Im CD-Beiheft behandelt der belgische Musikwissenschaftler Jan Christiaens ausführlich das Verhältnis zwischen Césars Francks Orgelwerk (1822-1890) und den damals angewendeten revolutionären Innovationen durch den äußerst einflussreichen Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899), der zugleich Begründer der symphonischen Orgel mit ihrem überaus reichen Klang war. Die wohl bekannteste Orgel aus seiner Hand befindet sich in der Pariser Saint-Sulpice, ein Instrument mit nicht weniger als 100 Registern und 5 Manualen.
Franck – und er war wahrlich nicht der einzige Komponist – betrachtete die Orgeln von Cavaillé-Coll als ein Sinfonieorchester an sich und komponierte auch danach. Das ist auch das, was Christiaens in seinen Erläuterungen bemerkt: dass die Zusammenarbeit zwischen Franck und Cavaillé-Coll die Grundlage für eine neue Herangehensweise an die Orgelmusik bildete, hauptsächlich ausgerichtet auf das symphonische Orgelspiel.
Cavaillé-Colls Streben war darauf ausgerichtet, den Orgelklang durch Hinzufügung zusätzlicher Register an mehreren Manualen so sehr wie möglich zu bereichern. Dies war jedoch mit einem wesentlichen Nachteil verbunden: Bei vollem Werk konnte die Windversorgung dann nicht ausreichend für ein stabiles Klangbild sein, während die gekoppelten Manuale das Spielen schneller Passagen keineswegs förderten.
Dieses Bewusstsein war selbstverständlich nicht nur bei den Organisten vorhanden, sondern auch bei dem Orgelbauer selbst, der in seiner Werkstatt daher an praktischen Lösungen arbeitete. So integrierte er die gerade patentierte Barker-Maschine, ein auf Luftdruck basierendes System, das das Spielen erheblich erleichterte. Darüber hinaus verbesserte er die Schwelllade erheblich, die dank ihrer dickeren Wände und besser schließenden Jalousien ein breites Spektrum dynamischer Nuancen ermöglichte – von subtilen, verhaltenen Tönen bis zu kraftvollen Klangexplosionen.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde allgemein anerkannt, dass die Orgeln von Cavaillé-Coll in Klang und Kraft mit dem Sinfonieorchester konkurrieren konnten. Auch Franck war dieser Meinung, wie seine Aussage bezeugt: „Meine neue Orgel ist ein Orchester!" bei seiner Ernennung 1851 zum Organisten der Kirche Saint-Jean-Saint-François in Paris, damals ein wichtiger Schritt in seiner Karriere.
Wir sehen in dieser Zeit ein vollkommenes Zusammengehen zwischen den Innovationen in der Entwicklung der Orgel, deren positive Auswirkungen auf die Spieltechnik und auf die neue Orgelliteratur. Als Franck 1858 als Titularorganist in der Kirche Sainte-Clotilde tätig wurde, erhielt er am 19. Dezember 1859 die Gelegenheit, zusammen mit dem französischen Komponisten Louis James Alfred Lefébure-Wély (1817–1869) eines von Cavaillé-Colls neuen Meisterwerken einzuspielen, was zugleich die Geburt seines ersten großen Orgelwerks bedeutete: die Six Pièces.
Das auf zwei CDs aufgenommene, vollständige Orgelwerk von César Franck durch den belgischen Organisten und Musiklehrer Ignace Michiels (Brügge, 1963) darf auch in der Interpretation als ein Juwel bezeichnet werden. Mancher Orgelliebhaber wird von einem Organisten, der neben einer beeindruckenden Ausbildung – er studierte am Lemmensinstituut in Löwen, den Konservatorien in Brüssel, Gent und Paris (wo er den Prix d'Excellence erhielt) – im Laufe der Jahre ein breites Repertoire aufgebaut hat und weltweit Anerkennung genießt, wenig anderes erwartet haben.
Michiels lässt die Musik sprechen. Das klingt wie eine ebenso einfache wie naheliegende Feststellung, aber Sie werden Organisten kennen, die sich bei Francks (und nicht nur seinem) Werk zu Manieriertheit und übertriebener Virtuosität vergeben. Die wenig mit Gediegenheit und Nüchternheit zu tun haben, sondern die Musik selbst gerade dadurch weniger zu Wort kommen lassen. Michiels handhält glücklicherweise andere, bessere Maßstäbe, wodurch das Orgelwerk von Franck meiner Ansicht nach am besten zur Geltung kommt.
Aber dann… Michiels hat kein Cavaillé-Coll-Orgel verwendet, sondern die von Klais in der Sint-Salvators-Kathedrale in Brügge, übrigens eines der ikonischsten Gebäude der Stadt, auch die Hauptkirche des Bistums Brügge. Hier finden Sie die Angaben und eine Abbildung der Orgel.
Franck- und folglich Orgelliebhaber werden sich Francks Orgelwerke wohl am liebsten auf einer Cavaillé-Coll anhören (aufgenommen von u.a. Daniel Roth, Michel Bouvard (hier von Siebe Riedstra besprochen), Bram Beekman und Piet van der Steen), aber auch die Klais-Orgel entfaltet sich unter den Händen (und Füßen) von Michiels dank der symphonischen Proportionen mit großer Eleganz. Man könnte auch sagen: wer in dieser Hinsicht nicht großzügig ist, verpasst viel. Und das angesichts so vieler Aufnahmen von Francks Orgelwerk (obwohl nicht alle noch erhältlich sein werden).
Michiels ist ein großartiger Organist, der auf einer ebenso beeindruckenden Orgel die Musik von Franck wunderbar zum Leben bringt. Laut den Aufnahmeangaben im Beiheft wurden diese Orgelwerke an einem Tag aufgenommen: am 24. Mai 2024. WENN das so ist, bedeutet dies eine beispiellose Leistung. Ein ganz kleiner Kritikpunkt: Das Cover erwähnt Organ Works, aber da es sich um Francks komplettes Orgelwerk handelt, hätte dies erwähnt werden müssen. Aber abgesehen davon: von Herzen empfohlen, diese großartige Ausgabe!