sollte, und schickt ihn zu den Göttern, um Rechenschaft abzulegen.
Und dann beginnt das wahre Spektakel, das Opera Zuid auf besonders schöne Weise inszeniert. Wir befinden uns dann auf dem Gipfel des Olymp, wo sich die Götter sterblich langweilen und genug von Ambrosia und Nektar haben. Sie möchten etwas anderes. Es gibt einen Aufstand, bei dem der Obergott Jupiter fein erinnert wird an seine Eskapaden, bei denen er sich ständig in einen Schwan, einen Stier oder ein anderes Tier verwandelt. Darüber hinaus wird ihm die Schuld am Raub der Euridice gegeben. Das braucht Jupiter sich nicht zweimal sagen zu lassen. Er beschließt, in die Unterwelt zu gehen, um seine Unschuld zu beweisen. Der ganze Götterclique beschließt, mit ihm zu gehen. Sie haben Lust auf so einen Ausflug!
Unterdessen langweilt sich Euridice in der Unterwelt auch. Sie ist von Pluto eingesperrt worden, damit die Götter sie nicht finden können. Aber dann hat er die Listen des Jupiter nicht berücksichtigt, der sich in eine Fliege verwandelt und trotzdem durch das Schlüsselloch in den Keller gelangt, wo Euridice gefangen ist. Wie bei all seinen Eskapaden verführt er sie, und zusammen beschließen sie, die Unterwelt zu verlassen. Aber dann stoßen sie erneut auf die öffentliche Meinung, die sagt, dass sie sich an die Normen und Werte halten müssen, die für alle Menschen und auch für die Götter gelten. Orpheus sollte bei Euridice bleiben. Darauf beschließt Jupiter, dass die beiden zusammen die Unterwelt verlassen müssen unter einer Bedingung: Orpheus darf nicht zurückschauen, bevor er die Oberwelt erreicht hat. Jeder erwartet natürlich, dass er das tut, wie die Mythologie erzählt. Aber Offenbach erfindet einen Trick und lässt Orpheus ohne Umschauen nach oben gehen. Dies zu großem Schrecken des Jupiter, der sein Liebchen verloren sieht. Schnell ergreift er seinen Blitz und schickt ihn auf das verschwindende Paar ab. Orpheus schreckt auf und schaut sich um! Euridice flieht zurück in die Unterwelt, wo das Fest nun richtig beginnt. Zusammen mit den Göttern wird ein wahrhaftiges Festmahl veranstaltet, bei dem Euridice sich als Bachantin entpuppt, während Orpheus und die öffentliche Meinung sich enttäuscht zur Oberwelt begeben.
Dies alles wird mit Schwung von Opera Zuid auf die Bühne gebracht. Die Singstimmen sind ausgezeichnet, der Chor singt wirbelig, die Tänzer bewegen sich ständig überall dazwischen und die Regie ist überwältigend. Offenbach hätte sich hier voll erfreut. Ebenso das Publikum im Chassé Theater in Breda
WAS: Orphée aux enfers, opéra bouffe in vier akten von Jacques Offenbach (1819-1880) mit Libretto von Hector Crémieux (1828-1893) und Ludovic Halévy (1834-1908). Version Mixte (1858/1874) von Jean Christophe Keck im Auftrag von Boosey & Hawkes.* Mit bearbeiteten Dialogen von Benjamin Prins.
WO: Chassé Theater Breda
WER: Opera Zuid, Theaterkoor Opera Zuid, Philharmonie Zuidnederland u.L.v. Enrico Delamboye
Noch zu sehen bis: 26. Juni 2023
Website: https://operazuid.nl/events/orphee-aux-enfers/



