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André Cluytens: warum ein großer Dirigent nicht vergessen werden darf

W
· 5 Min. Lesezeit
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André Cluytens: warum ein großer Dirigent nicht vergessen werden darf

Bereits ab den ersten Takten der Symphonie in d-Moll von César Franck (1822-1890) wird deutlich, dass André Cluytens diese Musik nicht als ein spätromantisches Denkmal betrachtet, sondern als eine lebendige musikalische Architektur. Er wählt Tempi, die niemals schleppend werden, sondern ständig in Bewegung bleiben. Dadurch behält die Symphonie ihren natürlichen Spannungsbogen, ohne jemals gehetzt zu klingen. Cluytens vermeidet bewusst das schwere romantische Klangbad, in das dieses Werk so oft getaucht wird. Nirgendwo wird die Spannung künstlich verstärkt oder gebremst; die große Form entfaltet sich organisch, als ob die Musik sich selbst erzählt.

Besonders das Allegretto besticht durch seine leichte, fast tänzerische Eleganz. Die Holzbläser erhalten hier wunderbar dosierte Akzente, die die melodischen Linien ständig Farbe und Relief verleihen, während der warme Streichersound nirgendwo in Wolligkeit oder übertriebener Sentimentalität steckenbleibt. Was vielleicht am meisten auffällt, ist die vorbildliche Balance zwischen den verschiedenen Orchestergruppen. Keine einzige Sektion dominiert das Klangbild; alles steht im Dienste der Partitur. Die Musik scheint hinein- und herauszuzoomen: intime, kammermusikalische Gespräche zwischen wenigen Instrumenten wechseln sich mit einem breiten sinfonischen Panorama ab, in dem das Philharmonia Orchestra seinen reichen, transparenten Klang vollständig entfaltet. Gerade diese Kombination von Beweglichkeit, Transparenz und Orchestermalerei macht diese Aufführung von Franck so unwiderstehlich.

Allein diese Aufführung von Franck macht die Audite-Ausgabe der Mühe wert. Aber während die letzten Akkorde noch nachklingen, stellt sich unweigerlich eine andere Frage: Wie ist es möglich, dass ein Dirigent dieses Kalibers heute fast aus unserem musikalischen Gedächtnis verschwunden ist? Wer kennt André Cluytens eigentlich noch? Sein Name taucht noch in Diskografien von Ravel, Berlioz oder Bizet auf, und Kenner wissen, dass er Anfang der sechziger Jahre mit den Berliner Philharmonikern einen der inspirierendsten Beethoven-Zyklen aufnahm – noch bevor Herbert von Karajan seinen eigenen Zyklus realisierte. Doch außerhalb dieser Liebhaberschar ist es auffallend still um einen Dirigenten geworden, der zu seiner Zeit mühelos neben Charles Münch, Ernest Ansermet und dem etwas jüngeren Jean Martinon genannt wurde.

Das begleitende Essay von Malte Lohmann wirft ein faszinierendes Licht auf den Mann hinter dieser Aufführung. Cluytens, 1905 in Antwerpen als Augustin Cluytens geboren, wuchs in einer außergewöhnlich musikalischen Familie auf, in der Dirigieren, Singen und Musizieren fast selbstverständlich waren. Später nahm er die französische Nationalität an und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Vertreter der französischen Dirigierschule. Doch er war keineswegs ein Spezialist in einem einzigen Repertoire. Er war der erste Franzose, der in Bayreuth dirigierte, und fühlte sich ebenso selbstverständlich in Wagner zu Hause wie in Ravel, Berlioz oder Tschaikowski. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch im Programm des Konzertabends wider, den Audite auf dieser CD zum Leben erweckt.

Auch die Umstände, unter denen diese Aufnahme entstand, sind aussagekräftig. Nach einem Konflikt mit dem festen Festivalorchester wurde 1954 das junge Philharmonia Orchestra nach Luzern geholt. Cluytens teilte sich das Podium mit Furtwängler, Kubelík, Fricsay und Karajan – eine Gesellschaft, die seine internationale Reputation besser illustriert als jede Biografie. Dass bei demselben Konzertabend auch ein sehr junger Solist aus der Sowjetunion auftrat, macht diese historische Aufzeichnung umso interessanter.

Für das Violinkonzert von Aram Khachaturian (1903-1978) wurde der kaum dreiundzwanzigjährige Igor Oistrach engagiert, Sohn und Schüler von David Oistrach, der das Werk 1940 in Moskau uraufgeführt hatte. Mitten im Kalten Krieg war solch eine musikalische Begegnung zwischen Ost und West keineswegs selbstverständlich, doch der junge Oistrach beweist hier, dass er bereits auf eigenen Beinen stand. Sein Spiel verbindet eine fehlerlose Technik mit einer bemerkenswert natürlichen Musikalität. Besonders im warmen Andante sostenuto singt seine Violine mit einer fast vokalen Intensität. Im ersten Satz spielt er die große, technisch äußerst anspruchsvolle Kadenz seines Vaters David – üblicherweise die am meisten gespielte Version und sogar anspruchsvoller als Chachaturians Original – mit einer Virtuosität, die völlig eigenständig klingt, ohne jemals zur Schau gestellt zu werden. Alles bleibt vollständig im Dienste der musikalischen Aussage.

Mindestens ebenso beeindruckend ist Cluytens' Begleitung. Wo Khachaturians Konzert leicht in farbiges Exotismus oder bloßes virtuoses Spektakel ausarten kann, wählt er eine bemerkenswert ausgewogene Herangehensweise. Die armenische Lokalkolorit bleibt vollständig präsent, wird aber niemals zum Selbstzweck. Hinter der glänzenden Oberfläche lässt Cluytens ständig die sinfonische Struktur sprechen, wodurch das Konzert nicht nur als solistisches Visitenkarte glänzt, sondern auch als eine in sich geschlossene Orchesterkomposition. Zugleich verleiht er dem Orchester eine bemerkenswerte rhythmische Spannkraft, wodurch die kantigen Tanzrhythmen und die energischen Orchestertutts ständig ihren natürlichen Schwung behalten. Auch hier zeigt sich erneut, wie treffend Cluytens Spannung aufbaut, ohne die Musik zu übertreiben.

Klanglich überzeugt auch diese Veröffentlichung. Die Originalbänder sind nicht erhalten geblieben und für diese Veröffentlichung wurde auf eine Kopie aus dem Archiv des Institut national de l'audiovisuel zurückgegriffen. In der Praxis merkt man davon kaum etwas. Wie öfter bei Audite wird hier nicht versucht, eine historische Aufnahme künstlich zu modernisieren; die Restauration respektiert ihr Alter und lässt gleichzeitig überraschend viele Details hören. Ludger Böckenhoff lässt die historische Monoklankeit natürlich atmen, mit ausreichend Luft um das Orchester und einer Solovioline, die ihre Präsenz nie verliert.

Vielleicht ist das letztendlich die größte Verdienste dieser Veröffentlichung. Sie dokumentiert nicht nur einen außergewöhnlichen Konzertabend, sondern stellt auch ein musikalisches Gedächtnis wieder her, das langsam zu verblassen drohte. André Cluytens erweist sich nicht als Fußnote neben Karajan, Münch oder Ansermet, sondern als ein Dirigent mit einer ganz eigenen künstlerischen Stimme: energisch, ohne gehetzt zu klingen, transparent ohne distanziert zu werden, warm, ohne je in romantische Übertreibung zu verfallen und immer vollständig im Dienste der Musik. Sein Platz in der Musikgeschichte muss nicht neu erkämpft werden; er muss nur neu gehört werden.

Besprochene CD

André Cluytens conducts Franck & Khachaturian

Philharmonia Orchestra o.l.v. André Cluytens met Igor Oistrakh, viool

Label
Audite · 97.846
Erscheinungsdatum
4 September 2026
Vollständige Angaben →
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