Wer ist Nicolai Tegeler? Für diejenigen, die ihn noch nicht kennen: Er ist ein vielseitiger deutscher Theatermaker, der sich in den letzten Jahrzehnten zu einer der auffälligsten Persönlichkeiten in der deutschsprachigen Kulturlandschaft entwickelt hat. Er begann seine Karriere als Schauspieler, stand jahrelang vor der Kamera und auf der Bühne, entwickelte sich aber allmählich zum Regisseur, Produzenten und dem, was er selbst einen „Kulturunternehmer" nennt. Heute sieht er sich in erster Linie als Geschichtenerzähler, unabhängig von der Funktion, in der er tätig ist. Nicht nur Geschichten spielen, sondern sie auch selbst entwickeln, gestalten und produzieren – das wurde die treibende Kraft hinter seiner Arbeit. Mit Produktionen in Städten wie Bremen, Graz, Bayreuth und Coburg baute er sich einen Ruf als jemand auf, der klassische Texte in einen modernen Kontext übersetzt. Werner De Smet sprach für Klassik Zentral mit ihm über sein neuestes Projekt: Eine Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Jedermann auf dem Weimarer Marktplatz, Mitte August.
Mit dieser neuen Produktion verzichtet Tegeler bewusst auf eine Kopie der berühmten Salzburger Tradition. Er möchte Hofmannsthals ikonisches Werk (1874-1929) dem heutigen Zuschauer wieder näher bringen – nicht als distanziertes klassisches Repertoirestück, sondern als eine unmittelbare Konfrontation mit den großen Fragen des Lebens. Der Kern seiner künstlerischen Vision ist die Überzeugung, dass Kunst Menschen berühren und verbinden kann, und dass Theater am stärksten ist, wenn verschiedene Kunstformen zusammenfließen: Musik vertieft die Emotion, Literatur gibt philosophische Schichten, das Spiel hält den Menschen in den Mittelpunkt. "Wenn alle diese Elemente zusammenkommen, entsteht etwas, das größer ist als die einzelnen Teile", sagt er. Tegeler sieht Theater daher nicht nur als Unterhaltung, sondern als einen Ort, an dem Menschen herausgefordert werden, inne zu halten, über sich selbst, ihre Entscheidungen und ihre Sterblichkeit nachzudenken. Genau deswegen fasziniert es ihn seit Jahren. Jedermann ihn schon Jahre lang fasziniert.
Was fasziniert ihn denn so lange an Jedermann? Das Stück legt nach Tegelers Ansicht eine fundamentale menschliche Wahrheit offen, die nie an Aktualität verliert. "Wir denken alle, dass wir noch Zeit haben", sagt er. "Wir schieben Entscheidungen, Träume oder Versöhnungen vor uns her." Genau darin liegt für ihn die enorme Kraft des Stücks: Es stellt den Menschen vor die Frage, was am Ende übrig bleibt, wenn Erfolg, Besitz und Äußerlichkeiten wegfallen. Obwohl Jedermann starke religiöse Wurzeln hat, betrachtet Tegeler es in erster Linie als ein existenzielles Drama, das weit über den Glauben hinausgeht. Themen wie Angst, Verlust, Schuld, Hoffnung und die Suche nach Sinn sind universell erkennbar. Dadurch berührt das Stück auch Menschen, die wenig oder keinen Bezug zur Religion haben. Für Tegeler geht es Jedermann letztendlich nicht um Dogmen, sondern um die conditio humana selbst.
Gleichzeitig betont er, dass seine Produktion kein provokanter Bruch mit der Tradition sein soll. Die Salzburger Jedermann bleibt für ihn ein Kulturdenkmal, das großen Respekt verdient. Ohne die Salzburger Festspiele hätte sich das Stück vielleicht nie zu dem Symbol entwickelt, das es heute in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ist. Aber nach Tegelers Ansicht hat jede Generation die Verantwortung, ihre eigene Interpretation zu finden. "Ich möchte keine Salzburger Jedermann kopieren", sagt er. "Ich möchte unsere eigene Version erzählen." Genau deshalb spielt die Wahl Weimars eine so wichtige Rolle in dieser Produktion. Für Tegeler gehört die Stadt zu den bedeutungsvollsten Kulturorten Europas. Hier treffen sich das Erbe von Goethe und Schiller, die Geschichte der Weimarer Republik und das Erbe des Bauhaus. Große Kunst und große Ideen, aber auch historische Bruchlinien und menschliche Tragödien – mit der Nähe zu Buchenwald – sind Teil der Identität der Stadt. "Weimar erinnert uns daran, wozu Menschen fähig sind – im Guten wie im Schlechten", sagt er. Nach seiner Ansicht macht genau diese historische Schichtung Weimar besonders geeignet für ein Stück, das sich um Verantwortung, Vergänglichkeit und Menschlichkeit dreht.
Die Verbundenheit mit einer Stadt beeinflusst nach Tegelers Ansicht auch unmittelbar die Art und Weise, wie er eine Aufführung entwickelt. Jeder Ort hat seinen eigenen Charakter, seine Geschichte und sein Publikum, und das verändert automatisch die Atmosphäre einer Produktion. Ein Jedermann in Weimar fühlt sich nach ihm anders an als in den Städten, in denen er das Stück früher bereits aufgeführt hat. Der Kern der Geschichte bleibt derselbe, aber die Umgebung gibt der Aufführung jedes Mal eine andere Energie. Das macht Theater für ihn lebendig und aktuell. Aus diesem Grund wählt er auch bewusst Spielorte mit starker Identität. Er mag keine anonymen oder austauschbaren Theatersäle ohne Geschichte. Marktplätze, historische Orte und besondere Freiluftplätze sollen Teil der Erzählung sein. "Ich suche nach Orten mit einer Seele", sagt er. Der Raum wird so nicht nur Kulisse, sondern ein aktiver Gesprächspartner der Aufführung selbst.
Bei Beginn dieser neuen Produktion stellte sich Tegeler daher eine zentrale künstlerische Frage: Wie erzählst du Jedermann heute so, dass Menschen sich unmittelbar persönlich angesprochen fühlen? Nicht als historische Kuriosität oder klassisches Schauspielspektakel, sondern als eine Geschichte, die unmittelbar über ihr eigenes Leben handelt. Nach seiner Ansicht zeigen die Reaktionen des Publikums, dass dieser Ansatz funktioniert. Viele Besucher erwarten anfangs einen traditionellen Theaterabend, verlassen die Aufführung aber sichtlich bewegt. Nach der Vorstellung entstehen oft Gespräche über Familie, Verlust, Versöhnung oder unerfüllte Träume. Das rührt ihn jedes Mal neu, sagt er. Auch persönlich hat das Stück ihn verändert. Jahrelang an Themen wie Sterblichkeit, Verantwortung und dem Wesen des Lebens zu arbeiten, hinterlässt nach seiner Ansicht unweigerlich Spuren. "Jedermann erinnert auch mich daran, was wirklich wichtig ist."
In einer Zeit, in der Menschen ständig abgelenkt werden und selten noch zur Ruhe kommen, sieht Tegeler zudem eine fast spirituelle Rolle für das Theater. Nicht unbedingt religiös, betont er, sondern spirituell im Sinne einer echten Begegnung mit sich selbst. "Theater kann Räume schaffen, in denen Menschen kurz aus ihrem täglichen Strom aussteigen und sich mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzen", sagt er. Nach seiner Ansicht hat Jedermann heute vielleicht sogar mehr Kraft denn je, weil es das Publikum zwingt, inne zu halten und darüber nachzudenken, was wirklich im Leben zählt. Was er letztendlich hofft, dass die Besucher von der Aufführung auf dem Weimarer Marktplatz Mitte August mitnehmen, ist vor allem Gerührt-sein und Bewusstwerdung. Dass Menschen vielleicht endlich aussprechen, was sie lange sagen wollten. Dass sie dankbar werden für das, was sie haben. Und dass sie erkennen, dass Erfolg, Geld und Besitz einen Wert haben, aber nie das Wichtigste sind.





