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Von kaiserlichem Glanz bis zu stürmischem Triumph

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· 8 Min. Lesezeit
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Von kaiserlichem Glanz bis zu stürmischem Triumph
© Eduardus Lee

Freitagabend, den 14. November, atmete die Amare in Den Haag eine Atmosphäre monumentaler Größe. Das Residentie Orkest unter der Leitung des ständigen Gastdirigenten Richard Egarr nahm das Publikum mit auf eine Reise, in der das Fünfte Klavierkonzert, das Kaiserskonzert, von Ludwig van Beethoven (1770-1827) und die Erste Symphonie von William Walton (1902-1983) sich in Heroik, Lyrik und emotionaler Intensität begegneten.

Was diesen Abend besonders machte, war nicht nur die programmatische Spannungskurve, sondern vor allem die Tatsache, dass Waltons Symphonie in Den Haag schon mehr als siebzig Jahre lang nicht mehr live erklungen war. Das Programm bot einen Kontrast zwischen historischer und moderner Meisterschaft, ein Zusammenspiel zweier Epochen, das selten so überzeugend präsentiert wurde.

Energischer Beethoven


Das Kaiserskonzert eröffnete wie eine Zeremonie: eine Reihe kraftvoller Orchesterakkorde erfüllte den Saal, als wäre es ein Ruf zur Aufmerksamkeit, auf den Solist Lucas Jussen mit einem selbstbewussten, lyrischen Ansatz reagierte. Dieses Konzert, komponiert 1809 während der Napoleonischen Kriege, strahlt Heroik und Größe aus, die sowohl politisch als auch persönlich aufgeladen waren. Beethoven schrieb es in Wien, während die Stadt von französischen Truppen belagert wurde – ein Kontext, der bis heute in der Kombination von Kraft und Lyrik spürbar bleibt. Der symphonische Ansatz des Klavierkonzerts, in dem Solist und Orchester keine Hierarchie, sondern Dialog bilden, war Freitagabend deutlich hörbar.

Lucas Jussen, international anerkannt für seine Virtuosität und Musikalität, brachte diese Kombination von Kraft und Raffinesse überzeugend, wenn auch manchmal mit einem Tempo, das die Transparenz der Klavierlinie etwas unter Druck setzte, aber dank dieser energischen Brillanz wirkte das Konzert weniger zeremonial und umso lebendiger. Klavier und Orchester waren keine Rivalen, sondern Partner in einem ständigen Gespräch von Nuance und Subtilität.
Die Interaktion zwischen Jussen und Egarr war eine der großen Stärken dieser Aufführung. Bei jedem Übergang schien Jussen subtile Hinweise des Dirigenten aufzugreifen, als würden sie sich in einer unsichtbaren Sprache von Gesten folgen. Egarr begleitete den Solisten nicht nur, sondern stimulierte dessen Impulse, wodurch der Dialog zwischen Klavier und Orchester außergewöhnlich organisch klang.

Der erste Satz entfaltete sich wie ein heroischer Marsch. Die Bläser gaben ihre Akzente mit auffallender Klarheit, während die Streicher einen warmen Unterstrom bildeten, der Jussens Artikulation schön trug. Das Publikum folgte atemlos. Im zweiten Satz verlangsamte sich die Zeit. Der Orchesterklang wurde transparent, fast kammermusikalisch. Jussens Phrasierung war hier vorbildlich und großzügig atmen lassend. Der dritte Satz schloss die Reise festlich ab. Funkelnde und virtuose tanzte das Klavier durch das Orchester, mit Dialogen und spielerischen Passagen. Beethovens Kaiserskonzert wirkte nicht wie ein Monument in der Ferne, sondern wie ein lebendes Organismus, in dem Solist und Orchester eins wurden, eine nahezu perfekte Symbiose von Technik und Drama.

Das Finale ließ nicht nur die Größe der Komposition hören, sondern auch die Menschlichkeit dahinter. Besonders war auch der Moment, in dem die Pauke einen subtilen Dialog mit dem Klavier führte. Ähnlich feinfühlige Momente gab es in den anderen Teilen auch mit dem Violoncello oder mit dem Horn, eine schöne Akzentuierung, die mir nach dieser Aufführung besonders in Erinnerung geblieben ist. Diese kleinen, fast beiläufigen Unterhaltungen mit und im Orchester unterstrichen, wie dicht und aufmerksam das Ensemble spielte – eine Qualität, die das ganze Konzert tragen würde. Obwohl nicht alle Details im Klavier immer gleich klar durchklangen und die Gesangslinie etwas mehr Präsenz hätte haben können, gewann Jussens heitere Eleganz und expressives Spiel nahezu alle Herzen.
Als Zugabe spielte Lucas Jussen die Liebestraum von Franz Liszt (1811-1886), ein Moment intimer Lyrik. Diese Wahl wirkte ideal als Atempause für das, was folgen würde.

Ein Sturm der Emotion


Egarr leitete Waltons Erste Symphonie humorvoll ein. Seine leichte Einleitung bildete einen auffallenden Kontrast zu der rohen Intensität, die folgen würde. Es war 71 Jahre her, dass diese Symphonie noch in Den Haag erklungen war. Niemand im Saal hatte das Werk je zuvor live gehört, und niemand des Orchesters hatte es je zuvor gespielt. Egarrs persönliche Verbindung zu dem Werk – er hegt es seit vier Jahrzehnten – gab der Aufführung eine spürbare emotionale Ladung. Mit dem spielerischen Appell "Fasten seat belts" zeigte er seinen Enthusiasmus.

Für mich war es auch ein Traum, der Wirklichkeit wurde; seit dreiundzwanzig Jahren kenne ich die Aufnahmen von Haitink und von Walton selbst, und so lange wartete ich schon darauf, dieses Werk endlich live zu erleben. Diese persönliche Erwartung klang überraschend in der Aufführung nach: selten hört man ein Orchester sich so vollständig auf eine Symphonie werfen, die für alle neu ist. Außergewöhnlich wurde sogar zwischen den Sätzen applaudiert. Diese spontanen Ovationen unterstrichen sowohl die Seltenheit des Werks als auch die unmittelbare Wirkung davon.

Walton begann 1932 mit dieser Sinfonie und vollendete sie erst 1935 nach persönlichen Turbulenzen und kreativen Blockaden. Sein Stil – scharf rhythmisch, emotional ungefiltert und reich orchestriert – verlangt nach einem Dirigenten, der sowohl Klarheit als auch Hingabe bringt. Egarr entschied sich bewusst für Hingabe. Die Sinfonie eröffnete mit einem ersten Satz, der den Hörer sofort in einen Klangwirbel zog: Pauken pulsierden wie ein Herzschlag, die Streicher bewegten sich wellenförmig, Blech und Holzbläser schnitten durch den Saal. Walton führte Themen ein, die sich durch überraschende harmonische Modulationen entwickelten, wobei Bedrohung und Unruhe ständig präsent waren. Freitagabend wirkte es, als würde der Saal selbst Teil der Spannung, die Musik bewegte sich, rieb sich, atmete und heulte gleichzeitig. Egarr leitete dies mit einem scharfen Blick für Dynamik. Die Art und Weise, wie er die Spannungsbögen ausstreckte, ohne die Impulsivität zu verlieren, gab diesem Satz eine seltene Kohärenz. Die Kontrabässe fielen in diesem Satz bemerkenswert homogen auf, mit einer Tiefe, die Waltons dunkle Unterströmungen wunderbar unterstützte.

Das Orchester schien sich ohnehin vollständig auf die Absichten des Dirigenten abzustimmen: Atmung, rhythmische Präzision und dramatische Phrasierung waren untrennbar verbunden, eine Partnerschaft, die Waltons komplexe emotionale Welt vollständig zum Leben erweckte. Die Präzision, mit der sich die Sektionen abwechselten – besonders Blech und tiefe Streicher – gab dem ersten Teil eine fast filmische Intensität. Egarr hatte in seiner Einleitung auch bewusst darauf hingewiesen, dass Walton auch Filmmusik geschrieben hatte und dass John Williams wirklich auf Walton geschaut haben muss…

Das Scherzo folgte als intermezzo bosartig spielerisch. Rhythmische Verschiebungen, scharfe Akzente und kurze Motive erzeugten eine ständige Spannung, als würde das Orchester gleichzeitig necken und drohen. Das Publikum wurde in Spannung gehalten, und das Orchester spielte aufs Schärfste, ein Tanz an der Grenze zwischen Chaos und Kontrolle. Die rhythmischen Schärfen kamen beeindruckend synchron, ein Beweis von Egarrs minutiöser Vorbereitung. Die beißenden Artikulationen und messerscharfe Präzision machten dieses Scherzo zu einem der aufregendsten Momente des Abends.
Das Andante con malinconia bot einen Moment der Introspektive. Soloflöte und zarte Streicher webten einen melancholischen Teppich, der Satz atmete und lud zur Reflexion ein. Egarr ließ die Spannung hier auf subtile Weise fortleben; unterschwellig blieb die emotionale Energie spürbar. Freitagabend wurde dieser Teil mit atmender Phrasierung und sorgfältiger Dynamik aufgeführt, wodurch die innere Spannung umso kraftvoller wirkte. Egarr hielt das Tempo großzügig und getragen, sodass die Melancholie nicht in Sentimentalität versandete, sondern als stille Unterströmung weiterfließen konnte. Die Soloflöte (an diesem Abend wunderbar gepflegt) gab dem Satz eine fast vokale Melancholie.

Das Finale (Maestoso – Allegro brioso ed ardentemente) explodierte in einem grandiosen Triumf von Orchesterfarben. Fanfaren von Blech, rhythmisch scharfes Holzbläserspiel, glänzende Streicher und der dramatische Einsatz von Schlagwerk kulminierten in einem überwältigenden Gefühl von Ruhm. Freitagabend war deutlich, dass jede Phrasierung, jede rhythmische Verschiebung, jeder dramatische Atemzug des Orchesters und des Dirigenten in perfekter Abstimmung standen: Egarr leitete mit Gesten, die Leidenschaft ausstrahlten, das Orchester reagierte wie ein lebender Organismus, und zusammen schufen sie ein Finale, das sich wie eine atemraubende symphonische Umarmung anfühlte. Es wirkte, als würden die Blechbläser die Wände von Amare zum Vibrieren bringen, während die Streicher wie Wellen durch den Saal rollten.

Freitagabend wurde deutlich, dass Waltons Sinfonie nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich geladen war: jeder Satz war eine emotionale Erfahrung, eine Reise durch Wut, Verspieltheit, Melancholie und letztendlich Triumph. Unter Egarr spielte das Orchester mit einer Intensität, die sowohl die dramatischen als auch die poetischen Schichten bloßlegte. Das Ergebnis war eine Aufführung, die durch ihre Rohheit und ihre Raffinesse überzeugte und die seltene Natur dieses Werkes zur Geltung brachte.

Ein musikalischer Dialog von Mut und Leidenschaft


Das Programm von Beethoven und Walton bot einen meisterhaften Dialog: zunächst der Solist in majestätischem Glanz, dann das Orchester als Protagonist in einem Sturm von Emotion und Farbe. Lucas Jussen brachte das Kaiserkonzert mit Virtuosität und lyrischer Subtilität zum Leben, während das Residentie Orkest Walton in ein mitreißendes, intensives und emotional beladenes Spektakel verwandelte. Der Kontrast zwischen Beethovens Transparenz und Waltons roher Energie erwies sich nicht als Bruch, sondern als dramaturgisch kluger Bogen. Das Publikum verließ den Saal mit Rührung und Verwunderung, als hätte es nicht eine, sondern zwei Reisen unternommen: von kaiserlicher Vornehmheit zu entfesselter modernistischer Kraft. Die Kombination von Jussens transparantem Feuer und Egarrs visionärer Leitung gab dem Abend eine Kohärenz, die selten so überzeugend erreicht wird.

Es war ein Konzert, das nicht nur technisch beeindruckte, sondern auch emotional resonierte – ein Abend, an dem Tradition und Neuerung sich in einer seltenen, fast greifbaren Intensität trafen. Beethoven und Walton, zwei Welten des Heroischen und der Leidenschaft, kamen Freitagabend in Amare zu einem unvergesslichen musikalischen Dialog zusammen, in dem Virtuosität und Emotion Hand in Hand gingen.

Details

Wer
Residentie Orkest o.l.v. Richard Egarr met Lucas Jussen, piano
Wo
Amare, Den Haag
Gesehen am
14 November 2025
Bildnachweis
Eduardus Lee
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