Als ich vor einigen Wochen ihre erste Single auf YouTube hörte, war ich sowohl schockiert als auch fasziniert. Nicht nur war ich überrascht, dass das vokal überlegene Chanticleer, das in den letzten Jahren eher den populäreren Weg beschritten hat, sich nun auf Machaut stürzt. Das Gloria, das sie veröffentlichten, klang bei einem ersten Hören ziemlich bizarr, sowohl in der Interpretation als auch in der Aussprache.
Diese Diktion finde ich verrückt. Nun ja, es sind dann auch Amerikaner, die versuchen, Französisch zu sprechen! Was die Interpretation betrifft: Tim Keeler hat sich dafür entschieden, basierend auf neuesten Erkenntnissen zur mittelalterlichen Aufführungspraxis, Ornamentation und improvisatorischer Freiheit eine wichtige Rolle zu geben. Es klingt ganz anders, als wir es gewohnt sind. Aber gut, auch Ensembles wie Huelgas in ihrem Programm Paris1200 oder Grain de la Voix tun oft "andere" Dinge. Niemand weiß natürlich, wie diese Musik damals wirklich klang, so sehr manche auch behaupten, es zu wissen. Es bleiben immer wieder lobenswerte und oft sehr interessante Versuche.
Die CD ist mehr als hörenswert. Ich habe sie fast in einem Zug gehört, und das ist nicht immer selbstverständlich bei einer Stunde mittelalterlicher Musik von einem Komponisten. Nun ja, Machaut ist nicht der erste beste. Heute ist er nicht nur ein Monument der Musikgeschichte, auch sein Leben liest sich wie ein Roman: vom Dichter am Hof zum Kanonikus der Kathedrale von Reims, von früher mehrstimmiger Kirchenmusik bis zu raffinierten Liebesliedern als Miniaturen. All das ist auf dieser CD zu finden.

Die Sänger bringen die Musik in ihren trendigen Outfits und zeitgenössischer Ausstrahlung auf ungewöhnliche und dadurch frische Weise. Jeder mit Interesse an Chormusik, alter Musik und Machaut kann diese CD unmöglich neben den klassischen Aufnahmen von Hilliard, Peres und anderen missen. Vokal überlegen schreitet dieses amerikanische "Orchestra of Voices" mühelos durch die manchmal komplizierten Partituren. Diese Amerikaner eignen sich Machaut vollständig an. Obwohl das Ensemble in der amerikanischen Chortradition verwurzelt ist, beweist es mit dieser Aufnahme, dass geografische Entfernung kein Hindernis für eine überzeugende Interpretation des französischen mittelalterlichen Repertoires darstellt. Musik ist universell.
Der Wechsel zwischen weltlich und religiös funktioniert zudem besonders gut. Ich finde es sehr angenehm, dass man diese beiden Welten nebeneinander gestellt hat und die Lieder nicht mit der Messe vermischt hat. Das macht die CD homogen, strukturiert und leicht zu hören. Man wechselt als Hörer nur einmal von Notre-Dame zum französischen Hof.
Das wird natürlich auch mit Tim Keeler zu tun haben. Mit Studien an der Princeton University, Cambridge University, der University of Michigan und der University of Maryland baute er sich einen Ruf als Dirigent, Sänger und Dozent auf. Er arbeitete mit spezialisierten Vokalensembles, die für ihre Aufführungen sowohl alter als auch zeitgenössischer Musik bekannt sind. Als Music Director von Chanticleer ist er für sein Interesse bekannt, alte Musik mit einem zeitgenössischen Hörerlebnis zu verbinden.
Im begleitenden Booklet ist zudem eine Seite der Aufführungspraxis gewidmet. Die Annahmen basieren eindeutig auf gründlicher Forschung, nicht nur von Keeler selbst. Das Booklet ist vollständig, informativ und angenehm zu lesen. Abgerundet, sozusagen. Das gilt auch für die Aufnahme. Diese ist ausgezeichnet: räumlich, auf die richtige Entfernung aufgenommen, mit Blick auf sowohl die Individualität der Stimmen als auch die Homogenität des Ensembles. Transparent, sozusagen.
Wie ich bereits sagte: Als ich die erste Veröffentlichung hörte, war ich fasziniert. Jetzt, da ich diese Pre-Release hören konnte, bin ich geradezu begeistert. Weil sie Machaut anders angehen und ihn dadurch bereichern, aber vor allem, weil Machaut einen wichtigen Botschafter bekommt. Chanticleer spricht schließlich ein ganz anderes Publikum an und eröffnet so diese alte europäische Musik für neue Hörer.
Es muss nicht sein, aber es darf: Ich denke, es wird nicht lange dauern, bis ein DJ ein Fragment dieser Aufnahme auf einem populären Festival sampelt. Musik, auch alte Musik, muss leben. Alles, was wir heute von Harmonie und Klang kennen, findet letztlich seine Wurzeln in dieser Zeit. Alte Musik darf leben, besonders wenn sie von einem Ensemble wie Chanticleer mit einer Aufführung wie dieser ausgeht!