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Rezensionen

Rigoletto, Verdis absolutes Meisterwerk absolut meisterhaft…

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· 10 Min. Lesezeit
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Rigoletto, Verdis absolutes Meisterwerk absolut meisterhaft…

Etwa die beste Rigoletto in vielen Jahren genießen dürfen im unbekannten Opernhaus der serbischen Kulturstadt Novi Sad. Für die ganze Geschichte über die Oper selbst kannst du auf dieser Link gehen. Zweimal treffe ich zufällig in derselben Stadt innerhalb eines Jahres, in der Oper, und erlebe dort etwas Besonderes. Ich erinnere mich an die Rezension über Liszts Oper Sardanapalo (klick hier) und jetzt Rigoletto und wie! Ja, das ist wirklich Glück haben …

Ausgezeichnetes Niveau, prächtige Regie mit einer selten reichhaltigen Vision – eigentlich die beste, die ich je gesehen habe – und atemraubend gesungene Rollen in großer Harmonie, starker Chor, fantastisches Orchester und ein Dirigent, der das leitete, als wäre es sein 100. Mal. So möchte ich mich noch einmal von Krankheit erholen, wenn ich so etwas erleben und dabei sein darf, teilnehmen, Teil des Geschehens sein. Es hilft und ist etwas anderes als Pillen. Ja, Musik heilt.

Was hörte und sah ich denn alles, das mich so begeistert und das ich dir, Leser, unbedingt mitteilen möchte? Rigoletto ist so bekannt, dass du nicht unbedingt ein Stück Europa durchreisen musst, um diese Oper einmal zu erleben. Aber wenn du die Chance hast, während du irgendwo bist und deinen Abend füllen kannst, während draußen Wolken drohen den Abend zu verderben? Dann gehst du doch in den Saal? So taten wir es einmal mit einer Gruppe von Freunden in New York, drei Tage verweilten wir dort und wandernd an der MET vorbei sahen wir ein Plakat: heute Abend Mozarts Così fan tutte mit Kiri Te Kanawa. Natürlich kauften wir eine Karte und noch jetzt, Jahre nach diesem März 1987, genieße ich davon. Wenn es sein darf, denke ich auch noch gut 30 Jahre (und gerne noch mehr) diese Rigoletto in Novi Sad nachzugenießen.

Das Orchester setzt mit einer etwas zu schnellen Trompete ein. In einem Augenblick denke ich sofort: „Das wird schief gehen!", aber außer noch einmal einen ähnlichen Fehler läuft das Orchester flüssig und folgt genau Dirigent Mikica Jevtić, der magisch glänzt. Es wird eine starke musikalische Leistung mit enormen Höhepunkten. Um doch einen Minuspunkt zu nennen, von dem ich erfahre, dass er innerhalb von etwa anderthalb Jahren der Vergangenheit angehört: Die Akustik ist nicht die beste. Sänger, die etwas weiter hinten auf der Bühne stehen, hört man schnell weniger deutlich. Glücklicherweise wird der Saal am Ende der Konzertsaison 2019-20 komplett umgebaut und dieses Problem gründlich angepackt.

Orgien, Dekadenz, Entführung und Vergewaltigung, Verrat, Unreinheit…

Wir erfahren, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, wenn es darum geht, dass sich manche Menschen durch die übersteigerte Fülle, in der sie leben, durch die übersteigerte Macht, die sie haben, langweilen. Siehe die Geschichte des amerikanischen Milliardärs Epstein, sie könnte perfekt als Szenario für Rigoletto dienen. Entführte Mädchen, Gruppenvergewaltigungen, Morde. Denn darum geht es in Rigoletto: Grausamkeit.

Es ist nicht nur der Bucklige, Rigoletto, der aus Opportunismus seinen Brotherrn, den Herzog von Mantua, in allem folgt, bis zum Gröbsten. Alle diejenigen, die in Wohlstand leben dank des Herzogs, machen in diesem Treiben mit. Sie könnten anders wählen, aber wovon sollte er, der Bucklige, leben? Weil er, besser als wer auch immer, weiß, wie die Herren sind, die einerseits den Auftrag geben und andererseits den Auftrag ausführen – für das Geld und/oder um das Mädchen ihren Körper (vorübergehend) besitzen zu können – beschützt er krampfhaft seine Tochter. Eine junge angehende Frau, noch sehr attraktiv auch. Natürlich fürchtet er sich mehr als jeder andere Elternteil in der Nähe des Herzogs von Mantua um die Ehre und das Leben seiner Tochter Gilda.

Dieser widerliche Herzog, der sich einen Kaiser von Rom wähnt – und das war wörtlich so zur Zeit, in der die Geschichte spielt – ist das Alter Ego von Don Giovanni, auch so ein Scheusal mit seinem feigen Helfer. Er hat schon viel Blut an den Händen. Mädchen, Eltern, die ihre Tochter nicht freiwillig preisgeben, sie müssen dran. Köpfe rollen scharenweise. Und das wird beim Öffnen des Theatervorhangs sofort deutlich. Ein großes Gemälde wird gezeigt mit lauter gefallenen nackten jungen Frauen, während Rigoletto daran vorbeiwandelt mit einer Puppe, die seine Tochter und andere missbrauchte Mädchen darstellt. Nach ihm erscheint der Herzog, der sich selbst mit einem Lorbeerkranz krönt. Sofort denkt man an Caligula oder Nero & Co. Dann geht das Gemälde nach oben und man sieht auf der Bühne Leichen liegen, alle junge Frauen… Die Ouvertüre geht in den Gesang über und die Figuren springen auf, die Oper hat wirklich begonnen. Ballettänzer – eine sehr starke Gruppe männlicher Tänzer mit einer zentralen Figur, die auf Conchita Wurst anspielt (österreichischer Songfestival-Gewinner) und geschmeidge Tänzerinnen beherrschen die Bühne, während der Chor den Herzog ablöst.

Gesangs- und Schauspieltalent bis zur Grenze stimuliert

Es ist der jüngere serbische Tenor Stevan Karanac, der sehr persönlich und charaktervoll in dieser nicht einfachen Rolle überzeugt, bei der alle hoffen, noch einmal Luciano Pavarotti zu hören. Das muss dadurch doch besonders schwierig sein für jeden Tenor, diese Rolle in Angriff zu nehmen. Karanac lässt es an sich vorbeigehen und singt sehr flüssig, was er mit einem Gesichtsausdruck verbindet, der die Perversität, die des Herzogs Verhalten kennzeichnet, auf der ganzen Linie ausstrahlt. Es ist kaum zu glauben, dass er diese Rolle zum allerersten Mal singt.

Wer auch in der Rolle debütiert und was gleichermaßen unwahrscheinlich ist, ist Bariton Zeljko R. Andrić als Rigoletto. Er ist der Vater des Kindes: seine Körpersprache, sein Gesichtsausdruck, seine Stimme manchmal sehr gezügelt und dann wieder fast echtes Weinen, machen deutlich, was sein muss und was Verdi selbst in der Musik übersetzt hat: der Schmerz über den Verlust eines Kindes, das ein Vater so sehr hegt. Man fühlt fast mit dem ganzen Saal weinen. Sehr emotional.

Gänsehaut bekommst du, wenn der Bass Strahinja Djokić, der Graf von Monterone, die Bühne stürmt, um seine Tochter, die entführt und missbraucht wurde, zurückzubekommen. Herzzerreißend ist sein „Gebrüll", seine Wut, seine Ohnmacht und sein Fluch gegen den ihn noch mehr erniedrigenden Narren, der Rigoletto ist. Wie schmutzig kann man sein? Aber wehe, der Fluch! Kann das wahr sein? Ein Fluch hat Kraft und wirkt sich aus, der alte Narr gerät in Panik und dass es nicht ohne Grund ist, wird sich später zeigen: das Schicksal wird ihn so hart treffen, wie es nur geht.

In sieben Hast versucht Rigoletto seine Tochter vor allem Bösen zu bewahren, aber die junge, sich entfaltende Frau Gilda, die reine Unschuld ausstrahlt – was für ein feiner, sanfter und doch voller Sopran mit kraftvoller Koloratur ist Darija Olajoš Čizmić – ist bereits verliebt in einen jungen armen Studenten… Niemand Geringeres als den Herzog, der die Haushälterin von Rigoletto mit einem fetten Trinkgeld bereits bestechlich gemacht hat. Und um es noch schlimmer zu machen, entdecken die Höflinge des Herzogs, dass dieser alte Kerl ein junges Mädchen zu haben scheint, und noch ein hübsches dazu. Dass es seine Tochter ist, erfahren sie erst nach der Entführung und dem Missbrauch im Palast durch den Herzog. Inzwischen haben diese Herren die Haushälterin Magdalena (Jelena Končar), die bei der Entführung geholfen hat, ihren versprochenen Bonus in einer anderen Form gegeben, als diese schlechte Frau erwartet hatte: statt eines Geldbeutels bekommt sie einen Dolch ins Herz. Verrat lohnt sich nicht immer.

Im Palast, einem Gebäude, das in seinen Fundamenten schief absinkt – es steht sinnbildlich für Dekadenz – singen Vater und Tochter ein ergreifendes Duett. Das Publikum dankt mit offenen Tüchern, was mehrmals in dieser Aufführung passiert und nicht nur mit Applaus, sondern mit vielen Bravos und zu Recht!

Der Mord…

Für Rigoletto ist jetzt Schluss. Er wendet sich an Sparafucile. Ein Auftragsmörder mit Berufsethos, der immer sein Wort hält und ermordet, wen auch immer. Leistung für Geld… Goran Krneta ist ein tiefer strenger Bass, etwas trocken und dadurch gerade eindringlich genug und mit der perfekten Haltung für diese Rolle. Die Atmosphäre der Geschichte, aber auch auf der Bühne und im Saal wird angsterfüllt: man spürt, schmeckt und riecht das Unheil. Ein Haufen Gesindel füllt die Bühne mit nur einer reinen Seele, Gilda. Gilda… Sie opfert ihr Leben auf, nicht nur um ihr Liebesleid zu beenden, sondern auch um der Schwester des Mörders, einer ordinären Prostituierten, die Liebe ihres Lebens zu gönnen und diese Liebe ist niemand Geringeres als derjenige, der singt: „La donna è mobile" (die Frau ist launenhaft), der Herzog von Mantua…

Gilda weiß, was sie tut und betritt überzeugt die Herberge, wo sie weiß, dass sie sofort einen Degen ins Leib gerissen bekommt und sterben wird.

Sparafucile liefert den Leichensack an einen triumphierenden Rigoletto. Der Schuft ist tot! Die Rache hat gesiegt und dann? Dann singt der Tote… O Fluch? Es kann nicht sein und doch ist es… Dieser Mann lebt. Der Sack!?… Der ängstliche Narr öffnet den Sack… Gilda. Und dann bekommst du einen Vater in Echt. Augen von Menschen werden nass. Nicht nur wegen dem, was Verdi in der Musik geschrieben hat, den Tod seiner eigenen Kinder, einer jungen Frau und einer jungen Schwester, sondern auch wegen des Schmerzes, den der Mann auf der Bühne verkörpert, wenn es sein Kind sein müsste. Der Blick, die Hände, die Haltung und wie sanft er „Gilda, mia Gilda" singt, statt es sofort auszuschreien… Im Hintergrund der Bühne erscheint in einem weißen Kleid zwischen weißen Blumen ein Engelsfigürchen. Es ist die sterbende Seele von Gilda, die sich in die Länge streckt, die Hand zum Himmel reicht, der sie bald aufnehmen wird. Auch während ich das schreibe, erlebe ich die Emotion im Saal neu. Es ist der stärkste Moment dieser ergreifenden Oper. Für mich das größte Meisterwerk von Verdi, das hier mit sehr begrenzten Mitteln das größte Ergebnis erreicht.

Der Applaus? Tosend und mit unzähligen Bravos… Dieser Rigoletto darf international gehen!


Weißt du, was es noch besser gemacht hat? Ein straßenarm Roma-Kind von 11 Jahren durfte von ihrer Mama mitgehen. Dieses Mädchen liebt Ballett und „schönes Singen", aber ja, Chancen? Sie genoss jede Sekunde und durfte danach noch mit den Sängern und dem Regisseur ins Theatercafé. „Das vergesse ich nooooch nie, so schön!". Und siehe? Einer der Künstler nannte den Namen einer Sopranistin mit Karriere, auch Roma, die armen Kindern, die selten eine Chance bekommen, kostenlos Unterricht geben lässt... „So kannst du eine prima Ballett-Dame werden", sagte eine junge pensionierte Dame, die auch einmal die Chance ihres Lebens bekam. Drückt ihr diesem kunstsinnigen, kaum geschulten Mädchen die Daumen, das überglücklich nach Hause zurückkehrte?


  • WAS: Rigoletto – Libretto Francesco Maria Piave, Musik Giuseppe Verdi
  • DIRIGENT: Mikica Jevtić
  • REGIE: Aleksandar Nikolić
  • CHOREOGRAFIE: Aleksandar Ilić
  • KOSTÜME: Senka Ranosavljević
  • BÜHNENBILD UND LICHT: Saša Senković und Marko Radanović
  • CHORDIRIGENT: Vesna Kesić Krsmanović
  • STIMMEN: Rigoletto – Zeljko R. Andrić; Gilda – Darija Olajoš Čizmić; Herzog von Mantua – Stevan Karanac; Sparafucile – Goran Krneta; Magdalena – Jelena Končar; Graf von Monterone – Strahinja Djokić
  • ORCHESTER UND CHOR: Srpsko Narodno Pozorište (Serbisches Nationaltheater)
  • ORT & WANN: Novi Sad, Serbisches Nationaltheater, 25. September 2019
  • FOTOS: © Srdjan Doroški
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